Haben die Engel sich selber lieb?

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Wir sind beim Thema Liebe, und wenn es um die Engel geht, dann müssen wir natürlich auch über sie sprechen. Thomas hat sogar ein eigenes Kapitel, das von der Liebe der Engel handelt. Ich fürchte aber, wer zum ersten Mal darin stöbert, der wird gelinde enttäuscht. Beim Thema Liebe erwartet man schon mal, was der heilige Professort nie liefert: Dass gleich das Gefühl angesprochen wird.
Alle Schlager singen von der Liebe und sind erfolgreich, wenn sie Gefühle wecken, große Filme auch. Shakespear war der größte aller Bühnenschreiber. Die Literaten feiern ihn bis heute, weil er mit der Sprache umgehen konnte, wie Mozart mit den Tasten seiner Klaviere. Aber wenn seine Stücke aufgeführt werden, dann sind sie zeitlos erfolgreich, weil sie meisterhaft mit der Gefühlswelt der Zuschauer spielen.
Bei den Predigern gibt es einen alten Streit: Gefühl oder Verstand. Was soll angesprochen werden? Mein Lehrer, ein Thomist reinsten Wassers, war da immer sehr klar: Die Kanzel ist keine Theaterbühne und die Priester brauchen nicht immer witzig sein. „Wenn die Leute zur Kirche kommen, dann sollten sie vor allem erfahren, woran sie sind“, pflegte er zu sagen. Sie hätten ein Recht, die heiligen Schriften ordentlich ausgelegt, den Glauben sachlich erklärt zu bekommen, und letztlich natürlich auch von der Liebe Gottes zu erfahren. Dazu aber müsse man die Menschen weder zum Weinen, noch zum Lachen bringen.
Ich würde meinen, er lag da nicht ganz falsch. Unsere Priester werden schließlich in der Theologie ausgebildet und brauchen nicht auf die Schauspielschule. Doch auch wenn sie das Zeug zum Entertainer haben und beim Predigen darauf setzen, sie kommen sie mit der Zeit in die Bedrullje: Sie haben immer nur das eine, selbe Stück.

Als man vor fünfzig Jahren den Gottesdienst änderte, die Sprache des jeweiligen Landes erlaubte und hier und da Möglichkeiten zur Gestaltung eröffnete, ging man eifrig an die Arbeit und schrieb jede Menge neue Lieder, die wohl zu Herzen gingen. Heute sind auch diese alt, und das einzig immer Junge ist ihre Botschaft.
Im Zuge der neuen Möglichkeiten in den Gottesdiensten wurden, wo immer es möglich und erlaubt war, die biblischen Texte gegen irgendwelche anderen getauscht und dann erklärt. Ich muss sagen, dass ich mich da als Jugendlicher ein bisschen betrogen gefühlt habe. War doch die Kirche der einzige Ort, wo die uralten, heiligen Texte, die uns immer irgendwie das Herz verzaubert hatten, feierlich vorgetragen und erläutert wurden. Jetzt nahm man Kindergeschichten, die überall zu kriegen waren. Unser alter Pfarrer hatte uns Kindern im Religioneunterricht beigebracht, die Bibel sei, wenn man sie verstehe, der große Liebesbrief Gottes an die Welt. Was war die Kirche für eine Braut, die nicht darin lesen wollte? Aber das ist lange her, und wenn ich über all das nachdenke, dann ist der Ort für das Gerührtsein und Weinen eher der Beichtstuhl als die Predigt und der Zeitpunkt für das Gefühl der tieferen Freude viel eher die Kommunion. Die Priester brauchen dazu keine Kunststücke aufführen, und der heilige Thomas musste keine Gedichte schreiben.
Er erwähnt die Liebe aber. Wo er zum Beispiel über das Leiden Christi und die Erlösung schreibt, da erwähnt er fast lapidar, die Erlösung am Kreuz sei zunächst ein Anlass zur Liebe. Sie sei es schließlich, in der uns verziehen würde. Es ist die Sache, die uns rührt, nicht unbedingt immer die Weise, wie sie uns vorgetragen wird. Blumen oder Kuchen, durch beide kann die Sprache der Liebe sprechen. Bei Christus ist es die Tatsache, dass er statt unser sterben ging.

Aber wo wir gerade in der Summe stehen, da stellt der Meister sich die Frage, ob die Engel von Natur aus sich selber lieb haben, und da muss er was erklären. „Sowohl der Mensch als auch der Engel“, schreibt er, „möchte von Natur aus Gutes für sich und die eigene Vollendung. Das ist doch ‚sich selber lieben.‘“ Zugegeben, das klingt ein bisschen wie ein Kuchenrezept oder ein Stück Musik auf einem Notenblatt. Rezepte schmecken nicht und Notenblätter lassen nichts von sich hören. Was hier aber in einem Satz über den Menschen steht, ist schon ein schöner Grund, über etwas nachzudenken. Und mögen die Engel auch noch so anders sein als wir, hier sind sie uns verwand – wenn den Thomas nicht alles täuscht.

Quellen:
Sth III, 49, 1, co: Respondeo dicendum quod passio Christi est propria causa remissionis peccatorum, tripliciter. Primo quidem, per modum provocantis ad caritatem. Quia, ut apostolus dicit, Rom. V, commendat Deus suam caritatem in nobis, quoniam, cum inimici essemus, Christus pro nobis mortuus est. Per caritatem autem consequimur veniam peccatorum, secundum illud Luc. VII, dimissa sunt ei peccata multa, quoniam dilexit multum.

Sth I, 60, 3, co: Unde et Angelus et homo naturaliter appetunt suum bonum et suam perfectionem. Et hoc est amare seipsum.

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