Die ungeliebte Ordnung

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Heute wieder zwei Texte.

Wir benutzen gerade einen Begriff, zu dem wir etwas sagen müssen, damit wir ihn nicht vor ihm davon laufen. Du kennst das von deinem kleinen Bruder. Wenn er sein Zimmer aufräumen soll, rennt er ganz gleich wohin, Hauptsache weg. Genau genommen aber rennt er gar nicht vor der Ordnung davon, sondern vor dem Aufräumen. Aufräumen ist kein Vergnügen, wenn aber alles an seinem Platz ist, gefällt es uns doch. Man regt sich auf, wenn man pünktlich heim soll, aber wenn das Essen tags drauf nicht genau so pünktlich auf dem Tisch steht, gibt es auch Ärger.

Wir lieben das Aufräumen,
wenn es ein anderer für uns macht.

Das schreckliche Wort „Ordnung“ gebrauchen wir auch für Dinge, die alles andere als schrecklich sind, die uns, im Gegenteil, vor dem Schrecken bewahren. Wir lieben besonders die Ordnung, die wir nicht sehen und hören. Wenn wir uns schlafen legen, dann können wir nur in der sicheren Annahme Ruhe finden, dass die Sonne am anderen Morgen aufgeht. Wenn sie machen würde, was sie will und an einem lieben Morgen einfach mal nicht erschiene, es würde Panik ausbrechen. Es gehört zur Ordnung unserer Welt, dass die Autos nur losfahren, wenn sich einer reinsetzt und sie startet. Wir würden wahnsinnig, wenn die Dinger eines Tages plötzlich vor uns davon fahren würden. Wir mögen die zwischenzeitliche Unordnung noch so lieben und genießen. Wir würden sie nicht aushalten, wenn sie nicht von einer strengen Ordnung außerhalb ihrer gehalten würde.

Aristoteles, einer der Lehrer des heiligen Thomas hatte seinerzeit geschrieben, es gehöre zur Aufgabe des weisen Menschen, dass er die Dinge ordne.
Wenn sich jemand ein Haus bauen lassen möchte, dann hat er eine Vorstellung im Kopf. Damit sein Projekt aber zustande kommt, engagiert er am besten jemanden, der sich auskennt. Der wiederum heuert Handwerker an. Die einen baggern die Grube aus, die nächsten gießen das Fundament. Dann kommen Maurer und ziehen das Haus hoch. Danach braucht es Zimmerleute, die den Dachstuhl zimmern und Dachdecker, die dafür sorgen, dass es später nicht hinein regnet. Viele andere werden engagiert, die bis in die Kleinigkeiten für alles sorgen. Am Ende, wenn der Hausherr einziehen kann, braucht es den Architekten nicht mehr. Der aber musste über alle  Arbeitschritte im vorhinein Bescheid wissen. Nur wer den Überblick hat, kann anordnen, wann wer was erledigen muss. Und einen solchen Überblick haben und behalten nennt der Philosoph den Weisen. Der Maurer muss nicht wissen, wann die Leute mit den Tapeten kommen müssen. Es reicht, wenn er sein Handwerk versteht, was an sich schwer genug ist. Der Weise aber, der hat die gesamte Ordnung im Auge. Für den einzelnen bei der Arbeit kann das ganze schon mal chaotisch zugehen. Da kippen Eimer um, da fällt ein Stein vom Dach und eine Mauer verläuft nicht gerade genug. Ist aber das ganze am Ende fertig, bekommt der Weise reichlich Lohn und Applaus.

Der Weise kann kein Chaot sein und hätte auch keine Freude daran. Aber selbste wenn den lieben langen Tag Kinder auf der Baustelle spielen, sie werden seinen Überlick nicht stören. Wenn die weisen Denker der alten Schule von Ordnung sprechen, dann meinen sie eine solche.

