Wunder und wunderbare Sachen

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Weißt Du noch, was ich sagte, als wir über Wunder sprachen? Ich wüsste nicht, wann ein Wunder beginnt, also wann etwas ein Wunder ist und wann nicht. Ich würde gern kurz über diese Frage sprechen, aber lass uns erst einmal sehen, was überhaupt mit dem Wort Wunder gemeint ist. Da gibt es einen strengen Sinn und einen weiteren.

Ein Wunder im strengen Sinn ist ein Geschehen, das normalerweise nicht vorkommen kann. Thomas sagt das übrigens auch, allerdings genauer. Er teilt es gleich in aktiv und passiv: Auf der einen Seite werde Wunder genannt, was die Welt aus ihren eigenen Kräften nicht (aktiv) zustande bringen könne. Auf der anderen Seite sei ein Wunder etwas, was mit der Welt normalerweise nicht (passiv) geschehe, und ein Wunder sei, wenn eine Wirkung über das hinaus geht, was man gewohnt ist. Im strengen Sinn heißt Wunder also, dass das jemand etwas in der Welt veranstaltet, was von sich aus nicht geschehen kann. Im strengen Sinn heißt Wunder also, dass ein übernatürlicher Geist in die Welt eingreift, eine Gottheit also oder ein Engel in deren Auftrag etwa.

Im weniger strengen Sinn nennen wir Wunder, wenn etwas eigentlich ganz normales geschieht, worüber sich dennoch alle Welt wundert. Wir nennen es ein Wunder, wenn sich zwei ganz verschiedene Lebenswege kreuzen und an einem Punkt ganz anders werden. Man sagt, es grenze an ein Wunder, wenn Bergleute aus aus einem Stollen gerettet werden, die alle Welt schon verloren gesehen hat. Dass Deutschland 1954 die Weltmeisterschaft gegen Ungarn gewonnen hat, heißt bis heute das Wunder von Bern. Das alles können ganz normale Vorgänge sein, in die man nicht unbedingt eine göttliche Hand mit einrechnen muss. Alles kann sich auch in einer Reihe glücklicher Zufälle ergeben haben, wie es sich ergab.

Zu meiner Frage, nach der nicht immer klar ist, wann ein Wunder beginnt und wann nicht. Ich bin, wie Du weißt, ein gläubiger Mensch. Das bedeutet, ich glaube an beide Sorten von Wundern. Mein ungläubiger Freund würde sicher sagen, die strenge Sorte Wunder könne es nicht geben. Wo kein Gott ist, da kann kein Gott in die Welt eingreifen. Für mich gilt das nicht. Meine Welt ist viel märchenhafter. Sie hat einen Gott, der sie kennt, der sie sieht und der in unserem Sinn mit ihr spielen kann.
Das „in unserem Sinn“ ist für den Begriff des Wunders übrigens notwendig, denn Wunder müssen, um als wirkliche Wunder gelten zu können, auch wunderbar sein. Wenn einem einbeinigen Mann ein zweites Bein wachsen würde, wäre das eine wunderbare, eine herrliche Sache. Wüchsen ihm Hörner, wäre das wohl auch ein Wunder im strikten Sinn, es wäre aber nicht wunderbar. Zum Wunder gehört, dass wir es wunderbar nennen können, und gläubige Leute im christlichen Sinn glauben an einen Gott, der niemals Wunder tun würde, die uns erschrecken, verängstigen oder an der Nase herum führen würden. Was von Gott kommt, das ist nicht unheimlich, wusste der Pfarrer von Ars zu sagen. Wer also „in unserem Sinn“ an Wunder glaubt, der glaubt an einen gütigen und väterlichen Gott, der seinen Kindern nichts böses will und nie tun würde. Ich glaube, das ist voraus gesetzt.

Schauen wir uns das erste Wunder Jesu an. Er verwandelt auf einer Hochzeit sechhundert Liter Wasser in Wein der besten Sorte. Wein kann normalerweise nicht aus Wasser werden. Das geht nur über den langen Prozess des Vergehrens von Trauben. Wenn das so geschah, dann war es ein Wunder im strikten Sinn des Wortes.
Viele andere Wunder, die Jesus tat, waren weniger zwingend streng. Wenn er Lepra heilte, dann tat er im Grunde, was Ärzte heute auch können, nur schneller. Als er den Sturm auf dem See bändigte, tat er eigentlich auch, was die Natur selbst am frühen Morgen erledigt hätte. Jeder Sturm legt sich irgendwann. Das Wunder war der Zeitpunkt und das prompte Gehorchen. Der Evangelist, der das Wunder berichtet, will zeigen, dass hier der Chef der Welt seine Bühne betreten hatte, und mein Problem, dass ich nicht weiß, wo die Wunder beginnen, meint nicht diese Grenze der Eindeutigkeit. Sie ist viel allgemeiner.
Bischof Augustinus hat sie angedeutet, als er schrieb, wir würden uns wundern, wenn der Herr zu Kana Wein aus Wasser machte, niemand wundere sich, wenn das in jedem Jahr in den Weintrauben geschehe. Ich kann mein Problem auch in einem Satz andeuten, der über die Erklärung des heiligen Thomas läuft: Ein Wunder ist, was die Welt aus eigenen Kräften nicht zustande bringt. Wir wissen, sie kann viel, sie kann Stürme entstehen lassen und Stürme stillen. Sie kann Krankheiten entstehen lassen und Krankheiten heilen. Eines aber kann sie nicht: Sie kann nicht aus eigener Kraft entstanden sein und sich nicht aus eigener Kraft erhalten.

Quellen: 
Sent 4,17,5,1 co:
 De ratione miraculi secundum se sumpti tria sunt: quorum primum est, quod illud quod fit per miraculum, fit supra virtutem naturae creatae agentis; secundum, ut in natura recipiente non sit ordo naturalis ad illius susceptionem, sed solum potentia obedientiae ad Deum; tertium, ut praeter modum consuetum tali effectui ipse effectus inducatur. 

Augustinus, Vorträge zum Johannesevangelium, 8,1: „Das Wunder unseres Herrn Jesu Christi, wodurch er aus Wasser Wein machte, ist für jene nicht erstaunlich, welche wissen, dass Gott es wirkte. Der nämlich machte an jenem Tage bei der Hochzeit den Wein in sechs Krügen, die er mit Wasser zu füllen befahl, der dies jedes Jahr in den Weinstöcken tut.“

-“ Miraculum quidem Domini nostri Iesu Christi, quo de aqua vinum fecit, non est mirum eis qui noverunt quia Deus fecit. Ipse enim fecit vinum illo die in nuptiis in sex illis hydriis, quas impleri aqua praecepit qui omni anno facit hoc in vitibus.“

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