Der Apparat des Denkens

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Heute muss ich meine Esel über eine andere Brücke treiben. Meine Rede wird etwas ungenau, wenn ich dabei bleibe zu sagen, Engel seien wie Gedanken. Das stimmt wohl, in der Summe sagt der Riese plötzlich allerdings, Engel seien genau das gerade nicht, nämlich dann, wenn man unser Denken als Maßstab ansetzt. Ich glaube, das muss kurz erklärt werden: Die Eselsbrücke wird beim genaueren Hinsehen löchrig.
Zur Erklärung hilft ein Schwenk in das Buch des Thomas über die Wahrheit, ins erste, große Kapitel dort. Da steht ein interessanter Gedanke. Mein Lehrer hat über ihn übrigens immer gesagt, wer überhaupt den heiligen Thomas verstehen wolle, der müsse diesen Grundgedanken verstehen.

Wenn wir einen Film schauen, dann sehen wir das, was uns der Projektor auf die Leinwand wirft. Es mag ein Wildwestfilm oder einer aus den siebenundzwanzigsten Jahrhundert sein, das hängt von uns nicht ab. Ob die Geschichte am Schluss ein frohes Ende nimmt oder in die Katastrophe fährt, können wir wünschen, aber nicht entscheiden, der Film gibt es vor. Wenn man so möchte, schauen wir den Film und unser Verstand nimmt Maß an ihm. Einen langen Film sehen wir lange, einen kurzen kurz. Während wir ihn betrachten, bedenken wir ihn zugleich. Freuen wir uns mit dem Helden, dann kommt das daher, dass unser Denken die Handlung zur eigenen Freude verarbeitet. Fahren wir zusammen, dann auch, weil der Film das irgendwie mit dem Denken in unserem Inneren veranstaltet.
Gehen wir vom Projektor aus, dann können wir wohl sagen, er denkt den Film auch, aber er ist, der der ihn sich ausdenkt und auswirft. Der Projektor hat, wie wir, sein Objektiv auf die Leinwand gerichtet, nur gibt es hier den entscheidenden Unterschied: Der Projektor fabriziert die Handlung. Aus ihm kommen die Figuren, die Landschaften und das Geschehen. Entscheidend ist: Wir sehen den Film und nehmen Maß an ihm, der Projektor sieht den Film und gibt ihm das Seine. Wenn wir den Film sehen, dann denken wir nach, was der Projektor uns vorgibt. Er ist maßgebend, wir maßnehmend. Das ist der Grundgedanke des heiligen Thomas, und um ein Detail aus ihm muss es uns gerade zu tun sein. Es geht um den Vorgang im inneren dessen, der sich den Film anschaut.
Thomas würde sagen, auch der Zuschauer hat eine Art Leinwand in seinem inneren, die steht zur Verfügung und kann im Prinzip jeden Film auch sich empfangen. Auch ihr ist egal, ob über die Augen ein langer oder kurzer Streifen hinein kommt. Auf der Leinwand draußen entsteht ein Film, im Inneren des Betrachters entsteht der selbe. Er muss ihn über seine Augen empfangen und in sich noch mal entstehen lassen, um drüber nachdenken zu können. Hier sagten die Alten, das menschliche Verstehen könne also zweierlei: Es kann vom Film draußen eine Kopie anfertigen und ihn in sich noch mal zustande bringen. Die Leinwand selbst kann ihn entgegen nehmen und sozusagen zulassen, dass er gespielt wird.

Das ist jetzt alles etwas hölzern, holprig und auch ein bisschen falsch mit den Bildern zur Erklärung. Irgendwie aber muss es so sein, sagt die klassische Lehre. Im menschlichen Verstand, so heißt es, gibt es ein aktives Moment, das von den Dingen draußen Bilder macht und ein passives Element, das sie im Verstand empfängt.
Wo Thomas  nun über die Engel nachdenkt, sagt er, genau das alles, also die Apparatur im Inneren müsse man ihn ihnen nicht annehmen. In den Engeln sind wohl die Endprodukte, nicht aber das ganze Geschehen das die Menschen brauchen. Wenn man so will: Der Engel sieht wohl den Film, er braucht aber kein Objektiv, keine Leinwand und vor allem kein Umrechnen von draußen nach innen.
Wenn man über die Engel etwas genauer nachdenkt, dann muss man annehmen, dass sie wegen ihrer Körperlosigkeit die Filme fertig geliefert bekommen und man muss annehmen, dass sie einfach in ihnen geschaut werden können. Engels sehen, aber viel schneller und ganz unmittelbar. Woher die Lieferung kommt und wie das alles sein kann, steht auf einem anderen Blatt. Die neue Eselsbrücke würde also lauten, die Engel seien eher Schauende als Denkende. Eher Blicke als Gedanken.

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