Muss es die Engel eigentlich geben?

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Als ich ein Kind war und sah, wie ein Bagger anfing, eine Straße in unserem Dorf aufzureißen, dachte ich etwas überrascht, das Dorf sei noch nicht fertig. Sie müssten an der Straße wohl noch was verbessern. Wie wenn man ein Hosenbein auftrennt, um es passend zu machen. Der Gedanke war nicht richtig. Es stimmt nicht, dass Dörfer fertig werden, wie Geigen fertig sind oder Schokoladentafeln, die zum Verkauf in den Auslagen liegen. Städte und Dörfer sind nie ganz, wie sie sein sollen, und immer muss irgendjemand etwas an ihnen weiter bauen. Orte kommen nicht zum Ende und das Leben auch nicht. Geht es zum Tode, dann hätte jeder noch was vor, wenn es nach ihm ginge. Der Vorhang fällt immer mitten in der Vorstellung.
So empfinden wir auch von der Welt. Die Welt ist wie ein Dorf, sie wird nie fertig. Das Universum dehnt sich aus und wächst. Es gibt aber keinen Punkt, an dem es ausgewachsen ist, wie wenn man einen Fußball fertig aufbläst.

In den Religionen finden sich andere Bilder. Mein verrückter Arbeitskollege glaubte, er werde im Laufe vieler Wiedergeburten vollendet, um dann in ein Leben zu kommen, von dem er nicht sagen konnte, ob es überhaupt noch ein Leben sein würde. Er glaubte, es gebe eine Art perfekten Zustand, den er eines Tages und irgendwann erreichen werde. Wie weit er schon war, wusste er nicht, woher er das alles hatte, auch nicht. Aber er glaubte wenigstens an eine Vollendung.
Das Christentum ist eine Religion, die fertig geworden ist, und zwar mit dem Erscheinen des Messias der lange angekündigt war und das ganze zum Ende gebracht hat. Der Gottesknecht und Menschensohn war der obere Schlussstein, den ein Bogen braucht, um alles zusammen zu halten und dafür zu sorgen, dass alles ein Ganzes bleibt.
Die Vorstellungen, in denen es nur darum geht, Gebote zu halten und alles richtig zu machen, haben ihren Schlussstein noch nicht, und Leute, die solche Religionen für endgültig halten, glauben auf ihn verzichten zu können. Sie lassen auf ihren Gott zwar nichts kommen. Der gilt immer als vollkommen und über alles erhaben. Mich stört an ihm aber, dass er seinen Geschöpfen so wenig zutraut und sie offenbar für dümmer hält als sie sind. Das Einhalten von Geboten bringt man auch Haustieren bei, und das Beibringen von Vorschriften nennt man Dressur. Sie ist aber keine gescheite Hinführung für gescheite Wesen. Mir ist das alles auf die Dauer viel zu wenig. Wer einmal ein Christ war, dürfte sich nicht mehr an ein Verhältnis zu seinem Schöpfer gewöhnen wollen, das dem eines Dressurpferdes zu seinem Reiter gleicht.
In der Vorstellungswelt meines kurdischen Freundes Jimi muss man im Leben zu nichts kommen und nichts aus sich machen. Man braucht nur tun, was geboten ist. Dazu noch das passende Bekenntnis, und am Ende wird schon alles gut ausgehen. Mit Verlaub und allem Respekt konnte ich das noch nie gut für eine ausgewachsene Religion halten. Es musste sich da eher um eine primitive Form handeln, aus der noch etwas gemacht werden muss. Man übt auf dem Trockenen nicht das Schwimmen, nur um auf dem Trockenen Schwimmen zu üben.

In der Schule des heiligen Thomas marschiert eigentlich alles auf seine Vollendung zu. Die Dörfer können fertig werden und die Menschen auch. Die Physik sieht das anders. Sie bringt die Fakten des Universums und berechnet, in wie vielen Millionen Jahren das All einfach aufhört sich auszudehnen. Irgendwie wird dann alles weiter gehen und nichts kommt an ein wirkliches Ende.
Ein Schüler des Aquinaten wird vermutlich: „Wenn Gott ihm die Zeit lässt“, dazu sagen. Entgegen allen wissenschaftlichen Annahmen und Erkenntnissen, hat das Universum, oder besser das Ganze des Alls ein Ziel, auf das es mit der gleichen Sicherheit hinaus läuft, wie ein einmal abgeschossener Pfeil.
Um das zu verstehen, sollte man wissen, das Ganze dieser Welt ist viel mehr als das Weltall der Physik, und hier liegt ein Streit im Keim, der nicht zu schlichten ist. Die Instrumente der Physik notieren, was sie messen können. Sterne kommen vor, Moleküle kommen vor und Energien kommen vor. Mein Freund aus der Sternphysik sagte, seine Welt kenne aber keine Engel und keine Geister. Sie könne man in seiner Welt nicht messen. Nun war der schlau genug, als Mensch mehr als nur Wissenschaftler zu sein. Wer glaubt, die Welt sei so klein, wie die Messungen seines Berufes, der kommt am Ende nicht weiter. Weder Geigerzähler, noch Thermometer oder Luftdruckmesser schlagen aus, wenn ein Engel vorbei fliegt. Das ist nunmal so, niemand kann einen Gedanken an die Wand nageln und keiner kann ihn messen.
Der heilige Thomas schreibt in der Frage, ob es Wesen ohne Körper gibt, man müsse solche Existenzen annehmen, weil sonst das Universum nicht vollkommen sei. Er sagt den Grund mit einem kurzen Gedanken: Der Schöpfer beabsichtige in der Welt, die er schafft in erster Linie das Gute, das ihm ähnlich ist. In Gott ist Wollen und Wissen, also braucht es beides in seiner Welt, wenn sie sein Gutsein spiegeln soll. Wissen und Wollen sind im eigentlichen Sinn aber keine körperlichen Tätigkeiten, sondern über die körperliche Welt erhaben. Deshalb müsse man in einem vollkommenen Universum auch körperlose, gescheite Wesen voraussetzen.

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