Noch ein Problem mit dem Neid

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Es gibt ein zweites Problem mit dem Neid oder dem Neidischsein, und das ist eins der Grundauffassung, die man vom Menschen überhaupt haben kann. Es gibt jede Menge Leute, die halten den Neid für eine schlichte, menschliche und gleichsam natürliche Charaktereigenschaft. Hier kann der Neid nichts sein, was man nicht haben soll, sondern, was man eben hat oder nicht. Ist das so, dann darf man gar nicht sagen, der Neid sei falsch oder gar Sünde. Das wäre ungefähr so, wie wenn man sagen würde, rote Haare haben sei ein Vergehen und halb Irland würde in Schuld versinken.
In einer solchen Grundauffassung ist der Neid dem Menschen natürlich, und natürliche Sachen können bekanntlich nicht als Fehler deklariert werden. Man erklärt den Neid für eine Sache, für die man nichts kann, wie wenn ein Kleinwüchsiger nichts dafür kann, dass er nicht ins Kraut geschossen ist. Auch da wäre es Unrecht, von Unrecht zu sprechen.
Bei den Leuten einer solchen Grundauffassung entsteht das Problem lange bevor die Gespräche über den Neid beginnen können. Meine Religion steht vorab im Ruf, fröhlichen, unschuldigen Menschen willkürliche Lasten auf die Schulter zu legen, vermutlich nur, um ihnen das Legen irgendwie schwerer zu machen. Wenn man Leute aus diesen Lagern trifft, mit denen man in Ruhe reden kann, dann kann das Gespräch nicht erst beim Neid oder anderen Einzelheiten beginnen. Man muss erst einigermaßen ausführlich vom Menschen an sich sprechen. Dieses Fass können wir hier nicht öffnen, es würde ein eigenes, womöglich einigermaßen dickes Buch ergeben. Wir müssen mit dem Hinweis darüber hinweg gehen, dass es solche Auffassungen gibt und dass damit zu rechnen ist, dass einem schon mal Torten und Steine an den Kopf fliegen, wenn man als Christ der klassischen Schule daher kommt.

Thomas schreibt ziemlich eindeutig über den Neid, er sei nicht rechtens, und zwar sozusagen in seiner zarten Wurzel bereits. Wenn man so möchte, steckt das Pflänzchen an sich schon in der falschen Erde. Die etwas ausführliche Antwort geht behutsam zu Werke und erklärt, was als Neid scheinen könnte, in Wirklichkeit aber keiner ist. Ganz zum Schluss dann erklärt er: Die Traurigkeit über die Tatsache, dass uns jemand überragt, sei Neid im eigentlichen Sinn, und der Fehler an ihm sei, dass man traurig ist, wo man sich eigentlich mit freuen sollte.
Mich erinnert das an die Spiele in Kindertagen. Man wollte immer unbedingt gewinnen und konnte schrecklich sauer und traurig sein, wenn man verlor. Ich erinnere mich dünn, aber sicher, dass mir damals schon diejenigen als wirklich groß vorkamen, die wohl gewinnen wollten, sich dann aber ehrlich mit den Siegern freuen konnten, wenn sie verloren. In Sachen Neid scheint es wohl angezeigt, sich um eine solche Größe zu bemühen.

Richtig schwierig wird es allerdings eine Frage weiter. Der Meister sagt dort, der Neid sei eine Todsünde. Die erste Schwierigkeit dürfte erst mal im Klang der Worte liegen. Das Wort „Todsünde“ passt in die Überschrift über einen Gruselfilm, und in der billigen Presse passt es sehr gut in die fett gedruckten Zeilen, mit denen Eindruck geschunden werden soll. Der Klang des Wortes „Todsünde“ lockt die neugierigen Geister aus den Ecken und sie spitzen die Ohren in Erwartung eines schaurigen Schauspiels. „Todsünde“, das hat was Spektakuläres, wie eine öffentliche Enthauptung auf dem Marktplatz.

Wie schon bekannt sein könnte, hält Thomas so gar nichts von solchen Sachen. Er behandelt die Dinge mit der Sachlichkeit eines Schaffners in der Eisenbahn nach dreißig Dienstjahren und kurz vor Feierabend. Er begründet die todbringende Wurzel des Neides schlicht mit dem Gedanken, dass die Liebe das Leben der Seele bedeutet und der Neid in seiner Richtung der Liebe genau entgegengesetzt ist. Die Liebe und der Neid, sagt er, haben das Gut des Nächsten im Auge, allerdings in genau gegensätzlicher Richtung. Die Liebe freue sich und der Neid trauere darüber.

Thomas sieht nun sehr genau, dass sich eine Schwierigkeit auftut, in die er die Leute bringen kann, etwa, wenn sie entdecken, dass sie nunmal Regungen des Neides in sich haben. Als junger Spieler hatten wir auch „nunmal“ die Regung des Ärgers in uns, wenn wir verloren. Es könnte nun sein, dass jemand meint, sich den Mantel der Todsünde anziehen zu müssen, wenn er, beim besten Willen, Regungen des Neides in sich entdeckt. Thomas sagt dem Sinne nun, dass Regungen in der Tat nur Regungen sind.
Beim Spiel früher gab es einen, bei dem man damit rechnen musste, dass er in einer Anwandlung neidischer Wut das ganze Spiel umwarf. Wenn er nicht gewinnen konnte, dann sollte es niemand können! Vermutlich habe ich es meiner Kinderstube zu verdanken, dass es bei mir nie so weit kam, ich muss aber sagen, dass ich manches mal eine diebische Lust dazu verspürte. Wenn Gottschalk etwa sagt, er habe in seiner Ehe nie an Scheidung, wohl aber oft an Mord gedacht, dann ist er dadurch kein Mörder geworden, sondern der Spaßvogel geblieben. Es geht also nicht nur um die Wurzel, sondern immer auch um die Frucht am Ende.

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