Können Engel sprechen?

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Es ist nicht schlimm, wenn Du nicht sagen kannst, was Philosophen machen. Sie selbst können es auch nicht. Ein Schreiner schreinert, das heißt, er baut Schränke, Tische und baut Fenster ein. Autoschlosser reparieren Autos. Philosophen denken nach und schreiben in Büchern nieder, was sie denken. Das reicht aber nicht. Man muss schon noch dazu sagen, was sie denken oder worüber sie sich Gedanken machen, und da wird es schwierig. Manche Philosophen sagen, sie dächten über alles auf einmal nach, also woher alles kommt, und wenn nicht, warum alles nirgendwo her kommt. Das mag ein guter Versuch sein, es gibt allerdings eine Menge Philosophen, die gerade mit diesem Thema so schnell fertig sind, wie meine Mutter mit dem Abwasch. Ein Philosoph sagte mir einmal, die Philosophie sei die einzige Wissenschaft, die sich selber zum Gegenstand ihrer Betrachtungen mache. Philosophieren bedeute also der Frage nachgehen, was Philosophieren heißt. Das macht eine Katze auch, wenn sie versucht, sich in ihren Schwanz zu beißen. Wir können damit aufhören und den Philosophen diese Fragen selbst überlassen. Eine Sache aber verbindet sie sicher alle: Sie müssen sich Gedanken machen, worüber sie reden, während andere sich das in aller Regel sparen. Wenn jemand auf der Straße „das Wetter ist heute schön“ sagt, dann bekommt er meistens eine Antwort wie: „Gott sei Dank, gestern war es ja nicht so schön“, oder: „Hoffentlich bleibt es jetzt erst einmal so.“ Zum Handwerk des Philosophen gehört es dann, das Wetter links liegen zu lassen und sich zu fragen, was das Wort „ist“ in dem Satz bedeutet. Weil das so ist, haben die Philosophen oft den Ruf, dass man sich mit ihnen gar nicht normal unterhalten kann. Die Leute wollen sich über das Wetter unterhalten und nicht über die Frage, was Unterhaltungen eigentlich sind.

Wenn wir hier über die Engel reden und nicht zu viel Unsinniges dabei anstellen wollen, dann müssen wir ein bisschen das Amt der Philosophen übernehmen. Das bedeutet, wir müssen uns immer auch über Sachen unterhalten, die man sonst als selbstverständlich übergeht.
Ich habe schon seit langen im Sinn, die Geschichte mit der Sprache der Engel anzugehen. Als ich mich dazu gestern kurz im Netz umsah, um zu sehen, was andere dazu geschrieben haben, fiel mir auf, dass da jede Menge Leute schreiben, ohne je darüber nachgedacht zu haben, worüber sie eigentlich reden. Oder besser gesagt, sie dürfen sich darüber keine Gedanken machen, weil dann wie bei einem offenen Kartenspiel zu Tage läge, dass ihr ganzes Gerede unsinnig ist. Um Erfolg zu haben, müssen sie auch genau auf die Leute setzen, die sich solche Gedanken nicht machen. Das kann man sich nicht leisten, wenn man die Schulbank beim heiligen Thomas drückt. Da kann man nicht sagen, man behaupte, der Regen sei gut für die Erde, ohne sich je Gedanken gemacht zu haben, was die Erde braucht. Auf der Straße reicht das. Da weiß man, der Regen hat, was die Erde braucht und die Erde braucht, was der Regen hat, basta.

Wie immer auch, in „Sachen Sprache“ der Engel müssen wir kurz fragen, was Sprache überhaupt ist, denn Engel können zuzusagen nicht können, was wir tun, wenn wir sprechen. Wir gehen ja davon aus, dass die Engel keine Körper haben. Also können sie keine Laute formen, weder mit dem Mund, noch mit sonst etwas. Sprache ist für gewöhnlich aber grundsätzlich hörbar. Auf den ersten Blick könnte man also sagen: Wenn die Engel keine Körper haben, dann können sie auch nicht sprechen. Ein Denker wie der heilige Thomas ist schlau genug, sich das zu denken. Er fasst den Begriff „Sprechen“ aber weiter, wir tun das übrigens auch. Wenn wir etwa von der Sprache der Liebe sprechen, dann meinen wir viel mehr. Man kann sich auch ohne Worte einen Kuss geben und ganz ohne zu reden jede Menge tun, was von der Liebe „spricht“. Wütende Leute sprechen ihre Sprache auch ohne ein Wort, und wir wären nicht selten froh, sie würden einfach nur reden.

Wir können klassisch fragen: Was will die Sprache eigentlich? Sie will dasjenige offenbar machen, was ansonsten im Herzen verborgen bliebe. Wenn Dich jemand mag oder nicht, ohne Dir das geringste Zeichen zu geben, dann bleibt sein Empfinden in ihm verborgen. Um es zu zeigen, muss er einen Weg finden, wie er es „zur Sprache“ bringt. Die Engel haben keine Leiber, aber sie haben so etwas wie Herzen, in denen sich, wie Thomas es ganz allgemein ausdrückt, Konzepte befinden. Um die einander mitzuteilen, müssen auch sie Wege gefunden haben, die einander mitzuteilen. Wenn sie das machen, dann sprechen sie untereinander, und das tun sie. Das sagt jedenfalls der Lehrer unserer kleinen Schule hier.

Sth II-II, 181, 3, co.: „Locutio autem est signum audibile interioris conceptus.“ – „Die Sprache ist das hörbare Zeichen eines innerlichen Konzeptes.“ Wie gesagt, das „Hören“ kann auch weiter gefasst werden, als das, was man mit den Ohren tut und mit dem allgemeineren „vernehmbar“ übersetzt werden. Man „sieht“ ja auch nicht nur mit den Augen. Das Wort Konzept meint hier nicht ganz das gleiche wie im allgemeinen Sprachgebrauch. Für gewöhnlich meint Konzept so etwas wie einen Plan. Hier meint es wohl eher alles mögliche, was sich im Herzen zusammengestellt hat.

De veritate 9, 5, co: „Locutio igitur proprie est qua aliquis ducitur in cognitionem ignoti, per hoc quod fit sibi praesens quod alias erat ei absens; sicut apud nos patet dum unus alteri refert aliqua quae ille non vidit, et sic facit ei quodammodo praesentia per loquelam.“ – „Eine Rede im eigentlichen Sinn ist etwas, mit dem jemand etwas einem nicht Wissendem bekannt macht, insofern er präsentiert, was ihm anders nicht bekannt war. Auch bei uns kennen wir das, etwa, wenn jemandem einem anderen erzählt, was jener nicht sieht. So macht er es ihm durch die Rede bekannt.“

Super I Cor, reportatio vulgata, 13: „Et quamvis non habeant linguam corpoream, per similitudinem tamen lingua in eis dici potest vis, qua manifestant aliis quod habent in mente.“ – „Obwohl (Engel) keine leiblichen Zungen haben, kann man doch wegen der Ähnlichkeit die Fähigkeit Sprache nennen, in der sie anderen offenbaren, was sie im Herzen haben.“

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