Die Maschine des Verstehens

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Gestern berichtete unsere Nichte ganz begeistert, wie ihre kleine Tochter, sie ist jetzt ein süßes Jahr alt, zum ersten Mal den passenden Deckel auf eine Flasche gesteckt hat. Sie hat ihn natürlich erst einmal in den Mund gesteckt und genüsslich auf ihm herum gekaut. Aber dann hat sie ihn mit dem Ernst eines Professoren genommen und an seinen Platz gesetzt. Alle sind ganz entzückt, dass sie das schon kann. Noch vor Wochen hätte sie den Deckel noch nicht als Deckel erkannt und nach dem Beißvergnügen auf den Boden fallen lassen. Jetzt hat sie sich bereits so weit entwickelt, dass sie weiß, dass ein Deckel ein Deckel ist.

Für unser Thema könnte folgender Gedanke von Interesse sein: Kinder lernen manche Dinge ganz von selbst, und man braucht sie nicht erklären. Sie schauen sich einfach das Verhalten der Großen ab und kombinieren die Dinge ganz von allein.
Das brachte mich gestern auf die Idee, von einer Sache zu sprechen, die unser Lehrer häufig erwähnt und als eine Selbsterständlichkeit annimmt, von der wir aber reden sollten, um ihn zu verstehen. Wann immer Thomas vom allgemeinen Erkennen des Menschen spricht, erwähnt er sogenannte „erste Grundlagen“, die der Mensch nicht lernen braucht, sondern irgendwie von Natur aus hat.
Unser Baby hat sich natürlich am Verhalten der Großen abgeschaut, dass ein Deckel auf seine Flasche gehört. Hätten die Eltern sie nicht immer so platziert, hätte das Kleine sich sicher noch nicht ausgedacht, dass Flaschen Deckel brauchen und das genau das Ding dazu geeignet gewesen sei. Um das zu können, hätte das Kind schon ein kleiner Erfinder sein müssen.

Die Sache mit den Deckeln war also keine natürliche Anlage, sie musste abgeschaut werden. Wir können aber auch ein Stockwerk tiefer gehen und Fragen stellen. Hat das Baby auch lernen müssen, dass man sich grundsätzlich das Verhalten der Großen abschauen muss? Niemand hat ihm gesagt, es solle das Verhalten der Alten nachahmen, um mit dem Verstand wachsen zu können. Das Kind kann noch gar nicht sprechen.

Vielleicht ein weiteres Beispiel. Wenn man Babys Milch und Möhren anbietet, dann sagen sie nicht nein, wenn sie Hunger haben, sondern speisen genüsslich. Gibt man ihnen Senf oder Essig, gruseln sie sich und wehren ab. Sie sagen auf ihre Weise nein. Dass Möhren süß sind und dass Kinder Süßes lieber mögen als bittere Speisen, brauchen wir nicht besprechen. Aber woher sie haben, dass das Nein nein bedeutet und das Gegenteil davon Ja, gehört irgendwie zur Maschine des Verstehens überhaupt, die bereits gewachsen ist, bevor man verstehen kann.

Das am meisten gebrauchte Beispiel ist das mit dem Ganzen und seinen Teilen. Der Mensch wird sicher lernen, was ein Kuchen ist. Aber dass ein Stück einer Torte kleiner ist, als die ganze, das grundsätzlich zu wissen, gehört zum Apparat des Begreifens. Es geht jetzt nicht um Torten oder Pflastersteine. Es geht um die Mechanik des Wissens, dass Teile Teile sind und das Ganze das Ganze. Wenn jemandes Apparat nicht richtig gewachsen ist und hier Fehler im System hat, mit dem kann man in keiner Sprache von mehr oder weniger sprechen, ganz gleich, was es ist. Dass weniger weniger als mehr ist, dass muss bei allen Menschen irgendwie feststehen, sonst können sie gar nicht miteinander reden und gar nicht anfangen zu lernen. Bevor man angeln lernen kann, muss es irgendwo Wasser und Fische geben.
Wie schon mal gesagt, wir können beide kein Chinesisch, und ein Chinese wird nicht verstehen, wenn Du ihm von einem Eimer Wasser erzählst. Er wird nicht wissen, was Du meinst, wenn Du „zehn Liter“ zu ihm sagst. Er weiß aber, dass zwanzig doppelt so schwer sind.
Thomas spricht also oft von allerersten Prinzipien des menschlichen Verstehens, die der Mensch nicht lernt, sondern kennen muss, um irgendetwas kennen zu können.

Thomas übernimmt seine Lehre übrigens von seinem großen Lehrer Aristoteles. Den hatte die ganze Epoche bewundert, weil er sich tausendfünfhundert Jahre zuvor schon solche präzisen und grundsätzlichen Gedanken gemacht hatte: Es gibt Grundlagen zum Verstehen, die man nicht lernen kann, weil man sie als Fundament braucht, um überhaupt etwas lernen zu können. Alle Menschen aller Zeiten, die in ihren ersten Lebensjahren Gelegenheit hatten, ohne tragische Störungen zu wachsen, haben diesen Verstandesapparat mit seinen „ersten Prinzipien“. Aristoteles und Thomas sind jedenfalls der Meinung, das müsse alles irgendwie so sein.
Ich kann Dir sagen, warum ich das alles schreibe: Thomas erwähnt es, wo er von den tragischen Schmerzen jener Engel spricht, die sich gegen Gott entschieden haben. Davon im nächsten Kapitel.

Quelle:
Sth I, 64, 2, co: „Differt autem apprehensio Angeli ab apprehensione hominis in hoc, quod Angelus apprehendit immobiliter per intellectum, sicut et nos immobiliter apprehendimus prima principia…“ – „Das Begreifen des Engels unterscheidet sich vom menschlichen Begreifen dadurch, dass der Engel unbewegt durch seinen Intellekt begreift, wie wir ohne Denkbewegung der ersten Prinzipien inne sind…“

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