Eine Grenze der Freiheit

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Jeder weiß, die Freiheit hat Grenzen, und kaum einer kann mehr als eine nennen. Wenn Du herum fragst, wo die Freiheit ihren Zaun hat, dann wird immer der des Nachbarn genannt. Auf Deinem Grundstück kannst Du Partys feiern, wie Du möchtest. Der Respekt vor dem Nachbarn aber verbietet es, sie auf seinen Rasen auszudehnen. Die Freiheit endet hier. In diesem Sinn könnte man noch tausend Beispiele aufzählen. Es gibt da aber noch eine ganz andere Grenze der Freiheit, und das ist eine, auf die nie jemand kommt.
Erlaube mir ein Beispiel. Wenn Du gern Kuchen magst, und mit etwas Geld in der Tasche beim Bäcker stehst, dann steht Dir ganz frei, welche Sorte Du wählst. Es darf die Käsesahnetorte sein, der Erdbeerboden dort wäre nicht schlecht oder etwas von dem Marmorkuchen mit Schoko und Mandeln da drüben. Vielleicht auch erst das Stück Erdbeer und danach ein kleines Gebäck? Jede Sorte kannst Du wählen, aber steht Dir auch frei, keinen Kuchen mehr zu mögen?
Manche mögen’s eher deftig. Sie ziehen ein ordentliches Käsebrot oder ein Stück würzige Wurst dem Süßen vor. Sie haben hier das Gebiet ihrer freien Wahl. Aber können sie auch wählen, lieber Kuchen zu mögen? „Jeder ist, wie er ist“, heißt es, und das Wörtchen „nunmal“ kommt irgendwo hinein. Man mag nunmal lieber Deftiges, der andere ist nunmal ein Süßer.

Bisher haben wir von der Vielfalt, von den verschiedenen Menschentypen gesprochen. Wir haben gesehen, was die Leute unterscheidet. Es geht auch anders: Wir können von dem aus sehen, was alle gemeinsam haben. Die einen finden Käse gut, die anderen Kuchen. Aber alle finden etwas gut. Die einen mögen große Feiern, die anderen mögen es, im ruhigen Wald zu sein. Mögen aber heißt gut finden. Mein Vater liebt seine Frau, Dein Onkel Deine Tante, aber lieben tun sie alle. Auch lieben heißt gut finden.
Die Frage wäre jetzt nicht, ob man aufhören kann, dieses oder jenes zu wollen, sondern, wie das mit dem gut finden überhaupt ist. Kann man aufhören, das Gute zu wollen? Oder etwas anders gefragt: Kann man aufhören, sich Gutes zu wünschen?
Wir müssen jetzt gut achtgeben, denn man könnte gleich mit „Ja“ antworten, etwa wenn man sieht, wie eine Mutter gern auf das Süße verzichtet, um es ihrem Kind zu geben. Sie will dann das Gute nicht für sich, sondern für jemand anderen und wählt das weniger Gute. Ich will gleich meine Meinung sagen. Ich behaupte, kein Mensch kann aufhören, das Gute für sich (und überhaupt) zu wünschen. Auch die Mutter sieht ihr größeres Glück im Glück ihres Kindes. Sie wählt das weniger Gute, um das schönste Gut zu bekommen, das im Lächeln ihres Kleinen besteht. Sie kann nicht aufhören, das Glück ihrer Kinder zu wünschen, und damit kann sie auch nicht aufhören, sich nach ihrem eigenen Glück zu sehnen. Selbst wenn sie ihr Leben geben würde, um das ihres Kindes zu retten, dann wäre sogar ihr Opfer ihr größtes, eigenes Glück.

Es gibt Leute, die können sich nicht lieb haben. Irgendetwas ist oder war, was ihr Verhältnis zu sich selbst verletzt. Das stimmt und gibt es tausendmal. Aber ist es nicht so, dass wir darunter leiden, wenn wir uns nicht lieben können? Und wenn wir darunter leiden, dann möchten wir, dass es anders sei. Heißt „ich hasse Dich!“ nicht oft, „ich möchte Dich gern lieben?“, wenn doch nur dieses oder jenes anders oder nicht geschehen wäre? Eigentlich möchte jeder sein Glück, tief drinnen, wie man sagt.

Der Lehrer meiner Schule, der heilige Thomas, ist immer in allem sehr klar und immer gerade heraus. Er sagt kurz und bündig: Jeder Mensch sucht immer das Gute. Damit meint er sowohl das Gute für sich, als auch das Gute überhaupt. Wenn man so möchte, ist hier diese Grenze der Freiheit, die selten gesehen wird: Die Freiheit zu wählen bewegt sich immer in der Vorgabe, dass der Wille Gutes will. Man kann zwar irren und Schlechtes fälschlich gut finden. Man will dann aber hinter dem Schlechten immer noch das Gute. Es heißt in der modernen Sprache schon mal, jemand will subjektiv das Gute und wählt objektiv etwas Schlechtes. Man will sich verwöhnen und schadet sich in Wirklichkeit eher. Um es für heute auf den Punkt zu bringen: Eine Grenze der Freiheit lautet: Man kann eigentlich nichts Schlechtes wollen.

Quelle:
Sent, 2, 39, 2, 1, co:„Ideo quamvis velle bonum homini sit naturale, nihilominus tamen potest malum velle, non inquantum est malum, sed inquantum existimatur bonum.“ – „Obwohl Gutes wollen für den Menschen das Natürliche ist, kann er dennoch Schlechtes wählen, nicht insofern es schlecht ist, sondern insofern es als etwas Gutes angesehen wird.“

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2 Kommentare zu “Eine Grenze der Freiheit

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