Der Pluralismus und Christi Gesetz

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„Unsere Welt ist aber pluralistisch!“ Den Satz habe ich im Kopf, wie wenn die Diskussion gestern gewesen wäre. Am Ende waren alle aufgeregt. Die einen, weil sie im Gewirbel des allgemeinen Redens ihre Argumente nicht unterbringen konnten, andere, weil sie allein vom Zuhören angesteckt wurden. Der Kerl auf der Angklagebank war ich, und der Einwand, dass wir doch in einer pluralistischen Welt leben, sorgte für Aufregung, weil ich ihn angegriffen hatte. Das macht man nicht. Man sagt auch nichts gegen die Behauptung, nach dem wir „schließlich im einundzwanzigsten Jahrhundert“ leben.
Ich hatte meinen Angreifer mit einem Einwand auf die Palme gebracht, der jeden da hinauf treibt: Er solle das Wort doch erst einmal erklären. Die Hälfte der Leute im Saal würden das Wort nicht verstehen, und das glaube ich noch heute.
Das Wort „Plural“ kennt jeder aus dem Deutschunterricht, es bedeutet „mehrere“. Pluralistisch im Sinne der Weltanschauungen meint wohl erst einmal, dass es mehrere gibt. Ich habe da allerdings einen Verdacht. Das sagt nämlich noch gar nichts.

Jeder weiß, es gibt Leute, die glauben nicht, dass die Welt in einer Evolution entstanden ist. Viele Gläubige aller möglichen Religionen glauben, ein Gott sei der Herr der Welt, und wenn es eine Evolution gebe, dann habe sie nicht das letzte Wort. Ein vernünftiger Herr stehe im Hintergrund, der alles am Ende so aussehen lassen werde, wie er es im Sinn hat.
Jeder weiß ebenso, dass es jede Menge anderer Leute gibt, die das nicht für richtig halten. Sie glauben nicht an den Herrn hinter allem, sondern, dass die Entwicklung der Welt ohne Steuerung läuft, einfach so sozusagen. Alle sind einfach so auf der Welt und werden einfach so wieder verschwinden. Viele Leute haben diese Meinung, viele jene und die meisten haben gar keine.
Mein Verdacht geht so: Das Wort Pluralistisch meint nicht nur, dass es viele Weltanschauungen gibt, die gab es schon immer. Pluralistisch meint eher, dass der Pluralismus als eine Art Grundgesetz zu gelten habe, wie monarchistisch nicht nur meint, dass es einen König gibt, sondern, dass der König über alle zu sagen hat.
Anarchistisch meint auch nicht nur, dass es keine Gesetze gibt. Anarchistisch meint, dass alle sich an das Gesetz zu halten haben, nach dem es kein Gesetz gibt. Anarchie meint zunächst nur, es gibt keine Regeln. Das reicht aber nicht für eine anarchistischen Welt, die anarchisch bleiben soll. Damit eine solche so genannt werden kann, müssen die Leute sich einigen, dass niemand anfängt seine Gesetze für die Welt geltend zu machen. Eine monarchistische Welt meint nicht nur, dass es einen König gibt, sondern auch, dass es verboten ist, Aufstände gegen ihn anzuzetteln.
In diesem Sinn meint, wenn ich richtig liege, eine pluralistische Welt nicht einfach nur, dass es viele Weltanschauungen gibt, sondern, dass es verboten ist, die eine gegen die andere auszuspielen, bis eine an der Macht ist.

Thomas sagt (natürlich nur, wenn ich ihn richtig verstehe), Christus habe am Kreuz das Gesetz des Teufels abgeschafft und das Grundgesetz Christi auf der Erde eingesetzt. In einer pluralistischen Welt darf er das meinen und am leben bleiben. Wenn aber die Welt in dem Sinn pluralistisch sein soll, wie ich vermute, dann wird man ihm Hausarrest erteilen, sobald er beginnt, Wahlverstaltungen für seine Sache abzuhalten. Das sollte mein Ankläger in der Diskussion zugestehen, und das trieb ihn auf die Palme, auf die er ohnehin so leicht zu kriegen war.
Thomas selbst schert sich um das alles nicht. Er ist lange tot. Aber die Kirche, der er seine Worte geliehen und seine Gedanken gewidmet hat, die ist noch sehr lebendig, und die spricht in dieser Sache zu allen Zeiten seine Sprache, ob das nun gefällt oder nicht. Die Kirche spricht mal leise und mal laut, sie sagt aber immer das selbe: Seit genau diesem Karfreitag, seit genau dieser einen Stunde, in der sich um drei der Himmel verfinsterte, herrscht das Grundgesetz der Liebe auf der Erde und im gesamten Universum.
Das würden nun die meisten gelten lassen. Schwierig wird es nur, wenn die Liebe anfängt, mächtig zu werden. Die Liebe des Thomas ist nämlich eine, die nicht schwächlich daher kommt, sondern in den Startlöchern steht, ihre Ordnung nicht nur zu wollen, sondern auch durchzusetzen. Sie hat zwar unverständlich viel Geduld, es fehlt ihr aber nicht an Kraft. Hier kommt der Widersacher wieder ins Spiel. Auch er will die Liebe, er will sogar die Liebe Gottes. Was er aber nicht will, das ist ihre Ordnung und den Weg, den sie geht. Er will sie selbst, er will aber die Weise nicht, wenn man so will, und deshalb ist er lieblos. Wie das geht, darüber sollten wir im nächsten Kapitel nachdenken.
Was nun aber den Pluralismus angeht, so wird er auf die Dauer von ungefähr der gleichen Bedeutung sein, wie die Spielregeln eines Kindes, das glaubt, der Mond sei aus Käse.

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