Können Bäume weinen?

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Manche sagen Bäume weinen, etwa, wenn man ihre Rinde verletzt und Harz tropft. Das sieht dann schon mal so aus, wie wenn Augen tränen. Leute, die etwas näher am Wasser gebaut sind und sich insgesamt eher vom Bauch her gesteuert werden, sagen schon mal, man dürfe Bäume nicht verletzen, sie zeigten uns das mit ihren Tränen, die sie weinen.
Dann gibt es die eher trockeneren Typen, die ihre Welt über die Logik berechnen. Die sagen, das sei Unsinn, Bäume könnten nicht weinen, weil sie zum Beispiel kein Gehirn hätten.
Du kennst mich nun schon lange genug um zu wissen, dass mir das Logische viel bedeutet und sagen würde, dass weinende Bäume eher nur aussehen, als weinten sie. Zum Weinen muss man trauern können, zum Trauern gehört ein gewisses Bewusstsein, und ich würde mich nicht trauen zu behaupten, Wesen aus Holz, Rinde und Blättern könnten das.

Aber so zu denken ist nicht ganz ungefährlich. Noch vor drei- vierhundert Jahren veranstalteten Forscher aus gewissen Schulen mit gutem Gewissen die grausamsten Tierversuche, weil sie glaubten, das Klagen der gequälten Tiere sei, wie das Weinen der Bäume, nur mechanisch. Tiere seien nicht genügend ausgestattet, um wirklich Schmerz zu empfinden, und so legten sie los und ließen sich nicht stören.

Tränen sollen aber stören. Das ist genau eine ihrer Aufgaben, um es einmal so zu sagen. Augenärzte werden natürlich vielleicht ins Spiel bringen, Tränen spülten in erster Linie die Augen, um Verunreinigungen auszuscheiden oder sonst irgendetwas, wovon mir die Ahnung fehlt. Geschenkt. Ich würde aber auch meinen, Tränen sollen stören. Oft fließen sie, damit wir aufhören, grausam zu sein oder damit wir überhaupt merken, dass gemein ist, was wir tun. Tränen können uns auch in unserem bequem dahin fließenden Leben stören. Die Tränen eines Menschen bitten uns, aufzustehen und zu helfen, etwa um das unnötige Elend unseres Nachbarn in Freude zu verwandeln. Auch dann stören sie.

Wir Leute aus der Logik sind eher geneigt als die Leute vom Bauch her, manche Zeichen nicht anzuerkennen, die die anderen für solche halten. „Siehst du nicht, dass der Baum weint?“, lautet der Appell der Bauchleute. „Unsinn, der weint nicht, das sieht nur so aus“, lautet dann die Antwort.
In der Welt der Logik gehört zum wirklichen Weinen so etwas wie ein Wille oder wenigstens eine Art Vorform davon. Kinder weinen schon mal, um Süßigkeiten zu bekommen. Babys weinen, weil sie bei ihren Eltern sein wollen. Irgendetwas muss da so etwas wie „ich weine jetzt los, vielleicht hilft das“ gedacht haben. Denken gehört also dazu.
Wenn Bäume weinen, dann sagen die einen, Mutter Natur hat es so eingerichtet, dass die Bäume uns Zeichen geben, vielleicht anders mit ihnen umzugehen. Ich zähle mich nun nicht gern zu den Leuten, die von der Mutter Natur reden, weil sie schon mal zu vergessen scheinen, dass hinter einer Mutter, logisch gesehen, eigentlich noch eine Instanz stehen müsste, aus der sie selber kommt. Es würde jetzt etwas zu weit gehen, der Frage genauer nachzugehen, wie man erklären kann, ob man eigentlich eine allerletzte Instanz hinter allem annehmen muss, die wir Gott nennen. Ich habe vor, ein kleines Buch darüber zu schreiben. Für jetzt, reicht es anzudeuten, dass ich geneigt bin, eine ähnliche Meinung zu haben wie die Naturleute. Ich glaube nicht, dass es die Natur als Mutter gibt. Ich glaube aber, die Natur hat einen Schöpfer, der durchaus in der Lage ist, Zeichen von seiner Meinung auszulegen. Es kann sein, dass jemand, der glaubt die Mutter Natur würde ihm mit Baumtränen Zeichen geben, sich irrt, was den Zeichengeber angeht. Es kann aber sein, dass er in der Sache, dass die Tränen Zeichen sind, nicht ganz falsch liegt.

Der heilige Thomas scheint übrigens auch von dieser Art zu sein. Er sagt zum Beispiel, das Wesen, also die tieferen Gründe der Dinge bleibe den menschlichen Augen verschlossen. Damit widerspricht er den Leuten, die meinen, eines Tages die Geheimnisse der Natur ganz durchschauen zu können. Die Welt des Thomas hat immer ein tieferes Geheimnis als wir durchschauen können. Wie bei einem See, in den man springt und nie den Grund erreicht, weil er vor einem immer tiefer wird.

Wir sind eigentlich bei den Engeln, und versprochen war ein Blick auf die Frage, ob Engel Schmerzen haben können. Das Problem ist hier geradezu umgekehrt: Bei den Bäumen und Tieren war die Frage, ob sie Schmerzen leiden können, weil wir die Zeichen sehen. Bei den Engeln lautet die Frage, ob sie Schmerzen haben können, obwohl es keine Zeichen gibt. Engel haben keine Stämme, keine Rinde, keine Augen und keine Flüssigkeit. Dennoch erklärt der heilige Thomas, sie können sehr wohl Schmerzen haben. Denn zum Schmerz reicht es, dass man ein Bewusstsein hat, in dem man weiß, dass man etwas haben möchte, was man nicht hat und nicht haben kann. Schmerzen kann man auch haben, wenn man sich vor etwas Zukünftigen fürchtet. Das alles ist bei Engeln möglich, das sagt jedenfalls der Lehrer in unserer Schule.

Verit 10, 1, co: „Rerum essentiae sunt nobis ignotae, virtutes autem earum innotescunt nobis per actus, utimur frequenter nominibus virtutum vel potentiarum ad essentias significandas. – „Die Wesenheiten der Dinge sind uns unbekannt. Ihr Vermögen aber wird uns durch ihre Tätigkeiten bekannt. So gebrauchen wir oft die Namen ihrer Vermögen und Möglichkeiten, um ihre Wesenheiten zu umschreiben.“

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2 Kommentare zu “Können Bäume weinen?

  1. Zu einem Nebenthema das passende, lange und abgesetzt kurze, Chestertonzitat aus Orthodoxy VII:

    Only [i.e., alone among schools of ideas] the supernatural has taken a sane view of Nature. The essence of all pantheism, evolutionism, and modern cosmic religion is really in this proposition: that Nature is our mother. Unfortunately, if you regard Nature as a mother, you discover that she is a step-mother. The main point of Christianity [in this respect] was this: that

    Nature is not our mother: Nature is our sister.

    We can be proud of her beauty, since we have the same father; but she has no authority over us; we have to admire, but not to imitate. This gives to the typically Christian pleasure in this earth a strange touch of lightness that is almost frivolity. Nature was a solemn mother to the worshippers of Isis and Cybele. Nature was a solemn mother to Wordsworth or to Emerson. But Nature is not solemn to Francis of Assisi or to George Herbert. To St. Francis, Nature is a sister, and even a younger sister: a little, dancing sister, to be laughed at as well as loved.

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