Gute Eigenschaften

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Was wir heute besprechen, brauchen die Engel nicht. Angeschoben ist das ganze von einer kritischen Frage, die gestellt wurde: Ob man ohne Gottes extra Licht im Herzen sein eigenes Tun nicht beurteilen könne. Ich hatte gesagt, Intellitgenz allein reiche nicht. Sie müsse auch irgendwie vom Licht beschienen werden. Es ist klar, dass da die Frage herabsteigt, was das denn für ein Licht sein könne und woher es komme. Ich habe gleich den Schöpfer ins Spiel gerufen und ihn als den Erleuchter sozusagen markiert. Heute trete ich an, um diese Karte zwar nicht wieder aus dem Spiel zu nehmen, wohl aber, um eine weitere dazu zu legen.

In allen möglichen Religionen und ähnlichen Systemen gibt es Kataloge, wie man sich zu benehmen hat. Manche haben Bücher, in denen die Frage geklärt wird, ob man Hühnchen mit Messer und Gabel essen soll. Andere schreiben vor, dass man tolerant zu sein hat, wenn man in Ordnung sein will. Weil die Toleranzgrenze so schwammig ist, schreiben sie meistens gleich auch irgendwo dazu, gegen wen man tolerant sein muss und gegen wen nicht. Andere Systeme haben Gesetzbücher, wieder andere haben nur ein Gesetz, nämlich dass man sich eigentlich benehmen soll, wie man will. Das führt manchmal zu skurrilen Situationen, etwa wenn Kinder fragen, ob sie heute wieder tun müssten, was sie wollen. Bei den Religionen gibt es häufig Gebote, an die man sich zu halten hat, wenn man in der Spur bleiben will. Thomas und die Schule, aus der er kommt, präsentiert etwas ganz anderes. Er beginnt mit Eigenschaften, die man erwirbt, um gerne gut zu leben.

Beides ist hier von Bedeutung: Das Gut und das Gerne. Wichtig ist auch, nicht aus dem Kopf zu verlieren, dass es sich um Eigenschaften handelt. Wenn jemand über ein paar Jahre geübt hat, Posaune zu spielen, dann hat er die Eigenschaft, ein Posaunespieler zu sein. Die Grundlagen hat jeder. Jeder kann in ein Horn pusten, jeder kann Luft holen und die Töne bedienen. Um aber ein Posaunespieler zu werden, dazu braucht es Übung. Wer aber gelernt hat, der spielt im Schlaf und spielt in aller Regel seinen Leuten auch gern etwas vor. Die nervige Blockflöte der kleinen Tochter des Nachbarn möchte schließlich irgendwann zum Einsatz kommen. 
Musiker spielen gern ihre Instrumente, weil sie es gelernt haben und weil es Freude macht, das Gelernte zu präsentieren. So ist es auch mit den Eigenschaften, von denen die alte Schule spricht. Nur sind es da keine Instrumente zum Musik machen, sondern Eigenschaften, die einen zum guten Menschen werden lassen, wie es heißt.
Ich nenne die Eigenschaften kurz. Sie heißen Klugheit, Gerehtigkeit, Tapferkeit und Maßhaltung. Um es gleich zu sagen, Thomas nennt sie zwar und gibt ihnen einen besonders hohen Platz in seinem System. Sie sind aber nicht von ihm, und eigentlich nicht mal von Christen. Der Römer Cicero hat bereits in höchten Tönen von ihnen gesprochen und die alten Griechen kannten sie auch. Thomas erkennt ihren Wert. Er ordnet sie sinnvoll und baut sie in sein System ein. Damit ist seine Lehre vom Benehmen des Menschen zunächst einmal keine von Geboten, sondern von Eigenschaften, die dem Musizieren gleichen.

