Worüber auch gesprochen werden muss

Bildschirmfoto 2015-01-25 um 12.58.50

„Umarmen sie um Himmels willen keine schluchzenden Frauen!“ So lautete der Rat eines erfahrenen Priesters: „Sie werden sich vielleicht kurz den Ruf zuziehen, herzlos zu sein. Aber glauben sie mir, es schützt sowohl sie, als auch ihr Gegenüber.“ Bei vielen Ratschlägen dauert es eine Weile, bis man sie tiefer verstanden hat, und je länger ich nachdenke, desto mehr sehe ich, wie Recht er hier hatte.
Ich würde sogar meinen, dieser Rat gilt nicht nur für die zölibatären Leute, sondern auch für die Verheirateten, wobei freilich ein „außer ihre Frau“ nicht ganz unpassend wäre. Auch in Zeiten wie diesen, da eine Gesellschaft, die sich aufgeklärt glaubte, vor Schreck erstarrt, wo immer offenbar wird, wie stark sich die ungebremste Umtriebigkeit der Großen auf die Kleinen auswirkt, könnte es ratsam sein, für die Pädagogen den Ratschlag des alten Priesters aufzuwärmen.
Tränen können durchaus als Mittel eingesetzt werden, seine Ziele zu erreichen. Ein Kind, das gelernt hat mit Weinen als letztes Mittel an die Schokolade zu kommen hat einfach einen Pfeil mehr im Köcher. Die eigentliche Kunst scheint wohl in der Fähigkeit der Unterscheidung zu liegen: Welche Tränen sind echt und welche taktische Mittel.

Ich sage das alles, weil es in den Kirchen ein Phänomen gibt, das gewisse Ähnlichkeiten aufweist, nämlich, wenn vom Kreuz des Herrn die Rede ist. Auch da gibt es Sentimentalitäten, bei denen ein nüchterner Mensch lieber das Weite sucht. Auch hier können Argumente als Keulen eingesetzt werden, die den Besonnenen in Schatten schiebt, die eigentlich nicht seine sind.
Heutigentags braucht man allerdings kaum Furcht vor solchen Sachen zu haben, weil man die Geschichte mit dem Kreuz Jesu in den Kirchen weitgehend hinter sich gelassen hat. Der Christ unserer Tage ähnelt einem Menschen, der sich an Mutters Tisch setzt, ohne zu wissen, wie viel Mühe sich die Frau tagtäglich macht. Er setzt sich ins geschenkte Auto, ohne von Herzen Dank zu sagen, und wenn er es tut, dann hat ist das so wertvoll, wie ein schnelles „Tschuldigung!“ auf dem Schulhof. Dem modernen Christen unserer Tage wäre vorzuwerfen, dass er die Umstände seiner Erlösung vergessen hat. Aber das scheint eher eine Folge früherer Übertreibungen in diesen Fragen zu sein.
Die sexuelle Revolution war eine übertriebene Reaktion auf die übertriebene Prüderie vergangener Zeiten. Die übertriebene Freiheitswelle eine Reaktion auf die übertriebene Unterwürfigkeit der Väter und Mütter. Es ist eben nicht leicht, die Pendel junger Generationen in jener Mitte zu halten, die sich bewähren würde.
Hier zieht sich der heilige Thomas in unseren Tagen übrigens dauernd irgendwelche Tadel zu. Die Leute mit gefühlsbetonter Übertreibung bedauern, dass er immer viel zu nüchtern vom Kreuz Christi spricht. Er redet in der Tat drüber, wie wenn einer die Straßenlampen vor dem Hause zählt. Solche, die das Opfer der Erlösung eher vergessen möchten, werfen ihm vor, dass er noch so offen drüber spricht.

