Was hinter aller Liebe steht

Bildschirmfoto 2015-03-29 um 12.44.14 Was wünscht man sich, wenn man sich verliebt hat? „Na den, den man liebt!“, wirst Du sagen, und das stimmt wohl auch. Niemand wird da etwas einwenden, aber ein Mann wie der heilige Thomas würde vermutlich irgendwann vornehm anmerken, dass sei nicht alles. Wer einen Menschen liebt, der liebt nicht nur ihn, sondern auch die Liebe selbst. Das wäre ein Satz, der zu Thomas passen würde.
Wenn man den Geliebten will, dann will man auch die Liebe. Wer gern Austern isst, der hat auch Lust am Essen selbst. Thomas würde nie lange über ein Ei sprechen, ohne an das Huhn zu denken, und in unserer Sache müssten wir ihm sicher Recht geben. Wir suchen nicht nur Freunde, sondern auch die Freundschaft selbst, und irgendwie ist die Sehnsucht nach Freundschaft allgemein früher als die nach einem konkreten Menschen. Diese Suche kommt ja aus der allgemeineren Sehnsucht.
Nicht nur Thomas vor achthundert Jahren dachte so, auch die Philosophen aller Zeiten sind auf diese Weise ins Nachdenken gekommen. Dreihundert Jahre vor Christus interessierte die Denker im Alten Griechenland schon, ob es hinter den vielen, guten Dingen nicht etwas Gutes gibt, das alle gemeinsam haben und das ganz allgemein gesucht wird. Für die Leute, die auf dem Wochenmarkt Gemüse verkaufen, sind solche Fragen nicht sonderlich interessant. Wenn ein Fischhändler auf seinem Tisch Fische stapelt, dann macht er sich keine Gedanken um den Tisch, sondern um die Ware darauf und wie er sie unter die Leute bringen kann. Ein Philosoph wie Platon aber dachte nicht nur über den Tisch nach, den er sah, sondern über alle anderen Tische der Welt gleich mit. Er sah, dass alle Tische irgendwelche Macken haben, und sofort interessierte ihn, ob es in den Köpfen der Schreiner, die die Tische machen, nicht jede Menge Ideen von Tischen gebe, die alle keine einzige Schramme hätten.
Die Entwürfe im Kopf sind immer irgendwie perfekt. Als Junge habe ich einmal versucht, eine Figur aus Holz zu schnitzen. Es sollte ein Kopf werden; ein alter Mann mit tiefen Falten im Gesicht, einem Schnurrbart und einem Hut auf dem Kopf. Der Entwurf, die Idee, die ich im Kopf hatte, war perfekt. Was ich zustande brachte, weit weniger, wie man sich denken kann. Es war dann auch der erste und letzte Versuch als Schnitzer, schließlich war ich in einem Alter, in dem man am liebsten alles kann und am allerliebsten wenig lernt. Entscheidend aber ist: Die Ideen sind perfekt und was konkret auf der Welt landet, hat immer irgendwelche Macken. Nicht nur Tische haben übrigens ihre Macken. Schreiner haben sie auch! Wenn es perfekte Ideen von Tischen in Schreinerköpfen gibt, in welchem Kopf sind dann die Ideen von perfekten Schreinern? Man kann das weiter führen. Gibt es irgendwo einen Kopf oder eine Kiste, wo die guten Ideen der Welt zu finden sind?  Wenn die Welt keinen Gott hat, dann wird es schwierig. Man kann sich ja nur schwer eine Kiste vorstellen, in der man unter lauter Ideen kramen kann. So gibt es Leute, die kurzerhand sagen, die Ideen gebe es gar nicht.
Mit dem Glauben an Gott wird es schon leichter. Da kann man sagen, er sei der große Ideengeber der Welt, und alles hat wieder seinen Platz. Die Tische der Welt kommen aus den Ideen der Schreiner und die Welt kommt aus den Ideen ihres Schöpfers. Ich habe diese Vorrede geschrieben, um einen Gedanken einzuleiten. Man sagt, der Mensch sehnt sich nach Liebe. Das tut er, weil er ihr etwas Gutes für sich entdeckt. Ein Liebhaber guter Weine wünscht sich, guten Wein zu trinken. Er liebt ihn, weil er in ihm etwas Gutes sieht. Wir könnten tausend Dinge aufzählen, die der Mensch ersehnt und wünscht, immer könnten wir sagen: Alles Wünschen geht auf das Gute in den Dingen. So können wir auch sagen, der Mensch sucht immer das Gute. Jetzt wäre die Frage: Gibt es einen Ideengeber für das Gute schlechthin? Thomas sagt ja, und er sagt, es ist Gott. Der Mensch sucht hinter allem, was er sucht, das Gute schlechthin. Gott ist der Gute schlechthin und höchstpersönlich. Also, so der Schluss des Gelehrten, sehnt sich alle Welt letztlich immer nach Gott, vielleicht sogar, wenn sie selbst gar nicht darum weiß.

Advertisements

2 Kommentare zu “Was hinter aller Liebe steht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s