Die Liebe und die Freundschaft

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Was tut man eigentlich, wenn man liebt? Die Liebe ist keine Sache der Freiheit, wenn es um ihr Sein oder Nichtsein geht. Man kann sich nicht gegen sie wehren, wenn sie einen erwischt und wir können sie nicht abstellen, wenn sie uns weh tut. Wir können nicht aufhören, uns selbst zu lieben und wir können nicht aufhören, die Liebe zu lieben. Die Freiheit der Liebe beginnt immer da, wo wir uns ihr gegenüber verhalten. Die Liebe spricht tausend Sprachen und wie sie zum Ausdruck kommt, darin liegt ihr großer Reiz. Der eine schreibt Gedichte, der andere durchquert zu Fuß ganze Länder. Die Reichen stürzen sich in Unkosten, die Armen lassen sich andere Dinge einfallen. Das Schöne an der Liebe ist ihre Sprache. Die ist aber so vielfältig, wie die Wesen, die sie sprechen.

Der Beispiele gibt es also tausende und Beispiele sind gut, sie erklären aber nichts.
„Eine Rose“ sagen erklärt nicht, was eine Blume ist. Wenn einer fragt, was ein Auto bedeutet, dann kommen wir mit der Antwort: „Zum Beispiel ein Audi“ nicht weiter. Man muss allgemeiner sprechen. „Ein Ding mit vier Rädern, das Sprit braucht und das man fahren kann“ wäre schon besser. Das gilt nämlich für alle Autos aller Marken. Beispiele kann man erst nehmen, wenn man die Sache allgemeiner erklärt hat.
Auf die Frage: „Was tut man eigentlich, wenn man liebt“ allgemein antworten, ist aus dem Stegreif nicht leicht. Einer, der das konnte, wie kein zweiter, war der Philosoph Aristoteles. „Lieben heißt Gutes wünschen“, ist eine klassische Antwort von seiner Art. Wer immer jemanden liebt, der will ihm Gutes. Wer im Kalten sitzt und ins Warme will, der wünscht sich, dass es angenehmer sei. Das schon ist ein Zeichen, dass man sich der Tendenz nach verwöhnen möchte, dass man sich selber liebt. Wer einem armen Menschen etwas Reichtum verschaffen will, der wünscht ihm Gutes. Auch das ist ein Impuls der Liebe. In der Schule des heiligen Thomas heißt es schon mal, jede Regung, die von Herze kommt, stammt aus einer Liebe. Um aber genauer sprechen zu können, teilt der Philosoph die Liebe ein.
Das sind nun zwei Arten einer einzigen Fähigkeit. Das eine begehrt man für sich selbst, das andere für einen anderen. In diesem Sinn spricht die Schule von der Freundesliebe, die Gutes für einen anderen sucht und der begehrenden Liebe, in der man sich selber meint.
Wenn wir mit unserem Freund im Kalten sitzen, dann wünschen wir sowohl ihm, als auch uns selbst eine warme Stube. Das eine wünschen wir für uns, das andere für ihn. Wir sehen aber schon: Die beiden Arten vermischen sich. Wer nämlich seinem Freund Gutes tut, der hat selbst eine Freude daran, wenn es ihm gelingt. Es gibt, wie man sagt, nichts Schöneres, als das Glänzen in den Augen eines Kindes zu sehen, das sich über ein Geschenk von uns freut. Die Freundesliebe nennt Thomas die Liebe, die irgendwie vollendeter ist. Sie ist nicht allein, in ihr ist mehr Freude, wenn man so möchte. Man freut sich über die Freude des anderen und über an der Freude, die man selbst mit ihr hat.

Thomas kann die Hilfen des Philosophen Aristoteles gut gebrauchen, um das Verhältnis Gottes zu uns zu klären. Thomas fragt sich, ob auch das Verhältnis Gottes mit uns Freundschaft genannt werden könne.
Er hat Bedenken. Zur Freundschaft, wendet er ein, gehört doch, dass man im weitesten Sinn zusammen lebt. Man muss mit seinem Freund zusammensein oder wenigstens prinzipiell zusammen sein können. Das ist mit Gott und uns wohl weniger der Fall. Das Argument lautet also: Gott ist ganz anders und viel höher stehend als wir. Also wäre es eher vermessen, hier von einer Freundschaft zu sprechen.
Der zweite Einwand ist grundsätzlicher und nicht von schlechten Eltern: Liebe erzeugt Gegenliebe. Wenn es nach Christus geht, dann lieben wir auch unsere Feinde. Diese Liebe ändert aber nichts daran, dass unsere Feinde Feinde sind. Also könne man nicht sagen, dass diese Liebe Freundschaft sei.
Die Antwort ist nicht lang. Sie erklärt kurz, wie das mit der Freundesliebe gemeint ist: Ein gegenseitiges, wohlwollende Verhältnis und eine Art Gemeinschaft müsse es da schon geben. Die bestehe von Seiten Gottes aber gerade darin, dass er uns Gutes wünsche, schließlich will er uns sein Glück schenken. Somit sei das Verhältnis Gottes mit uns sehr wohl Freundschaft.
Auch die Einwände sind schnell und nach Aquinatenart widerlegt: Dem Ort nach und in der körperlichen Weise leben wir natürlich nicht mit Gott und den Engeln zusammen. Wohl aber geistig. Das reicht für eine Freundschaft.
Die Feinde hören zwar nicht auf Feinde zu sein, wenn wir sie lieben. Deshalb lieben wir sie auch nicht, wohl aber, wenn überhaupt, müssen wir wohl sagen, dann, weil sie zu jemandem gehören, den wir lieb haben; entweder, weil ein geliebter Mensch sie liebt, oder weil auch sie Gottes sind.
Gott und die Engel haben uns also lieb und sind uns freundschaftlich gesinnt. Wo wir aber das mit den Feinden schon angesprochen haben, müssen wir langsam auch auf sie zu sprechen kommen.

Quellen:
Sth II-II, 23, 1: Ist Gottes Liebe Freundschaft?

De malo, 10, 1 ad 10: „Omnis affectio animae, etiam tristitia, ex amore procedit“
„Jede Regung der Seele, auch die Traurigkeit, kommt aus der Liebe“

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