Engel haben keine Zeit

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Das mit dem Vertrauen, das braucht übrigens Zeit. Als Menschen müssen wir uns ohnehin gegenseitig immer die Zeit gönnen, die wir brauchen. Ein Kind muss, wie man sagt, alle Zeit der Welt haben, um in Ruhe und ungestört heranwachsen zu können. Ein Freund braucht seine Zeit, wenn ihm passiert ist, was vielleicht nicht gut war. Die Zeit müssen wir ihm lassen. Auch uns muss man Zeit lassen, wenn wir etwas erreichen und gut machen wollen. Du siehst schon, der Mensch ist ein Wesen, das irgendwie ganz und gar in die Zeit eingewebt ist, wie eine Blume auf einem Strickpullover.

Der Mensch hat Zeit, aber Zeit haben sagen wir meistens, wenn wir meinen, dass jemand irgendwie genügend hat, wie wenn einer zwanzig Euro braucht und dreißig besitzt. Zehn hat er über, und mit denen kann er verschwenderisch umgehen oder sie sich auf die Seite legen. Sie sind über, und Geld, das wir über haben, das haben wir besonders gern.

Die Zeit ist allerdings kostbar und wird gehandelt wie ein besonders teures Gut. Wir schenken unseren Freunden unsere kostbare Zeit, und kostbar wird ein Geschenk immer dann, wenn es uns etwas kostet. Die Menschen sind uns kostbar, wenn wir ihnen unsere kostbare Zeit schenken.

Ich habe in dieser Sache vor kurzen ein Beispiel erlebt. Ein kostbarer Mensch war gestorben. Die Leute seines Dorfes trafen sich vor der Beisetzung in der Kirche, um für ihn zu beten. Neben mir saß jemand, der unsere Bräuche nicht kannte und verstand. Er konnte nichts daran finden, wie sich hundert Menschen eine Stunde lang in einem Raum treffen und einer betet etwas Langweiliges vor. Die anderen taten nichts, als ebenso langweilig mitbeten. Mein Nachbar sagte sein Bedenken seinem anderen Nachbar, und der gab eine gute Antwort. Er sagte: „Jetzt, da der Verstorbene nicht mehr bei uns ist und schon woanders lebt, hast du nur noch deine Zeit, die du ihm schenken kannst. Wenn du hier mit uns betest, dann gibst du ihm ein bisschen vom Teuersten, was du hast: Deine Zeit. Und Gott, der das alles sieht und leiten kann, der wird ihm dafür seine Freude geben. Das ist der Bund, den Gott mit uns geschlossen hat. In diesem Bund sind wir alle für immer vereint und verlieren uns nie mehr wirklich.“

Engel haben keine Zeit. Damit ist aber nicht gemeint, dass sie es irgendwie immer eilig hätten. Im Gegenteil, die Engel leben ewig, Engel sterben nicht. Das bedeutet, es läuft ihnen nichts davon, weil sie sich innerlich nichts ändern. Unsere Zeit ist kostbar, weil sie ein Ende hat. Wer zehn Euro besitzt und nicht mehr, der hat eine Grenze, die erreicht wurde, wenn sie ausgegeben sind. Hat aber jemand eine Tasche, in der wie von Zauberhand immer gleich neue Scheine wachsen, dann braucht er nichts einteilen, sondern kann nehmen und geben, so lange er möchte.

Unsere Zeit ist kostbar, weil wir älter werden, und das älter werden, das messen wir an unserem Körper. Wenn wir keinen Körper hätten, der irgendwann älter und anders aussieht, dann bliebe alles jung und frisch. Der Körper, oder schöner gesagt, unser Leib ist die Uhr, an der wir die Zeit unseres Lebens ablesen. Zeitlichkeit heißt Leiblichkeit. Unsere Zeit kommt überhaupt nur daher, dass wir Erdenwesen sind, oder wenn du es etwas weiter fassen möchtest: Unsere Zeit kommt daher, dass wir Kinder eines Universums sind, in dem sich die Dinge ändern, weil sie sind, wie sie sind: Aus Materie, Energie und anderen Dingen zusammen gesetzt. Wir sind mit unserem ganzen Dasein darin eingewoben, wie die Blume im Strickmuster und können nicht heraus treten oder fliegen.

Das ist mit den Engeln anders. Sie sind Wesen, die dieses Eingebunden sein nicht haben. Deshalb können sie nicht zerstört werden, weil zerstört werden diese Trennung bedeutet. Wenn man so möchte, sind die Engel über unsere Welt erhaben, und deshalb können und brauchen sie nicht erleiden, was auf jeden Menschen zukommt: Dass seine Zeit ihre Grenze erreicht. In unserem Glauben sind wir nun von unserem, ebenfalls ewigen Gott unterrichtet worden, dass er gedenkt, uns auch an seiner Ewigkeit teilnehmen zu lassen. Er hat den Menschen eine Seele geschenkt, die in der Trennung vom Leib nicht zerstäubt wird und vergeht, sondern sozusagen im Leben gehalten wird. Die Leute, die um diese Dinge nicht wissen, die sie nicht glauben können oder wollen, die lachen schon mal drüber oder regen sich auf, wie wir solche Sachen annehmen können. Für uns aber ist das ab einem gewissen Punkt alles gar nicht mehr schwer zu denken und selbstverständlich geworden. Für einen Gott, der aus zehn Euro in zwanzig machen kann, ist es genau so leicht, ein ganzes Universum in seinen Händen zu halten.

Für jetzt gilt aber, dass wir Zeit haben, Zeit brauchen und Zeit schenken können. Wir können gelassen mit ihr umgehen, wenn wir wissen, dass uns das Leben zwar genommen wird, aber nur, damit wir sofort ein hübsches neues wieder bekommen, mit einem Körper übrigens wieder, aber einem, der unter neuen Bedingungen existieren wird, unter Bedingungen, in denen er genau so unvergänglich ist, wie heute schon das Leben der Engel.

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2 Kommentare zu “Engel haben keine Zeit

  1. Allerdings ist uns auch verheißen, daß wir leiblich auferstehen. Das kann ja nur heißen, daß wir dann auch tun, was ein Zeitmaß hat. Die Hand heben, das Knie beugen, etwas sagen – das sind alles Dinge, die an Zeit gebunden sind. Zugleich aber wissen wir dann, daß es von dieser Zeit unendlich viel gibt. Was ich mir nicht vorstellen kann, aber glaube, ist dies: Die Zeit, die wir dann in Fülle haben, ist wiederum eingebunden in Ewigkeit. Ewigkeit ist aber nicht einfach „Zeit, die nicht aufhört“, sondern eine andere Kategorie, etwas, was nicht nur größer ist als Zeit, sondern etwas anderes, etwas, das meiner Meinung nach gleichermaßen mit „alles gleichzeitig“ und „Ruhe“ zu tun hat – und ich habe leider keine andere Beschreibung als diese Wörter, von denen das erste schon wieder mit Zeit zu tun hat.

  2. Claudia, da hast Du den Nagel wieder mal auf den Kopf getroffen und ich muss eigentlich ein Kapitel dazu einschieben. In der Summe findet sich übrigens genau diese Frage…

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