Kann man der Liebe auf den Grund gehen?

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Wann immer wir etwas tun, dann wollen wir etwas. Wenn wir essen, wollen wir satt werden oder etwas Köstliches schmecken. Trinken wir, dann möchten wir unseren Durst stillen. Wenn wir laufen, dann wollen wir uns austoben, wir möchten schnell irgendwo hin, wir wollen weniger wiegen oder auch einfach nur laufen. Aber wir wollen etwas. Ohne einen solchen Willen würden wir gar nichts tun. Wir stehen nicht auf, wenn wir gar nichts vorhaben, und sei es nur das Aufstehen.
In der Welt draußen ist es oft anders. Wenn ein Ziegel vom Dach fällt, dann sagen wir zwar, er will zu Boden, wir meinen das aber nicht ganz wörtlich. Ziegel haben keinen Willen. Sie fallen wegen der Schwerkraft, nicht, weil sie möchten. Ein Baum wächst nicht, weil er Lust dazu hat, sondern, weil die Sonne scheint und weil es Regen gab.
Bei Tieren ist das schon komplizierter. Eine Qualle schwimmt nicht, weil ihr danach ist, sondern weil sie eher den Pflanzen ähnelt, die nichts wirklich wollen können. Höher entwickelte Tiere aber haben offenbar schon so etwas wie einen Apparat, der Launen haben kann. Hunde freuen sich wirklich, wenn ein ganz bestimmter Mensch kommt und sie ziehen bei einem anderen den Schwanz ein und sind gar nicht begeistert. Gorillas werden traurig, wenn ihr Weibchen stirbt und Delphine spielen aus Laune miteinander.

Ich verrate dir etwas. In der Fachwelt der Wissenschaftler gibt es einen alten Streit in der Frage, ob es in der Natur so etwas wie freien Willen gibt oder nicht. Können die Tiere sich wirklich Ziele vornehmen? Kann die Natur als solche nach Zielvorgaben handeln, oder sieht das alles nur so aus? Hat die Welt Ziele? Wenn ja, hat die Welt als ganzes sogar einen Zustand, auf den sie hin will? Wenn ja, will das dann jemand?
Wenn wir das Wollen wirklich beim Wort nehmen, dann kommen wir zu dem Problem, dass es zum wirklichen wollen so etwas wie Personen geben muss. Eine Gazelle entscheidet sich zum Weglaufen, wenn sie einen Löwen sieht. Aber wirklich klar entscheiden würde sie sich nur, wenn sie auch entscheiden könnte, Selbstmord begehen und mit dem Löwen über einen milden Tod verhandeln könnte. Für Wesen, die wirklich klar und frei entscheiden können, haben wir ein Wort reserviert, das heißt Person. Was Person ist, das ist kein Etwas, sondern ein Jemand. „Das da“ sagen wir zu etwas. Bei Personen ist das unwürdig. Unsere Oma ist nicht „das da“, was auf der Couch liegt. Der alte Streit läuft auf die Frage hinaus, ob auch hinter der Welt eigentlich ein Wille steht. Wenn ja, dann läuft die Frage auf Gott hinaus. Diese Frage können wir uns hier sparen. Es ist nur vielleicht ganz gut, wenn du schon mal darum weißt.

Wir sind Menschen und haben das Privileg, Personen zu sein. Wir wollen wirklich etwas, wenn wir etwas wirklich wollen. Aber wenn wir lieben, dann wollen wir unter Umständen verschiedene Dinge. Ich liebe Muscheln und gebe ihnen auf der Speisekarte den Vorzug. Das heißt, ich möchte sie haben, schmecken und genießen. Wenn ich dich als meine Freundin „will“, dann muss das alles etwas anders gesagt werden, denn zur Liebe unter Freunden kommt neben dem Genuss auch etwas, was Wohlwollen genannt wird. Ein Freund will seinem Freunde wohltun, um bei dem alten Wort zu bleiben. Den Muscheln will ich nichts Gutes, das wäre komisch. Ein Freund aber, der seinem Freund nicht immer Gutes will, der ist kein Freund.
Aber es gibt die Verschiedenheiten der Liebe. Es gibt eine Liebe, in der ich etwas für mich ersehne. Das ist eine Art Begehren. Es gibt eine Liebe, die sich eher hingeben möchte. In diese Richtung geht die Liebe der Freunde. Es gibt eine Liebe, die verteilt Ehre und Privilegien. Die sagt: „Du bist unter allen etwas ganz besonderes.“, diese Liebe sucht aus und hebt hervor. So gibt eine Liebe, die will Wohltaten verteilen und so weiter.

