Reden, Plaudern, Offenbaren

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Man sagt, wer sich für alles eine Tür aufhalten will, der sitzt im Flur, und wer allen alle Fenster öffnet, holt sich einen Schnupfen. Das meint, wenn man ein wohnliches Herz haben möchte, dann muss man darin auch etwas für sich bewahren können. Der Mensch braucht seine kleinen Geheimnisse, und der Volksmund sagt, es sei nicht gut, eine Mördergrube aus seinem Herzen zu machen.
Thomas meint zum Beispiel, dass es ein Mensch, der mit sich ein schweres Problem hat, nicht gut bei sich selbst aushält und sozusagen draußen umherschweifen muss, ein bisschen, wie ein Umherirrender, der in seiner Heimat nicht mehr auftauchen mag. Es gibt Verborgenheiten des Herzens, mit denen der, der sie hat, einfach keine Freundschaft schließen kann. Es gibt auch solche, die einen verzweifeln lassen. Das können Erinnerungen an Verletzungen sein oder solche an andere schlimme Ereignisse.
Es gibt auch Verborgenheiten des Herzens, die schön wie Edelsteine sind und gehütet werden wollen. Von solchen sagt Jesus einmal, es sei nicht ratsam, sie den Schweinen vorzuwerfen, die sie nicht zu schätzen wissen und ohnehin nur in den Staub treten. Es gibt Verborgenheiten, die man mit Freunden teilen kann und nur für sie reserviert wissen möchte.

Wenn wir dem heiligen Thomas Glauben schenken, dann gibt es, was die Engel angeht, eine klare Grenze: Die Verborgenheiten der Herzen bleiben ihnen verborgen. Drei Dinge, sagt er, weiß und kennt nur Gott allein: Das, was in der Zukunft geschieht, die Verborgenheiten der Herzen und die Dinge, die gar nicht da sind.
Es ist nicht ganz unwichtig, das kurz zu betonen. Dass die Menschen Geheimnisse voreinander haben können, wissen wir. Wir müssen einander vertraut werden, können fragen, die Zustimmung verweigern oder auf später verschieben. Das gilt auch für die Engelwelt. Auf dem Berg Gottes geht es höflich, freundlich und vor allem vertraulich zu. Was wir im Herzen bergen möchten, das bleibt allen unbekannt, denen wir es nicht offenbaren wollen. Dazu sind auch die Engel keine Ausnahme.

Es gibt übrigens eine hübsche Unterscheidung in der deutschen Sprache für all diese Dinge. Sie wird feierlicher, wenn es um das Heilige geht, und die Herzensangelegenheiten sind uns heilig. Wenn um den Inhalt eines Aktenordners geht, dann sagen wir, der eine zeigt ihm dem anderen. Wenn es um das Herz geht, dann gebrauchen wir lieber das feierliche Wort „offenbaren“. Den Inhalt einer Spielkiste nehmen wir zur Kenntnis. Ein Herz wird uns offenbart. Ebenso, wie die Feierlichkeit der Sprache nach oben geht, kann sie auch nach unten fallen. Jemand spricht mit seinem Freund über seine geheimen Gedanken, wenn er sie ungebührlich weiter erzählt, dann plaudert er sie aus, und plaudern gilt wohl die niedrigste Form des Sprechens.

Wir haben da also ein bedeutendes Element in Sachen Sprache des Herzens: Die Freiwilligkeit. Man muss sein Herz ausschütten wollen, unfreiwillig geht das gar nicht. Was nun die Sprache der Engel angeht, erkennt Thomas dieses Element auch. Er sagt, die Engel reden miteinander. Sie teilen sich die Verborgenheiten ihrer Herzen untereinander mit, und das allerdings immer nur, wenn sie wollen.
Bei uns ist das mit der Freiwilligkeit in der Sprache mal so, mal so. Man hat den Eindruck, ein großer Teil dessen, der gesprochen wird, ist gar nicht besonders freiwillig. Die Hunde atmen schnell und mit heraushängender Zunge in der Sonne. Das tun sie nicht, weil sie möchten, sondern, weil sie anders ihre Körperwärme nicht loswerden. Beim Großteil des Redens den lieben langen Tag über könnte man den selben Eindruck haben: Die Menschen sprechen nicht, weil sie es möchte, sondern, weil sie es nicht lassen können. Wenn sie sich treffen, stellen sie einfach ihr Denken auf laut. Ich will das nicht verächtlich machen. Plaudern ist eine gute Sache, aber den ganze Tag angeplaudert werden, strengt an. Ob Engel plaudern oder nicht, weiß ich nicht zu sagen. Aber wenn sie sich die Verborgenheiten des Herzens offenbaren, dann ist das sicher ein heiliger Akt, und sicher auch bei ihnen mit dieser freundschaftlichen Lust verbunden, die uns sagen lässt: „Das sage ich jetzt nur dir, und nur, weil ich es die endlich sagen möchte.“

Quellen:
Sth II-II, 35, 4, arg 2: „Assignat autem Gregorius, XXXI Moral., sex filias acediae, quae sunt malitia, rancor, pusillanimitas, desperatio, torpor circa praecepta, vagatio mentis circa illicita,“ – „Gregor nennt als Kinder der geistigen Trauer die Bosheit, den Groll, die Kleinmütigkeit, die Verzweiflung, die Trägheit rücksichtlich der Gebote, das Herumschweifen des Geistes in Unerlaubtem.“

Sth I, 107, 1, co: „Ex hoc vero quod conceptus mentis angelicae ordinatur ad manifestandum alteri, per voluntatem ipsius Angeli, conceptus mentis unius Angeli innotescit alteri, et sic loquitur unus Angelus alteri. Nihil est enim aliud loqui ad alterum, quam conceptum mentis alteri manifestare.“ – „Daher aber, dass das Konzipierte im Herzen des Engels darauf hin geordnet wird, dass es einem anderen bekannt werde, wird es durch den Willen des Engels alsbald bekannt, und so spricht ein Engel zum anderen. Denn Sprechen ist nichts anderes als den Inhalt des eigenen Geistes einem anderen offenbar machen.

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