Die Töchter des Neides

Bildschirmfoto 2015-01-25 um 12.58.50

Wir sind mit dem Neid bei einem der sieben klassischen Hauptlaster gelandet, die leider oft einfach nur „die sieben Todsünden“ genannt werden. Vielleicht ein kurzes Wort dazu. Es ist falsch, bei den „Lastern“ gleich mit dem gewichtigen Wort „Todsünde“ um die Ecke zu kommen. Es ist, um es einmal so zusagen, zu wenig richtig.
Natürlich, Thomas sagt ziemlich deutlich, dass der Neid den Keim des Todes in sich trägt, nämlich den den Todes der Liebe. Die Liebe, sagt er, ist das Leben der Seele, und der Neid rudert hier genau gegen sie. Er hat die Tendenz, die Liebe in der Trauer zu ersticken, die einer hat, wenn er sieht, dass es dem Nachbarn gut geht. Das ist Unrecht, konstatiert der Heilige, denn wenn die Liebe regierte, würde sie Freude verströmen über das Glück des Nächsten, nicht Betrübnis.
In einer seiner Antworten in der Summe sagt er sogar: Der Gläubige müsse allein aus der Schrift bereits wissen, dass Gott auch den Ungerechten schon mal gute Gaben gibt, damit sie Gelegenheit haben an ihnen zu wachsen und so doch noch auf die richtige Schiene zu gelangen, oder eben nicht. Der Gläubige müsse wissen, dass es seine Ordnung haben kann, wenn Leute mit Glück beschenkt werden, das sie nicht verdienen. Der innere Aufstand dagegen verbiete sich hier.

Nun weiß wohl aber jeder, dass der kleine Keim des Neides im Herzen allen Menschen von Kindesbeinen vertraut ist. Hier mit dem Wort „Todsünde“ den Knüppel herbei zu holen, ist einfach nicht stimmig.
Dem Sinn des Gesagten nach empfiehlt sich hier wahrscheinlich eher der Gebrauch des bewährten Wortes „Laster“. Was ein Laster ist, weiß jeder; eine Neigung, die einem durchaus als Last begegnet. Hat einer zum Beispiel das Laster der Spielsucht, dann macht das Spiel wohl Spaß, wenn er gerade spielt. Seine Familie wird es wohl als Sünde gegen das sauer verdiente Einkommen ansehen. Dem Süchtigen aber ist sein Laster sicher aber zunächst eine Last auf der Schulter. Es dürfte nicht ratsam und wenig zielführend sein, den Betroffenen im Sinne der Todsünde gleich als Bösen hin zu stellen. Wenn einer ein Laster hat, dann kann er das auch haben, ohne viel dafür zu können.

An dieser Stelle führt der Aquinate nun eine weitere Sache ein, die die Angelegenheit konkreter werden lässt. Er sagt, ein bedeutendes Merkmal der sogenannten Hauptlaster ist, dass sie Familie haben. Sie bekommen Kinder, die in den Worten der alten Schule „Töchter“ genannt werden.
Als Beispiel mag das Laster der geistigen Trägheit und des Überdrusses dienen. Es kann sein, dass einer aus Gründen, die wir hier nicht untersuchen brauchen, geistig resigniert, träge und unwillig wird. Man kann dahin gelangen, dass man genau da sitzen bleibt und nicht mehr weiter will, wo man gerade noch ein Mal aufstehen und weiter gehen sollte. Thomas sieht, dass man aus einer Art Resignation dahin gelangen kann, sich gegen die kleinen Schritte aufzulehnen, die einem noch zugetraut werden könnten. Es kann sein, dass man in dieser Lage auf die Dauer mit sich selbst nicht mehr ins Reine kommt. Das ist der tragische Zeitpunkt, wo aus dem Laster die Töchter hervorgehen, die sich als Symptome nach außen zeigen. Genannt werden der Groll, die Kleinmütigkeit, die Verzweiflung, die Trägheit im Einhalten gebotener Dinge und das vorwitzige Umherschweifen des Geistes in Sachen, die einen nichts angehen.
Als Töchter des Neides nun nennt der Meister den Hass, die üble Nachrede, schlechtgelauntes Murren, den Jubel über das Unglück des Nächsten und die Betrübnis über dessen Glück.
Wenn man so möchte, werden die genannten Laster in ihren Töchtern konkret und zu greifbaren Fehlern. Der Neid, als Traurigkeit des Herzens und die Trägheit als eine Art verzweifelte Müdigkeit, die bleiben eher als Traurigkeiten im Inneren des Menschen. Doch wenn jemand den Hass gebiert, über fremdes Unglück jubelt oder vorwitzig in der Wäsche der Nachbarn sucht, dann wird es tragisch konkret. Und wenn man überhaupt von Sünden sprechen will, dann sollte das eher hier erst wirklich beginnen. 

 

Sth II-II, 36, 4, arg 2Praeterea, videtur quod inconvenienter eius filiae assignentur a Gregorio, XXXI Moral., ubi dicit quod de invidia oritur odium, susurratio, detractio, exultatio in adversis proximi et afflictio in prosperis. Exultatio enim in adversis proximi, et afflictio in prosperis, idem videtur esse quod invidia, ut ex praemissis patet. Non ergo ista debent poni ut filiae invidiae.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s