Stufen der Übernatur

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Als mein Freund Clean noch lebte, gab es für ihn nichts, was ihn mehr begeistern konnte, als das Fliegen. Als Kind bastelte er Flugzeuge und schaute alle möglichen Filme, in denen die Menschen den Boden von sich stießen. Als Erwachsener zog es ihn auf die Flugplätze, und die größte aller Freuden hätten man ihm mit einem spendierten Flug machen können. Er sprach immer von einem Gefühl der Freiheit, das mit der Fliegerei einher gehe. Das sagen alle, die seine Begeisterung teilen, ob sie es sich leisten können oder eher nicht, wie mein Kumpel.

Diesen Wunsch nach Freiheit sprechen nicht nur die Freunde der Fliegerei aus. Auch schnelle Motorradfahrer hört man sowas sagen, und ich würde meinen, hinter all dem steht ein Wunsch danach, die Grenzen seiner eigenen Natur zu überwinden.

Wenn wir schnelle Maschinen bauen oder fliegende Geräte, dann überlisten wir die Natur, wie man sagt. Von sich aus kann der Mensch weder fliegen, noch so schneller laufen, wie sein Schäferhund. Diese Natur zu überwinden, dennoch zu siegen und der Schnellere zu sein, das hat da einen ganz besonderen Reiz.

Ein anderes Beispiel ist die angestrebte Unsterblichkeit des Körpers, für die schon immer gesponnen, gemixt und gebastelt wurde. Die ganze Geschichte der Chemie hat eine Wurzel in der Suche nach dem Stein der Weisen, der ewiges Leben verspricht. Das Gerede vom heiligen Gral macht heute noch die Runde. Auch da suchen die Menschen nach einem Jungbrunnen, der den Tod des Körpers überwindet.

Nebenbei gesagt: Die Suche nach der körperlichen Unsterblichkeit macht mich eher skeptisch. Genau, wie mich die Suche nach dem großen Reichtum skeptisch macht. Meine Skepsis würde schwinden, wenn man neben dem Stein der Weisen mit gleichem Eifer danach trachten würde, ein guter Kerl zu werden, auf katholisch gesagt, wenn neben dem Stein der Weisen auch ein Stein der Tugenden liegen würde. Aber danach scheint kaum jemand zu suchen.

Der Schurke möchte ewig leben, um ewig ein Schurke sein zu können, und unbegrenzter Reichtum würde für einen guten Teil der Menschheit nicht mehr bedeuten, als viel leichter Schurken sein zu können.

Unser Problem hat zwei Seiten. Die eine ist: Reichtum und Unsterblichkeit machen nur reich und unsterblich. Geld und Jahre lassen weder Hirn vom Himmel regnen, noch machen sie vernünftig. Das zweite, weit größere Problem ist: Die Menschen halten sich in aller Regel für feine Kerle, obwohl sie jederzeit imstande wären, ihren Nachbarn zu beklauen und für Geld ihren Freund zu verkaufen; man müsste ihnen nur genug bieten.

Drei Gründe gibt es, der Beichte fern zu bleiben. Die einen wissen nicht, wie sie es anfangen sollen oder wissen nicht, dass es sie bei den Priestern gibt. Die zweiten glauben nicht, dass ihnen auf diesem Weg wirklich verziehen wird und den Leute der dritten Gruppe würde nichts einfallen, weil sie ihre eigenen Holzwege nicht sehen.

Den meisten Menschen würde weder ein Schrank voll Geld, noch ein Kalender ohne Jahresende wirklich weiter helfen. Und soll ich dir was verraten? Als das komischste Volk der Welt gelten die Heiligen. Sie sind die einzigen, die sich selbst nicht über den Weg trauen, weil sie sich verstanden haben. Für komisch gelten sie, weil sie eine größere Heiligkeit allem Reichtum und jeder Fristverlängerung vorziehen.

Die Grenzen der Natur machen Lust, sie zu überwinden. Das gilt auch für die Heiligen, auch wenn sie die einzigen sind, die am liebsten zuerst die Grenzen ihrer eigenen, angeschlagenen Natur überwänden.

Ich hege den Verdacht, dass wir unsere Grenzen so gern hinter uns lassen würden, weil wir es mit unserem Geist längst können, In unserer Phantasie können wir längst Zeitreisen veranstalten, fliegen und ewig leben. Die Ferien der Kinderphantasie haben kein Ende, und unsere Pläne wären grenzenlos, wenn wir wüssten, dass unser Körper mitkämen. Unser Verstand ist längst übernatürlich. Wenn ein Meteorit auf die Erde zu rasen würde, um uns alle umzubringen, wie die Dinosaurier, dann würde das unsere Pläne und Träume wohl beenden, sie blieben dennoch unverletzt. Wie ein Film, der nicht endet, sondern in der Mitte ausgeschaltet wird. Träume sind im besten Sinn des Wortes übernatürlich. Wirklich übernatürlich aber sind nur die Engel, die über die Meteoren lachen können; auch wenn auch sie – im weitesten Sinn des Wortes – immer noch zur Natur der Welt gehören.

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2 Kommentare zu “Stufen der Übernatur

  1. Die schöne Einleitung zeigt, dass gute Freunde immer im Herzen bleiben..
    Schade, dass ich ihn nicht kennenlernen konnte..

  2. Oh ja, auch Du hättest ihn sofort geliebt, wie alle. Clean hatte keine Feinde, nicht einen. Leider zu scheüwach zum Leben. Jetzt bekommt er wenigstens ein ganz kleines Denkmal in meiner eher ungelesenen Schreiberei. Und ich weiß auch schon, wer noch eins bekommt…

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