Das heißt, wer gelernt hat, klug zu sein, der ist gerne klug und ist es wie von selbst. Das gleiche gilt von den anderen drei Tugenden. Der Gerechte ist gern gerecht, wer tapfer ist, mag das Tapfersein und wer gelernt hat, sein gutes Maß zu halten, der fält nicht mehr gern heraus. Wenigstens nicht auf Dauer.

Um zur Frage zu kommen: Das ist die zweite Karte, die auf dem Tisch liegt. Die Klugheit ist die eigentliche Fähigkeit, in der man sein Handeln beurteilen kann. So kann unser Kritiker mit einigem Recht sagen, dass der Liebe Gott zum Erkennen seiner selbst gar nicht genannt werden muss. Schließlich kommt dieses Wissen über den Menschen von den alten Philosophen. Das stimmt wohl. Auch der Christ Thomas kommt hier zunächst ganz gut ohne aus.
Nebenbei gesagt, hat mir immer ganz gut gefallen, dass wir in Sachen Benehmen Gott erst einmal nicht nennen müssen. Eine allgemeine Lehre vom Menschen können alle Menschen diskutieren. Wenn wir als Christen mit unseren Geboten kommen (über die wir wohl jetzt auch sprechen müssen), dann kommen wir bei denen nicht weiter, die keine Christen sind. Jeder Muslim, jeder Jude und alle Atheisten können uns jerderzeit mit einem lapidaren „was geht mich das an?“ stehen lassen. Aber dass vielleicht jeder sich in Gerechtigkeit üben sollte, darüber können wir mit allen reden. Die genannte vier Eigenschaften tragen übrigens den oft leider missverstandenen Namen Tugenden.

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10 Kommentare zu “Gute Eigenschaften

  1. Danke für die ausführliche Antwort.
    Aber zum meine ursprüngliche Frage leicht variiert zu wiederholen: Wie beurteilst du denn richtig und falsch oder so), und wie sollte ich das deines Erachtens tun?

  2. Bitte gern. Ich versuche auch im weiteren Schreiben Dein Anmerken, wie ich es in Hypothese vermute, im Hinterkopf zu haben. Um Deine, jetzt nochmal nachgehakte Frage drücke ich mich. Aber um einen Gedanken Adornos mal zu bemühen, kann man die Wahrheit wohl nicht haben. Man kann wahrscheinlich aber irgendwie in oder bei ihr sein.
    Der mit der Natur gegebene Verstand hat wohl sein Unterscheidungsvermögen, dass uns veranlassen kann, etwas etwa richtig oder falsch zu finden. Aber da wir nicht der liebe Gott sind, der, so er ist, Wahrheit ist und hat, bleibt uns immer der Vorbehalt des nicht ganz richtig liegens. Mein Thomas sagt deshalb, man solle schlicht dem folgen, was man als richtig erkannt hat, und das auch auf das Risiko des Irrtums hin. Deshalb ist das christliche Anliegen, der Wille des Wissenden möge geschehen dieser Haltung geschuldet.
    Wie Du das tun sollst? Mir ist nicht ganz wohl, Dir Handlungsmaximen zu unterbreiten. Ich kann nicht wissen, wie sicher Du Dir bist in Deiner Annahme, dass alles Wahre und alles Sein in einem einzigen, realen zusammenlaufen. Wenn Du Dir Deiner Sache so sicher bist, wie ich mir der meinen, so würde der Rat des Aquinaten immer noch bedenkenswert sein: Jeder tue, was er für richtig erkennt, auch auf die Möglichkeit des Irrtums hin.

    • Ja gut, okay, aber wie machst du denn das? Wonach bemisst du, was du für richtig erkennst? Was sind deine Maßstäbe, deine Kriterien, deine Wieimmerwirsnennenwollen? Ich will dich nicht ärgern, falls der Eindruck entsteht. Ich habe nur immer noch nicht verstanden, wie der Mechanismus funktioniert, den du dir im Zusammenhang mit dem von dir genannten Licht vorstellst, und versuche mit den Fragen dahinter zu kommen.

