Eine Frage, die man eigentlich nicht stellt

Bildschirmfoto 2015-03-29 um 12.44.14

Für Mantha und Lisa

Wer sich einen Hund aus den Tierheim kauft, wird vermutlich zwei Gründe haben. Ich meine, es können tausend sein, die wir nicht wissen, zwei aber können wir vermuten: Er will, erstens ein Haustier haben, weil er Haustiere mag. Er möchte, zweitens, einem Tier helfen, das es bei ihm besser hat, als im Heim. Wenn ich richtig liege, gehen die Wünsche in zwei Richtungen: Man möchte selbst etwas bekommen und man möchte, dass es einem Tier gut geht.

Die Antwort auf die Frage, warum Gott die Engel gemacht hat, könnte auch in zwei solcher Richtungen gehen. Erstens mag er, dass es Engel gibt und zweitens mag er, dass sie Freude haben, und zwar eine, die nie vergeht.
Hier muss ich sagen, dass mich die Frage etwas nervös macht. Sie ist eine, die ich selbst nicht stellen würde. Es gibt übrigens eine Menge Fragen, die man fragen kann, aber nicht sollte. Man kann im Prinzip jede Frage stellen, wie man im Prinzip auch jede Kartoffel essen kann, warum nicht? Es gibt aber fragen, die zu stellen unanständig ist. Wenn da zum Beispiel jemand ist, der nicht Nein sagen kann und ein Buch nur sehr ungern und mit Bauchweh verleiht, dann ist es anständig, ihn nicht danach zu fragen. Tut man es doch, wird er ja sagen, aber höchst ungern. Man bringt ihn mit der Frage in eine sehr unangenehme Lage. Es gibt also Fragen, die man stellen kann, die zu stellen man aber unverschämt sein muss.
Es gibt eine zweite Sorte Fragen, die man eigentlich nicht stellt, obwohl man sie – natürlich – stellen kann. Das sind zum Beispiel solche, die das Gegenüber peinlich berühren, Fragen, die man nur mit guten, und ganz wenigen Freunden bespricht. Die in der Öffentlichkeit zu stellen ist frech und oft gemein.
Eine dritte Art stellt man besser nicht, weil sie dumm sind. Über die brauchen wir nicht eigens reden. Unsere heutige Frage ist von einer vierten Sorte, die man eigentlich nicht stellt, weil sie nicht ganz beantwortet werden kann. Der heilige Thomas sagt zum Beispiel, dass alle Dinge in ihrem Wesen ein Geheimnis haben. Man kann an keinem Ding der Welt alles wirklich ganz verstehen. Wir sehen das an den Menschen. Jeder Mensch, ob dick, dünn, dumm oder schlau, jeder Mensch hat etwas, was uns immer ein Geheimnis bleiben wird. Das geht so weit, dass wir uns selbst über ziemliche Strecken ein Rätsel bleiben. Thomas sagt etwas ähnliches von der ganzen Welt, und er meint, alle Philosophen der Welt könnten nicht einmal das Wesen einer einzigen Biene ganz erforschen. Gott hat auch die Bienen gemacht, und das Warum verstehen würde heißen, die Gedanken Gottes kennen, die er sich gemacht hat. Das aber ist für uns eine Nummer zu groß. Es gibt im Leben Geheimnisse, in die man nicht frech hinein greift, wie es Zimmer gibt, die man nicht mit Stiefeln betritt.

