Der Schmerz des Engels

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Kopf und Zahl haben nicht viel gemeinsam. Sie sind aber zwei Seiten einer Medaille, und die hat nur diese beiden, vom Rand einmal abgesehen. Beim bösen Engel scheinen beide Seiten noch viel verschiedener zu sein als eine Ziffer und ein Schädel.
Bringen wir die Schwierigkeit doch gleich mit den Worten des heiligen Thomas zusammen. Auf der einen Seite sagt er, alles, was der gefallene Engel aus freien Stücken tut, ist immer böse. Um es einmal mit den Worten der Kirchensprache auszudrücken: Außer absoluter Todsünde ist beim bösen Engel nichts zu erwarten. Alles, wirklich alles, was er tut, ist so sehr gegen Gott, wie es überhaupt sein kann, und Tod heißt hier nicht weniger, als dass das Verhältnis zum Schöpfer wurzeltief zu Grunde gegangen ist. Sollte er einmal etwas Gutes zuwege bringen, schreibt Thomas, dann macht er es falsch, wie wenn einer nur deshalb die Wahrheit spricht, um zu täuschen.
Auf der anderen Seite heißt es in gleich fester Überzeugung: Der Teufel sucht nichts Schlechtes, wenn er sündigt, sondern immer nur das Gute. Hier gehören also die größtmögliche Bosheit und ein unbändiger Drang zur Liebe zusammen auf das eine Geldstück.

Die landläufige Meinung gibt diesen Konflikt nicht her. Man meint entweder, der Böse sei „durch und durch“ böse, dass gar nichts Gutes mehr an ihm sein könne und wundert sich, dass Gott ihn nicht vernichte. Oder man spricht ihn in einer Art Anwaltschaft frei, wie einen, der für alles irgendwie nichts kann. Das sind jeweils die einfachsten Lösungen. Die kommen bei Thomas nicht in Frage. Dass der Böse nichts Gutes mehr an sich haben soll, das kann in der Schule des Aquinaten nicht sein. Auf der anderen Seite muss es eine Möglichkeit geben, auch nach unten hin so weit gelangen zu können, wie die Grenze der Geschöpflichkeit es zulässt.

Vielleicht aber mal ein Blick auf das Allzumenschliche, um eine solche Schwierigkeit überhaupt einmal denken zu können. Das Beispiel ist eine traurige Begebenheit, die mir vor Zeiten zugetragen wurde. Da war ein  Paar, ganz verliebt und ganz vernarrt in einander. Alles lief sehr gut und alles war, wie alle wollten. Doch wie das Leben spielen kann: Aus irgendwelchen Gründen begab es sich, dass die junge Frau eine neue, andere Liebe fand und sich ihr zuwandte. Das Vernarrtsein verblasste auf ihrer Seite, auf seiner nicht. Sogleich trat an ihm eine erschreckende Seite zu Tage. Seine Liebe wurde nicht kühler, sondern heißer, und sie schlug um in wutentbrannten Zorn. Eines Nachts lauerte er seiner „ehemaligen“ Geliebten auf. Er schlug sie brutal nieder, und zwar ausdrücklich, um sie zu verletzen. Nicht einfach, um ihr weh zu tun, oder ihr einen Denkzettel zu verpassen. Nein, er wollte sie verletzen, und das für immer. Wenn man so möchte, schlug seine Liebe in Hass um, allerdings ohne aufzuhören, eine Form Liebe zu bleiben.
Das zeigt die beiden Seiten der Medaille und zugleich, wie dünn die Münze sein; wie nahe beides beieinander liegen kann. Wir mögen das Verhalten voller Entsetzen krank nennen, aber wie immer auch: Der Motor war und blieb die glühende Liebe und sogar der innigste Wunsch, mit seiner Veflossenen zusammen sein zu können. Hätte man den Täter in Ruhe befragen können, er hätte sich nach nichts anderem gesehnt, als nach der liebevollen und friedlichen Vereinigung, oder dass doch alles nur wieder so sein sollte, wie früher. Der Hass muss kein Gegenteil der Liebe, er kann auch eine verirrte seiner Weisen sein.
Über einen solchen Gedanken lässt sich vielleicht im Ansatz verstehen, wie auch in einem eine Sehnsucht nach liebevoller Erfüllung mit dem Hass einhergehen kann, den der Neid hervorbringt, wenn er sich auswächst.
Wenn Thomas sagt, im Engel könnten (nur) der Hochmut sein und der Neid, dann ist es der letztere von beiden, der das Feuer der Bosheit in Gang hält. Das ist auch beim verwirrten Verliebten denkbar: Wenn er nicht bekommen kann, wonach er sich sehnt, dann wird alles nur noch unerträglicher, sobald er sieht, dass ein anderer es bekommt. Thomas schreibt: „Deshalb folgte im sündigen Engel auf den Stolz der Neid, sofern ihm das Gute, das die Menschen hatten und die Erhabenheit Gottes Schmerz bereiteten.“

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