    • Ich hatte auch den Verdacht. Wir schätzen mutmaßlich halt die Konsequenzen unserer Handlungen ab und beurteilen letzten Endes nach dem, was uns wünschenswerter erscheint. Aber wo kommt dann ein besonderes Licht ins Spiel, ohne das reiner Verstand dazu nicht in der Lage wäre?

  3. Wie gesagt, ich drücke mich ein bisschen um die Antwort, und das im Moment gerade, weil sie vorausnehmen würde, worüber ich noch schreiben will. Genau da aber weiß ich noch überhaupt nicht, wie ich es angehen werde.
    Aber vielleicht soweit. Ich würde meinen, der Mechnismus des Erkennens hat zunächst nicht viel mit der Beleuchtung zu tun, die hier wahrscheinlich zur Debatte steht.
    Thomas geht davon aus, dass es erste Prinzipien gibt, die man, einen ottonormalen Verstand einmal vorausgesetzt, eigentlich gar nicht falsch verstehen kann. Ein berühmtes Prinzip ist zum Beispiel, dass der Teil kleiner ist als das ganze und das Prinzip vom unmöglichen Widerspruch. Eine solche, sichere Erkenntnis ist bei allem Denken und Kommunizieren vorausgesetzt. Ein Erkennen mit Hilfe des prinzipiellen Beurteilens braucht bereits ein gewisses, natürliches Licht, würde ein Thomist sagen, das Gott allen in direkter Gabe schenkt, wie er auch allen ihr Sein verleiht.
    Schwierig wird es mit moralischen Entscheidungen im weitesten Sinn. Da hat man ein gewisses Licht etwa aus den weltanschaulichen Ansichten, aus seinen persönlichen, ethischen Vorgaben und und. Auch das würde man in gewisser Weise zur natürlichen Beleuchtung zählen, zumal es zu ziemlich finsteren Ergebnissen führen kann, wie wir wissen. Auch hier sagt der Aquinate zum Beispiel, dass man auch das nicht ohne den Schöpfer haben kann. Dann gibt es allerdings ein Licht, um das die Gläubigen beim Schöpfer mit ihrer Bitte anstehen, etwa wenn sie sich wünschen, er möge sie erleuchten, dass sie nicht irre gehen. Hier begeben wir uns allerdings auf eine Brücke, die Du als jemand, dessen Weltbild ohne Schöpfer auskommt, vermutlich nicht betreten wirst.

    • Ich betrete prinzipiell gerne alle Brücken, aber ich fürchte, noch ahne ich nicht mal, was das Licht nun eigentlich sein und machen soll.
      Es ist ja gewiss nicht einfach zusätzliche Information?

  4. Na ja, diese Brücke dürfte dann aber doch eine der wenigen sein, vor der Du beschließen würdest, lieber länger am Ufer lang zu laufen. Es isr die, die mit der persönlichen Kontaktaufnahme mit einem hypothetischen Schöpfer. Aber das ist ja nicht Thema.
    Doch doch, vielleicht ist das gar nicht mal schlecht… Das Licht „ist“ allerdings nicht die Information, sondern eher die Bedingung der Möglichkeit, sie zur Kenntnis zu nehmen.

    • Ich deute das jetzt mal so, dass du es nicht besser erklären möchtest oder kannst und kann damit natürlich problemlos leben. Danke für den Versuch!

  5. Ok, Du hast Recht, ich kann nicht sagen was niemand sagen kann und antworte doch noch mal, wieder ausführlich.
    Auch meine vorherige Antwort habe ich leicht modifiziert. Ich fürchte, näher ran im Sinne dessen, was an „Handfestem“ gesagt werden kann, geht kaum. Es sei denn, ich habe die Frage immer noch nicht ganz verstanden. Bitte um Nachsicht, wenn ich auch hier in der Kombox nachkorrigiere.

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