Was zum Verstand gehört

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Erinnerst Du Dich? Ich hatte das mit der Leinwand gesagt, die der Mensch im Verstand haben muss, um die Welt zu erkennen. Ich versuche gerade, mich an einen Wohnwagen zu erinnern, der gestern gegenüber an der Straße gestanden hat. Er war ziemlich groß und hatte einen marineblauen Streifen ganz herum, der etwa einen Unterarm breit war. Seine Reifen waren etwas platt, so dass es aussah, wie wenn er sich kurz setzen musste, um auszuruhen. Heute morgen steht er nicht mehr da. Der Platz ist leer und ohne jede Spur, die der Wanderer hinterlassen hätte. Vielleicht ist er nach Usedom aufgebrochen, vielleicht zum nächsten Halteplatz irgendwo. Ich sehe ihn aber noch ganz genau vor meinen geistigen Augen. Das bedeutet, es muss eine Vorstellung im Verstand geben, die mir das Bild von gestern an die Wand wirft. Und es muss etwas in mir geben, was das Bild sieht. Natürlich steht da keine Leinwand im Kopf. Im Rechner meines Computers stapeln sich auch keine wirklichen Papiere, wenn ich Dokumente in ihm speichere. Er produziert sie mir aber doch auf den Bildschirm, und ich kann jede „Seite“ lesen.

Es muss im Verstand also irgendwie eine Art Projektion der Welt stattfinden. Der Wohnwagen ist nicht selbst in meinem Kopf, sondern ein Bild von ihm. Die Leinwand ist nicht da, aber doch eine Vorstellung. Das alles ist sehr geheimnisvoll, aber es muss in jedem Verstand funktionieren, der sich etwas vorstellen kann. Auch der Wolf sieht das Lamm in seinem Kopf und reagiert darauf.
Wir versuchen, den Engeln auf die Spur zu kommen. Die brauchen nun, wie wir angenommen haben, keine Körper zum Leben. Sie sind aber Verstand, und zwar jeder seinen. Davon gehen wir aus. Wenn das so ist, dann brauchen sie keine Augen zum Verstehen, wie wir, sie brauchen aber Bilder in ihrem Verstand, weil, irgendwas müssen sie ja sehen.
Wenn sie nun verstehen wollen, dann brauchen sie ein zweites, worauf wir ansatzweise gesprochen haben: Sie brauchen, wie wir und wie jeder Verstand, eine Vorstellung von Gut und Schlecht.
Ich will versuchen, das zu erklären. Jeder Mensch findet sich. Der eine findet sich zu groß, der andere zu dick. Der nächste möchte etwas schlauer sein und findet sich zu dumm. Wieder andere finden sich immer ganz prima, und sind damit nicht immer gut zu ertragen. Wie immer auch, wir sehen uns nicht nur vor den geistigen Augen, wir finden uns auch so und so. Dieses sich finden bedeutet mehr als nur sehen, es bedeutet immer auch Beurteilen.
Ich fand den Wohnwagen gestern gut aussehend. Das setzte eine Vorstellung von schön und weniger schön voraus, irgendeinen Vergleich eben, weiß Gott mit was allem, es war aber eine Beurteilung. Das bedeutet, ich habe nicht nur Bilder, sondern auch Maßstäbe im Kopf.

Man braucht einen Baby keine Vorträge über Gerechtigkeit zu halten, damit es verstehen lernt, was ihm gefällt oder nicht. Ganz kleine Kinder kapieren schon, wenn man ihnen etwas wegnimmt und sie das gar nicht gut finden. Sie finden es prima, wenn man ihnen etwas gibt, was einfach nur schmeckt. Wie gesagt, es ist alles ganz geheimnisvoll, sie verstehen schon, ohne dass ihnen jemand etwas beigebracht hat. Sie wissen noch nicht, dass der Brei süß schmeckt, schon gar nicht, dass es Brei ist. Sie wissen aber was gut und nicht gut tut, und das mit messerscharfer Sicherheit. Der Wolf versteht auch, dass ihm das Lamm gut tut, wenn er es kriegt, und rennt hinterher.
Worauf ich hinaus will ist folgendes: Frag mich nicht woher und wie das kommt, aber der Mensch hat immer schon einen Maßstab für gut und nicht gut in sich, einen Vergleich der Dinge mit sich und seinem Befinden und er hat ist immer schon für das Gute entschieden. Babys wollen nicht, was ihnen nicht schmeckt und sie wollen, was ihnen gut tut.
Menschen wachsen heran, sie entwickeln sich, bilden und ändern ihre Geschmäcker und alles mögliche. Sie wissen aber immer und in jedem Augenblick, dass sie sich etwas wünschen. Ganz gleich was es ist und ganz gleich, ob sie sich irren oder sehr richtig liegen, sie wünschen sich immer etwas und möchten immer etwas lieber nicht haben.  Das alles gehört schlichtweg zum Verstand, den wir wahrscheinlich nie verstehen werden, wie ein Automechaniker die Mechanik eines Autos versteht. Wir können aber sagen, wenn ein Verstand überhaupt Verstand genannt werden soll, dann muss er etwas in sich haben, was versteht und was die Dinge beurteilt. Das muss für den Engel genau so gelten, wie für den Menschen.

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