Ich bin, wie du weißt, ein gläubiger Mensch. In diesem Glauben glaube ich, es gibt in Sachen Liebe eine Königin. Eine Königin, aus der zugleich alle Liebe kommt und die alle Liebe in sich hat. Diese Liebe trägt den schönen Namen caritas. Diese Liebe ist ein Motor wie oben der Wille. Wer nichts will, der tut nichts. Wenn die caritas nie etwas gewollt hätte, dann wäre keine Liebe in der Welt, und wenn es die caritas nicht gebe, dann existierte auch das ganze Universum nicht. „Gott ist Liebe“, steht in der Bibel und nur sie kann so weit gehen, das zu sagen. Das steht nicht im Koran, das steht in keinem alten Buch, jedenfalls nicht in dieser Deutlichkeit.
Dass Gott etwas lieb hat, das sagen viele. Aber oft ist es nur so bildlich gemeint, wie wenn wir sagen, der Ziegel will zur Erde. Mein kurdischer Freund Jimi lehrte mich, dass Gott wirklich liebt, das dürfe man nicht sagen, schon gar nicht, dass er Liebe sei., Man würde den Erhabenen dadurch kleiner machen; das spräche ihm seine absolute Erhabenheit ab. Absolut erhaben sein heißt auch über das erhaben sein, was wir mit der Liebe meinen. Mein Freund Jimi meinte, Gott stehe auch über der Liebe,  und eigentlich müssten alle Muslime das so sagen. Ob das so ist, das fragst du am besten die Muslime. Sie reden in aller Regel gern mit dir darüber. Absolute Erhabenheit meint jedenfalls, sogar über der Liebe sein, und hier besitzen allein die Christen die Kühnheit zu sagen, dass sogar Gott nicht größer ist: Gott ist Liebe und die Liebe ist göttlich.

Jetzt können wir zurück zum Thema: Wer oder was kann lieben? Ich meine wirklich, frei, klar und im höchsten Sinn: Das kann Gott, das können die Engel, und die Menschen, die können das auch. So jedenfalls sagt es die alte Schule, in der wir gerade die Bank drücken. Und um kurz auf die Frage von oben zurück zu kommen: Wenn Gott die Liebe ist, dann geht ihr niemand auf den Grund, denn Gott ist unergründlich. Aber, und das ist die Antwort des Christlichen, er ist und bleibt dennoch Liebe, und nichts, was drüber stünde. Ein anderer Gott wäre mir auch immer etwas unheimlich.

Quellen und Anmerkungen:
Sth II-II, 23, 1, co:
„Non quilibet amor habet rationem amicitiae, sed amor qui est cum benevolentia, quando scilicet sic amamus aliquem ut ei bonum velimus.“
– „Nicht jede Liebe ist Freundschaft, sondern erst die mit Wohlwollen, insofern wir jemanden lieben, wie wir ihm Gutes wünschen.“

„Ridiculum enim est dicere quod aliquis habeat amicitiam ad vinum vel ad equum.“
– „Es wäre komisch zu sagen, jemand pflege Freundschaft mit Wein oder einem Pferd.“

1 Joh 4, 16: „Deus caritas est; et, qui manet in caritate, in Deo manet, et Deus in eo manet.“
– „Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“

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