So muss es auch in der schönsten Liebe eine Ordnung geben, zum Beispiel, dass sie nicht so weit geht, dass sie irgendwo lieblos gegen jemanden wird. Auch die Freiheit hat dort ihre Grenze, wo die Freiheit des Nachbarn anfängt. Aber wie gesagt, eine Ordnung ist so gut, wie man sie nicht bemerkt. Tiefseefische leben in einem Wasserdruck von tausenden von Metern. Sie schwimmen munter in den Tiefen umher. Sie spüren erst, wie sie den Druck brauchten, wenn man sie hochzieht und sie sich unwohl fühlen. So merkt man oft auch erst, dass man sich in einer Ordnung wohl gefühlt hat, wenn sie einmal nicht da ist. Ein Kind auf dem Spielplatz spielt vergnügt und darf dabei ruhig vergessen, dass die Oma auf sie Acht gibt. Die tut es aber und ist der Mensch mit der Weisheit einer langen Erfahrung am Platz.

Du hast sicher schon mal von Gentlemen gehört. Gentlemen sind Leute, die Format haben, die sich zu benehmen wissen und die vor allem nicht danach trachten, groß aufzufallen. Aber wenn man sie sieht, dann weiß man irgendwie, dass da jemand ist, der Tiefe besitzt, der weiß, was sich gehört und niemals schnöde dreindreschen würde. Der Gentleman ist vor allem einer, der den Kleinen nichts tut und der auch die Großen nicht stören möchte. Ein solches Ideal findet sich in allen Kulturen, so verschieden sie sein mögen. Eine Kultur, die sowas nicht kennt, ist irgendwie keine Kultur.
Ich will jetzt hier kein neues Fass aufmachen und Benehmen predigen. Aber wenn du dir einen Menschen fürs Leben suchst, dann empfiehlt es sich, auf einen aus zu sein, der sich um solche Eingenschaften bemüht. Er braucht kein König sein, aber irgendwie innerlich aus königlichem Geschlecht, mag er auch aus einfachstem Hause stammen und gar nicht viel haben. Einen Kamm und ein Stück Seife wirst du immer bei ihm finden. Und um das ganze wieder abzurunden: Die christliche Schule sieht in ihrem Schöpfer, in aller Zurückhaltung gesagt, durchaus so etwas wie einen Gentleman. Ihr Gott hat alles im Überblick, seine Macht macht keine Angst, sein Wissen drängt sich nicht auf, aber seine sanfte Führung, die gibt er nicht aus der Hand. Der Liebe Gott ist, wenn man so will, immer präsent. Seine Nähe aber drängt sich so wenig auf, dass die, die ihn nicht kennen möchten, nicht mal merken, dass er da ist.
Und übrigens: Der viel besprochene Sünder ist hier eigentlich nicht der, der unbedingt das Falsche will, sondern der, der die Ordnung der Weisheit nicht will.

ScG, 1, 1, 2: „Multitudinis usus, quem in rebus nominandis sequendum philosophus censet, communiter obtinuit ut sapientes dicantur qui res directe ordinant et eas bene gubernant. Unde inter alia quae homines de sapiente concipiunt, a philosopho ponitur quod sapientis est ordinare. Omnium autem ordinatorum ad finem, gubernationis et ordinis regulam ex fine sumi necesse est: tunc enim unaquaeque res optime disponitur cum ad suum finem convenienter ordinatur; finis enim est bonum uniuscuiusque.“
-“ Der Philosoph empfiehlt bei den Dingen, die man erklären will, so zu sprechen, wie allgemein üblich. Und im Allgemeinen, sagt er, werden diejenigen weise genannt, die die Dinge unmittelbar ordnen und sauber führen. Unter den Dingen, die man von den Weisen annimmt, hebt er hervor, dass das Ordnen vor allem Sache des Weisen ist. Bei allen Dingen aber, die auf ein Ziel aus sind, muss man die Regel seiner Führung und Ordnung vom Ziel her bestimmen. Jedes Ding ist nämlich dann optimal aufgestellt, wenn es angemessen zu seinem Ziel hin geordnet wird. Das Ziel ist nämlich das Gut aller Dinge.“

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