Der Esel will kein Pferd sein

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Als die Menschen an die Herrschaft von Göttern und Geistern glaubten, war einmal ein Schiff in schweres Unwetter geraten. Der Sturm dauerte und dauerte und kein Ende war in Sicht. An Bord war ein stiller Fremder, der seine eigenen, fremden Götter verehrte. Als man keine Ursache für den Sturm und sein Unheil fand, richteten sich die Augen langsam aber sicher auf den stillen Passagier. Konnte er nicht Schuld an der Misere sein? Vielleicht waren die Götter zornig, weil die Seeleute ihm erlaubt hatten mit zu fahren. Man wurde sich mehr und mehr einig: Am Ende konnte es gar nicht anders sein, der Fremde war schuld, er musste weg und alles würde gut. Er tat manchen Leuten leid, aber was wollte man machen? Um alle zu retten, musste man sich seiner entledigen. Also warf man ihn ins Meer und ließ ihn ersaufen. Was passierte? Der Mann war tot und der Sturm tobte munter weiter.

Es gibt viele Geschichten, hinter denen man ein solches Muster sehen kann und es braucht wache Augen, die Dinge zu durchschauen. Ich will aber auf etwas hinaus, was den Faden wieder aufnimmt, den wir gesponnen haben. Die Seeleute waren grausam. Sie dachten böse und taten Böses. Was aber wollten sie wirklich? Sie wollten, dass der Sturm zu Ende gehe und dass Frieden herrsche auf dem Boot. Sie dachten, sie müssten töten, um den Frieden möglich zu machen. Sie wollten aber Frieden, das war das Fatale. Wer unter den Tätern nicht zu blöd zum Denken war, hätte vermutlich auch gesagt, dass sie dem Fremden eigentlich ja gar nichts Böses wollten. Mit etwas naivem Optimismus könnte jemand sagen, alle wollten ja eigentlich nur das Gute und alle hätten es irgendwie doch gut gemeint. Hier beginnen die Umstände Formen anzunehmen, die manches erklären, aber nichts entschuldigen. Es geht so zu bei uns. Der Mensch ist nicht unbedingt ein guter Nachbar.

Wie ist das nun mit den Engeln? Sie haben einen Kern wie wir, denn auch sie wollen etwas und wer wollen kann, der will Gutes. Beim Menschen ist es so, dass er manchmal etwas Böses anstrebt obwohl er eigentlich das Gute im tieferen Sinne will. Menschen können irren, wie wir gesehen haben. Die Welt, in der wir leben, hält viele Möglichkeiten bereit, in denen wir uns verlaufen können. Hätten wir die Welt nicht, dann fielen die weltlichen Möglichkeiten weg. Das ist beim Engel der Fall.
Nun wäre aber zu fragen, ob nicht auch er Möglichkeiten zum Verirren hat, und hier belehrt uns der heilige Thomas, dass es genau eine einzige geben kann und gibt.
Auch der Engel strebt nach seinem Glück und er weiß viel klarer als wir, dass es das nur bei Gott, dem Schöpfer und der eigentlichen Quelle allen Glücks gibt. Jeder Engel will die Liebe Gottes!  Es gibt aber nur eine einzige Möglichkeit, sie auch zu erreichen: Man muss es sich schenken lassen. Genau hier hat der Weg seine einzige Gabelung.
Es kommt ein Angebot auf ihn zu. Das anzunehmen kostet nichts, es bereitet keine Probleme und führt ins größte Vergnügen. Was man aber annehmen kann, das kann auch abgelehnt werden. Hier kommt eine einzige Sache ins Spiel, die sogar Engel haben können. Diese nennt sich in der Sprache der alten Schule Hochmut. Wir kennen das aus dem Leben. Jemand bräuchte sich in einer Gefahr nur kurz helfen lassen. Er bräuchte nur die rettende Hand ergreifen und alles käme in Ordnung. Alle Welt sieht, aus eigener Kraft schafft er es nicht und die Hilfe hält ihre Hand auf. Da ist aber einer trotzig und zu stolz: „Wenn ich es nicht selbst kann, dann gehe ich lieber unter.“ Das ist dumm, aber möglich, und was möglich ist, das passiert schon mal.

Thomas schreibt einen eigentümlichen Gedanken. Die Engel sind wunderschön und kräftig, und in der Betrachtung ihrer eigenen Schönheit und Stärke können sie dem Gedanken verfallen, selbst besorgen zu wollen, was sie ersehnen. So kann es zur trotzigen Verweigerung des einzig möglichen Weges kommen, der darin besteht, sich von Gott her beschenken zu lassen. Mehr ist nicht nötig. Es ist das wenigste, was verlangt werden kann, aber ganz ohne geht es nicht. Auch der Schönste und Höchste muss anerkennen, dass es über ihm noch einen gibt, der mehr kann und aus dem alles kommt.
Hier müssen wir kurz einem alten Irrtum entgegentreten. Es heißt, die Engel der Verweigerung wollten sein wie Gott. Das stimmt wohl. Es stimmt aber nicht, dass sie selbst wirklich Gott sein und an seine Stelle treten wollten. Kein Geschöpf möchte ein anderes sein. Es möchte wohl glücklich und vollendet werden, aber eben als das, was es ist. „Der Esel will kein Pferd sein“, schreibt Thomas und meint damit, jedes Geschöpf sucht seine Vollendung in sich selbst, nicht in einem anderen. Wenn der Engel wirklich Gott sein wollte, dann wollte er seine eigene Vernichtung, um ein ganz anderer werden zu können. Das will aber eigentlich keiner wirklich. Wenn du glücklich werden möchtest, dann als der, der du bist. So wollen die Engel auch Engel bleiben, aber mit den Möglichkeiten Gottes, und vielleicht auf seinem Thron. Das gibt es aber nicht; seine Hilfe wohl, nicht aber seine Allmacht. Da kann es nur einen geben.

Quellen:

Sth I, 60, 4, ad 3: Dilectio naturalis dicitur esse ipsius finis, non tanquam cui aliquis velit bonum; sed tanquam bonum quod quis vult sibi, et per consequens alii, inquantum est unum sibi. Nec ista dilectio naturalis removeri potest etiam ab Angelis malis.

Sent I, 2, 5, 1, 3 co: Tertio modo dicitur superbia inordinatus appetitus propriae excellentiae, et praecipue in dignitate vel honore; et sic est speciale peccatum, unum de septem capitalibus vitiis; et sic primum peccatum Angeli superbia fuit: quod patet tum ex desiderato, quia eminentiam dignitatis appetiit: tum etiam ex motivo, quia ex consideratione propriae pulchritudinis in peccatum ruit.

Sth I, 63, 3, co: Unde nulla res quae est in inferiori gradu naturae, potest appetere superioris naturae gradum, sicut asinus non appetit esse equus, quia si transferretur in gradum superioris naturae, iam ipsum non esset.

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