Des Teufels Unruhe

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Kennst Du den Ausdruck, „den Spruch könnte ich mir übers Bett hängen?“ Ich weiß, Du bist ein Fan des Bayern München, reden wir nicht drüber. Aber ich habe einen Bekannten hier in der Stadt, der ist ein derartiger Dortmundfan, dass man glauben könnte, der Mann lebt eigentlich für den Fußball und seinen Verein. Von ihm würde ich sagen, über seinem Bett hängt eine Dortmundfahne.
Der Ausdruck „über dem Bett hängen“ meint, dass da nur ein Platz frei ist und dass da mit einem kurzen Satz oder einem Bild zu erkennen ist, was diesem Menschen irgendwie das wichtigste ist. Das kann man natürlich nicht all zu wörtlich nehmen. Wenn man meinen Bekannten genauer fragt, wird er schon sagen, das Leben seiner Mutter sei ihm wichtiger als seine Mannschaft, und wenn er einen Sohn oder eine Tochter bekommt, wird die Dortmundfahne natürlich sofort gegen ein Bild von seinem Kind ausgetauscht. Aber der Ausdruck meint doch einen für das Leben wichtigen Spruch.
Es ist eine interessante Beschäftigung, sich hier und da kurz die Frage zu stellen, was denn gerade bei einem selbst über dem Bett hängt. Das habe ich heute morgen getan, und wenn man so möchte, habe ich kein neues Schild aufgehängt, sondern ein schon ziemlich altes mit einem Lächeln blank geputzt. Es lautet: „Keine natürliche Sehnsucht ist sinnlos.“
Wenn ein Kind beim Zahnarzt sitzt, dann findet es das schrecklich. Viel lieber würde es in die freie Welt seiner Spiele springen können. Das stärkste Argument der Mutter lautet dann: „Hab noch ein bisschen Geduld, es ist gleich vorbei“, was ja auch stimmt. Das mit dem Zahnarzt soll bald vorüber sein, das vergnügliche Spiel könnte von ihm aus immer weiter gehen.
Das alles ist nicht nur bei Kindern so. Bei den Erwachsenen ist es genau das gleiche. „So ein Tag, der dürfte nie vergehen“, singen die betrunkenen Großen, wenn sie sich in den Armen liegen.

Alle wollen ewig leben, das Ewige muss vor allem aber schön und unverletzbar sein. Das hat immer auch mit Ruhe zu tun. Es reicht nicht, wenn man das, was man haben möchte, bekommt. Man will auch, dass die Sehnsucht darin zur Ruhe kommen kann. Ruhe meint hier nicht unbedingt so etwas wie schlafen oder langsam werden. Zur Ruhe gekommen sein kann auch heißen, dass man bei egal was man tut, in Ruhe gelassen, dass es nicht gestört, dass es nicht gefährdet wird.
Wenn man nun gläubige Muslime fragt, was ihr letztes Ziel ist, so werden sie in aller Regel ihre Vorstellung vom Paradies nennen. Christen werden auf die Frage im Allgemeinen mit dem Himmel als der großen Heimat antworten. Der heilige Thomas sagt das natürlich auch. Für ihn reicht das aber nicht nicht. Bei ihm ist der Mensch vor allem ein Forscher. Auch im schönsten Paradies und im herrlichsten Himmel würde er alles gut, schön und prächtig finden. Es würde ihn aber immer noch die große Frage beunruhigen: Wo kommt das alles her, wie ist das alles zusammen gebaut und gehalten. Wie wir als Kinder die großen Radiokästen unserer Eltern auseinandernehmen und untersuchen mussten, so will der Mensch wissen, woran er ist, wo er lebt und woher im Letzten alles kommt. Thomas ist fest überzeugt, erst wenn diese große und letzte Frage zur Ruhe kommt, ist alles erreicht. Es bedeutet Gott schauen oder ihn in gewisser Weise sogar durchschauen! Das geht am Ende aber nur, wenn wir dazu auf eine ganz neue, höhere Ebene des Verstehens gehoben werden. Für unsere gewohnten Augen wäre das alles viel zu viel Licht. Aber darin besteht beim Aquinaten die eigentliche, letzte, natürliche Sehnsucht des Menschen.
Aber: Über dem Bett steht ja „Kein“ natürliches Sehnen. Es sind also auch die kleinen Wünsche gemeint, die mit am Ziel zur Ruhe kommen. Wie bei einem Multimillionär, der sich mit seinem Geld alle materiellen Wünsche erfüllen kann. Seine Lage ist nur eine, aber seine Wünsche sind alle gestillt.
Wenn nun ein Engel sich derart prinzipiell gegen die Bedingungen stemmt, wie das alles zu kriegen ist, dass er „lieber gar nicht als so!“ sagt, dann hat er ein Problem mit seiner Ruhe. Er will alles und bekommt nichts, weil er auf seine Weise besteht. Deshalb darf man vermuten, dass der Teufel sehr nervös ist. Er gestattet sich selbst nicht, dass er auch er zur Ruhe kommt.

Quellen:
ScG 2, 55, 13: „Impossibile est naturale desiderium esse inane.“ – „Ein natürliches Verlangen kann unmöglich sinnlos sein.“

Sth I, 19, 2, co: „Res enim naturalis non solum habet naturalem inclinationem respectu proprii boni, ut acquirat ipsum cum non habet, vel ut quiescat in illo cum habet.“ – „Ein jedes natürliche Ding nämlich hat nicht nur eine Hinneigung zum ihm eigentümlichen Gut, das es haben will, so lange es seiner noch nicht inne ist, sondern auch, dass es in ihm ruht.“

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