Die Frage nach dem Warum der Engel geht in diese Richtung. Sie führt aber zum nächsten Thema im Buch des heiligen Thomas: Die Engel haben nicht nur Verstand, sondern auch einen freien Willen. „Freier Wille“ ist ein Doppelwort, bei dem beide Teile von Bedeutung sind. Es gibt nämlich auch Willen, die man nicht frei nennen kann. Wenn eine Mücke zum Licht fliegt oder dahin, wo es warm ist, dann „will“ sie ins Helle und Warme. Ihr Wille ist aber nicht frei, sie kann nicht anders. Wer schlauer ist und sie durchschaut, kann im Hellen in Ruhe auf sie warten, um ihr mit der Zeitung eins überzuziehen.
Wer einen freien Willen hat, der kann sich auch für den dunklen und kalten Keller entscheiden, weil er, wie wir sagen, einen Durchblick hat. Mücken haben wohl einen Blick, aber keinen, der irgendwo hindurch geht. Mücken durchschauen keine Umstände. Engel und Menschen können das. Sie können grundsätzlich durchschauen, nicht alles, aber viel, das hilft ihnen, auch grundsätzlich frei zu sein.
Wir haben einen weiteren Grund, der den von oben noch etwas genauer umschreibt: Gott wollte auch, dass es Geschöpfe gibt, die sich eines freien Willens erfreuen. Und um das ganze zum kurzen Abschluss zu bringen: Er wollte den freien Willen um der Liebe willen, denn wer nicht frei ist, der kann auch nicht wirklich lieben, weder sich selbst, noch jemand anderen. Lieben bedeutet, auch anders können.

Quellen:
Symb apost, pro: „Cognitio nostra est adeo debilis quod nullus philosophus potuit unquam perfecte investigare naturam unius muscae: unde legitur, quod unus philosophus fuit triginta annis in solitudine, ut cognosceret naturam apis.“

Advertisements

8 Kommentare zu “Eine Frage, die man eigentlich nicht stellt

  1. Eine dritte Art stellt man nicht, weil sie dumm ist.

    Bist du dir da sicher? Mir fiel, als ich diesen Satz las, spontan ein, was der Schuldirektor meiner Kinderzeit früher immer gesagt hat: „Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten.“ 😀

  2. Ja, ziemlich sicher. 😉 Jetzt, da ich selbst unterrichte, biete ich den Schülern schon mal an, jede beliebige Frage zu stellen, allerdings mit der Einschränkung, dass ich lange nicht auf alle antworte.

  3. Und weil du nicht antwortest (oder antworten kannst) meinst du, die Fragen an sich seien dumm? Die Logik verstehe ich nicht.

  4. Du hast Recht, ich will oft nicht. Mal, weil ich was zu tun hab oder weil ich meine Ruhe so sehr schätze. Manchmal vergesse ich es auch, dann bitte ich um Nachsicht. Aber gut…. Ich muss mit einer Gegenfrage zum Verständnis antworten: Gibt es keine Fragen, die dumm sind? Wenn doch, ist es dann nicht dumm sie zu stellen? Aristoteles hat schon vor vielen Jahrhunderten gesehen, wer nicht einsieht, dass man die Alten ehren soll, der hat keine Diskussion, sondern einen um die Ohren verdient. Du kannst gern anderer Meinung sein. Meine ist: Es gibt die Dummheit, es gibt dumme Leute und es gibt dumme Fragen. Und das Dumme an der Dummheit ist, dass sie wirksam ist.
    Sei mir bitte nicht gram aber in diesem Fall hab ich Deine Frage für einen Scherz gehalten.

  5. @ Thomasleser: Ach wo, Ich bin dir nicht gram. 🙂 Aber unsere Ansichten gehen hier in der Tat wohl etwas auseinander. Ich sehe das beispielsweise so: Wenn Jemand etwas fragt, dann möchte er etwas unbedingt „wissen“. Er ist also „wissbegierig“. Wissbegierigkeit ist keine Dummheit. So in der Art meinte das wohl mein Schuldirektor, denke ich mal. Und selbst, wenn sich jemand ohne große Mühe, durch kurzes Nachdenken, wie Claudia schreibt, selbst die Antwort auf seine Frage geben könnte, dann ist er sicher etwas faul (Denkfaul), aber nicht dumm. Außerdem gebe ich zu bedenken, kann ich wirklich immer einschätzen, ob jemand durch eigenes Nachdenken selbst die Antwort finden könnte? Menschen sind doch, was die Intelligenz angeht, unterschiedlich begabt. Der Eine könnte es, der andere hat seine Probleme damit. Aber Fragen an sich halte ich nicht für dumm. Also ehrliche Fragen meine ich damit. Man kann natürlich auch Fragen stellen, um andere mit Absicht zu ärgern oder zu provozieren o. ä.. Doch darum geht es hier ja nicht, soweit ich das verstehe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s