Die Höflichkeit der Engel

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„Wenn Engel keine Körper haben, wie kommt es dann, dass man sie sehen kann?“ So etwa lautete der übliche Einwand. Meine Antwort, dass ich noch nie einen gesehen habe, und meine Frage, ob jemandem der Anwesenden schon mal einen zu Gesicht gekommen ist, nützt dann nicht viel. Die Kritik hat die Autorität der Bibel auf ihrer Seite. Dem Abraham sind Engel erschienen, dem Tobit, der Jungfrau Maria, den Hirten auf dem Feld, den Jüngern am Grabe und vielen Leuten mehr. Insgesamt machen die heiligen Schriften den Eindruck, als sei es geradezu selbstverständlich, dass Engel irgendwo auftauchen.

Aber meine Antwort ist doch doch nicht ganz von der Hand zu weisen, und ich habe sie mir nicht ganz ohne Überlegung zurecht gelegt: Normalerweise sieht niemand die Engel. Die Bibel sagt nicht nur, dass die Engel erscheinen. Sie sagt auch, dass jeder von uns einen, den Schutzengel nämlich, an der Seite hat. Wenn das stimmt, dann sind die Engel sehr wesentlich unsichtbar, denn normalerweise sieht sie niemand. Ein lieber, alter Priester pflegte seinem Schutzengel zu sagen, er solle sich bitte zum Fenster begeben, dann wisse er wenigstens, wo er sei und in welche Richtung er zu sprechen habe. Das sagt man nur zu unsichtbaren Geistern.

Wenn man der Schrift glaubt, dann gibt es also beides: Engel, die erscheinen und solche, die es nicht tun. Dazu ist zu sagen, dass die Bibel meistens ganz und gar ungewöhnliche Begebenheiten erzählt. Ihre Berichte heben an, wenn das Göttliche in die Welt tritt. Abraham war ein schlichter Hirte, bis da plötzlich zu lesen steht, Gott habe mit ihm gesprochen. Wie aus dem Nichts erscheint da der Herr der Heerscharen und nimmt Kontakt mit einem Menschen auf. Das sind höchst ungewöhnliche Situationen, und ihnen stehen die Engel zur Seite, die als Boten und Erklärer auftreten.

Als der Engel Gabriel der Maria erschien, tat er das, um der Jungfrau das Kommen des göttlichen Wortes auf die Erde anzukündigen und zu erläutern. Die Weihnachtsengel auf dem Felde erschienen den Hirten, um ihnen die Ankunft des Menschensohnes und dessen Gnade für die Menschen guten Willens kund zu tun. Auch da brach sich die Gottheit Bahn. Die Jünger am Grab hätten die Auferstehung nie verstanden, hätten die Engel nichts alles erklärt. Wenn man so möchte, sind die Engel der Bibel zu guten Teilen die Übersetzer des Göttlichen in die Sprache und Lebenswelt der Menschen. Das Kind in der Krippe sah eben doch aus wie ein gewöhnliches Baby. Dass es der Messias sei, das bedurfte der himmlischen Erläuterung. Die Engel begleiten, beschirmen, polstern und erklären den Einbruch der göttlichen Anwesenheit auf Erden. Sie kommen nicht einfach so, wie wenn eine Schwalbe sich im Zimmer verirrt.

Ich kann meine vorläufige Antwort also aufrecht erhalten: Normalerweise sind die Engel unsichtbar, so unsichtbar, wie das Wirken des Schöpfers auch. Das führt uns zur Antwort der theologischen Summe. Sie widmet der Frage ein kleines Kapitel und dort heißt es, die Engel bedürften der Körper weder zur Formung eines Leibes, noch zur eigenen Bewegung. Sie bräuchten sie überhaupt nicht für sich selbst, sondern lediglich um unseretwillen. Die Engel bräuchten ihre Körper eigentlich nur, damit wir vertraulicher mit ihnen umgehen könnten und damit sichtbar werde, welchen Umgang wir im Himmel haben. Diese Antwort ist mir schon immer sehr lieb: Normalerweise haben die Engel keinen Körper. Sie nehmen aber welche an, um den Eintritt des Göttlichen in unsere Welt zu erläutern und um uns zu zeigen, welch vornehme Gesellschaft uns im Himmel erwartet. Ich würde meinen, aus der Antwort kann man einen Ratschlag formulieren: Sollte uns einmal ein Bote des Himmels besuchen, dann lohnt sich ein Blick auf sein Betragen, und es empfiehlt sich, genauer hin zu sehen, wie er spricht und sich benimmt.

Es war zwar kein Engel, der in Lourdes erschien, sondern die Mutter Jesu, und das Mädchen, das sie sah, war eine fünfzehnjährige, lungenkranke Göre aus den Kreisen der ärmsten Bevölkerung. Mit dieser Sorte Mensch pflegt man für gewöhnlich nicht besonders höflich umzugehen. Als aber die Mutter ihr erschien, fragte sie in feinster Wahl ihrer Worte, ob das Mädchen die Freundlichkeit besitze, noch einmal wieder zu kommen. Im Himmel geht es anständig zu, und es ist damit zu rechnen, dass unsere dämlichen Standesunterschiede keinen Heller mehr wert sind. „Wahre Größe misst man nicht in Zentimetern“, sagte neulich ein Mann von kleinem Wuchs. Recht hat er, und der grundsätzlich Adel menschlicher Würde, der ist auf Eden auch nicht immer sichtbar. Aber sobald wir es mit dem Himmel zu tun haben, sollten wir wissen, dass es höfisch zugeht, und wohl dem, der sich zu benehmen weiß.

Quelle:
Sth I, 51, 2, ad 2: Ad secundum dicendum quod corpus assumptum unitur Angelo, non quidem ut formae, neque solum ut motori; sed sicut motori repraesentato per corpus mobile assumptum.

Sth I, 51, 2, ad 1: Ad primum ergo dicendum quod Angeli non indigent corpore assumpto propter seipsos, sed propter nos; ut familiariter cum hominibus conversando, demonstrent intelligibilem societatem quam homines expectant cum eis habendam in futura vita.

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