Kann man Engeln schaden?

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Gestern bekam ich auf die Frage, ob Engel sterben können, eine kluge Antwort: „Nein, sie sind doch in dem Land, wo wir auch eines Tages unsterblich sind. Da kann niemand sterben, also auch die Engel nicht.“ Meine nächste Frage, ob man die Engel denn dann irgendwie anders zerstören könne“, hatte sich damit so gut wie erledigt. „Engel zerstören hieße, sie sie töten, und das hieße, sie sterben lassen.“
Ich gebe zu, das Wort „zerstören“ im Zusammenhang mit Engeln, Menschen oder auch Tieren klingt befremdlich. Es hat etwas von „kaputt machen“ und einen ziemlich gewaltsamen Klang. Das finden wir im Zusammenhang mit Wesen, die Würde haben, unpassend. Häuser werden zerstört und Brücken. Bei Lebewesen sprechen wir mit guten Gründen anders. Ein Blick in verschiedene Übersetzungen unseres Kapitels zeigt auch, dass die Gelehrten ganz gern von Unvergänglichkeit sprechen, wenn man Engel nicht zerstören kann. Man würde dann, etwas gefälliger fragen, ob die Engel vergänglich oder unvergänglich seien.
Ich würde aber gern bei meiner Wortwahl bleiben, denn wenn ich richtig sehe, spricht der heilige Thomas auch so. Er benutzt das lateinische Wort „corrumpere“. Das ist ziemlich deutlich und hat etwas von zerschlagen, auseinandernehmen und vernichten.

Thomas fragt also, ob Engel der Zerstörung ausgesetzt werden können. Besser gesagt, er gibt gleich die Antwort: Engel sind unzerstörbar, und das grundsätzlich, von ihrer Natur her.
Seit ich die Frage zum ersten Mal gefunden und gelesen habe, bin ich beeindruckt, wie ihre Antwort aufgebaut ist. Thomas fragt hier nicht, wo die Engel sind. Er fragt auch nicht, wie es ihnen geht, dort, wo sie sind. Vielmehr fragt er, was zerstören überhaupt bedeutet. Zerstören, so sagt er, bedeutet grundsätzlich immer, das zwei Dinge von einander getrennt werden, nämlich Form und Materie. Die Antwort ist einfach: Engel haben keine Materie, deshalb können sie nicht zerstört werden.
Ich habe schon öfter über die Behauptung nachgedacht. Thomas sagt, etwas zerstören bedeutet immer, eine Form von ihrer Materie trennen. Etwas herstellen heißt, einer Materie im weitesten Sinn eine Form verpassen. Eine Marmorfigur herstellen heißt, ihre Form meißeln. Sie zerstören bedeutet, ihr einen Arm, den Kopf oder sonst etwas abschlagen. Als Kinder haben wir Türme, Schiffe und sonstige Gestalten aus Lego gebastelt. Wenn unsere Geschwister sie zerstören wollten, dann brauchten sie sie nur auseinander zu nehmen. Was übrig blieb, war das Lego in seinen Einzelteilen. Was Thomas da sagt, das gilt sogar vom Menschen. In seiner Schule ist die menschliche Seele die Form des Körpers. Einem Menschen sein Leben nehmen bedeutet also, die Seele, die Form vom Körper trennen, der dann formlos übrig bleibt.

Vielleicht sollten wir ein kurzes Wort zur Frage verlieren, was mit Materie gemeint ist. Materie meint hier nicht unbedingt die im oft gebrauchten, engeren Sinn des Wortes. Materie meint hier auch schon mal, was sonst mit Materie oft nicht gemeint ist. Wenn etwas aus Energie besteht und irgendeine Form von Energie hat, dann gilt die Energie in diesem Fall als das Materielle, weil sie im weitesten Sinn der Stoff dessen ist, was in der Form seine Vollendung findet. Ein Physiker hat mir einmal beibringen wollen, Energiefelder zum Beispiel seien von ihrer Art ganz anders als solche aus Materie. Es geht lediglich darum, dass etwas, was eine Form hat, aus etwas besteht, was im weitesten Sinn geformt werden kann.
Was nun die Engel angeht, lautet die Behauptung, sie seien Formen, die keine Körper haben, weder aus Materie, noch aus Energie, aus Luft oder sonst irgend einem Zeug. Damit fehlt ihnen eine Sache, die sie unbedingt bräuchten, wollte man sie irgendeiner Zerstörung anheimfallen lassen. Engel sind weder aus Energie, noch aus Materie im klassischen Sinn. Sie sind Geister und meiner Vorstellung nach viel mehr wie Gedanken, die man auch weder mit irgendwas treffen, noch teilen oder sonst beschädigen kann.

Quelle:
Sth I, 50, 3, coRespondeo dicendum quod necesse est dicere Angelos secundum suam naturam esse incorruptibiles. Cuius ratio est, quia nihil corrumpitur nisi per hoc, quod forma eius a materia separatur, unde, cum Angelus sit ipsa forma subsistens, ut ex dictis patet, impossibile est quod eius substantia sit corruptibilis.

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