Wenn es gestattet ist, würde ich gern der Linie des Meisters folgen und sehr wohl über alles sprechen, und das im Versuch, es ähnlich sachlich anzugehen. Der Vorwurf der Sentimentalen stimmt hier übrigens. Thomas ist und bleibt äußerst nüchtern. Das hat allerdings gute Gründe. Er trennt die Information von der Betrachtung und unterlässt hier sehr bewusst jede Vermischung.
Thomas hört nicht auf zu betonen, das vollkommenste Leben sei das der Beschaulichkeit, im Kloster etwa, oder für den, der es kann, auch im Alltag. Die Information dienen dem Hinweis, wohin die Reise geht. Losfahren muss man dann selbst. Selig macht uns nicht das Wissen um die Liebe der Großeltern. Selig sind wir erst, wenn wir bei ihnen auf dem Schoß sitzen und vor ihren Füßen spielen können.
Informationen sind Vorbereitungen, Lieferungen, mit deren Hilfe wir weiter kommen können, nicht mehr. Weiterkommen aber sollten wir. Am Christen liegt es, mit den gelieferten Informationen in die Meditation zu gehen, sie im Alltag und im Gebet zu betrachten, damit aus den Samen Blüten werden können. Dieses zweite überlässt der Professor den geistlichen Lehrern, der Erfahrung oder dem Üben des Einzelnen. Als Lehrer der Wissenschaft obliegt ihm nur, die Sachen zu liefern, und das so gut und tief, wie möglich.
Wie immer das alles auch sein mag. Wenn wir der Betrachtung der Engel und Dämonen weiter kommen wollen, dann müssen wir die Information der Erlösung mit hinzu nehmen. In diesem Sinne wäre die Betrachtung des Neides unvollständig, wenn sie den Blick nicht auch darauf lenken würde, wohin er führen kann, und hier zeigt Thomas in gebotener Nüchternheit den höchsten und zugleich schrecklichsten Gipfel, den er je erklimmen konnte. Er schreibt, Christus habe freien Willens seine Glieder dem Teufel ausgeliefert, dass er getötet würde. Darüber muss gesprochen werden. Ansonsten ist die ganze, christliche Botschaft unvollständig und damit irgendwann nicht mehr verstehbar.

 

Der am Schluss zitierte Satz steht im einundvierzigsten Kapitel des dritten Teils der Summe. Dort untersucht Thomas die Frage der Versuchung Jesu in der Wüste, zu Beginn seines öffentlichen Handelns. Im zweiten Artikel steht an, ob die Wüste der passende Ort gewesen sei. Thomas betont, für die Versuchung eigne sich eine Person am besten, wenn sie ganz alleine sei, und die Wüste ist bekanntlich besonders ein Ort der Einsamkeit. Zugleich unterstreicht er die Feiwilligkeit der gesamten Inszenierung. Christus habe sich freien Willens der Versuchung angeboten, ebenso freiwillig habe er seine Glieder, und jetzt kommt die entscheidende Stelle, dem Teufel zum Tode ausgeliefert. Thomas sieht die Klammer zwischen dem Beginn und dem Ende des öffentlichen Wirkens Jesu. 
Sth, III, 41, 2 co:
Respondeo dicendum quod, sicut dictum est, Christus propria voluntate se Diabolo exhibuit ad tentandum, sicut etiam propria voluntate se membris eius exhibuit ad occidendum, alioquin Diabolus eum advenire non auderet. Diabolus autem magis attentat aliquem cum est solitarius, quia, ut dicitur Eccle. IV, si quispiam praevaluerit contra unum, duo resistunt ei. Et inde est quod Christus in desertum exivit, quasi ad campum certaminis, ut ibi a Diabolo tentaretur. Unde Ambrosius dicit, super Luc., quod Christus agebatur in desertum consilio, ut Diabolum provocaret. Nam nisi ille certasset, scilicet Diabolus, non iste vicisset, idest Christus. Addit autem et alias rationes, dicens hoc Christum fecisse mysterio, ut Adam de exilio liberaret, qui scilicet de Paradiso in desertum eiectus est; exemplo, ut ostenderet nobis Diabolum ad meliora tendentibus invidere.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s