Der Stolperstein der Engel

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Als die Bewegung um Pegida aufkam und mit ihr die Frage, ob man nicht doch etwas dazu schreiben sollte, kam mir Karl Kraus in den Sinn, der gesagt hatte, zu Hitler falle ihm nichts ein. Ich habe ihm das nie ganz glauben können. Kraus ist immer zu allem etwas eingefallen und zu allem das Beste, was man in kurzen Worten sagen konnte. Es war ihm also nur schwer zu glauben, dass ihm nichts einfiel. Ich weiß aber, wie es ist, wenn man nicht schreiben kann, weil einem zu viel auf einmal einfällt. Das ist in seiner Wirkung das gleiche.
Auch zu Pegida fiel mir jedenfalls immer viel zu viel auf einmal ein, und so bin ich bis heute dankbar, gar nicht erst angefangen zu haben. Wer sich nicht dem Journalismus verschreibt, der kann sich, Gott sei Dank, aussuchen, worüber er sich auslässt, oder besser gesagt, wann. Das mit dem Worüber allein stimmt nämlich nicht ganz. Wer jahrelang, also etwas ausführlicher über den heiligen Thomas schreibt, der kann auf die Dauer nicht um alle Themen herum segeln, zu denen ihm zu viele Dinge einfallen. Irgendwann muss er drauf kommen.
Wer etwas ausführlicher über J.F.Kennedy schreibt, der muss irgendwann auf sein Rückenleiden zu sprechen kommen, auch wenn er keine Lust dazu hat, und wer über die Lehre des heiligen Thomas schreibt, der muss irgendwann auf das Thema der Sünde kommen, auch wenn ihm das so wenig gefällt, wie das Rückenleiden des amerikanischen Präsidenten. Aber, wie gesagt, den Zeitpunkt wählen zu können, ist der große Luxus dem Journalisten gegenüber, der täglich zum Täglichen zu schreiben hat.

Der Zeitpunkt, etwas über die Sünde zu verfassen ist genau da sehr günstig, wo Thomas über die Engel schreibt. Die Engel sind nämlich, wie gesagt, sehr einfach, und das macht es in gewisser Weise auch leicht, einen wesentlichen Kern der Sünde frei zu legen. Ich nenne ihn am besten gleich. Die Sünde besteht weniger in dem, was man will, sondern wie man es will.

Der Mensch, wer weiß das nicht, ist höchst kompliziert. Wenn man wirklich wissen wollte, warum einer seine kleine Schwester noch nie leiden mochte, dann müsste man gleich einen ganzen Stab der besten Psychologen bezahlen, ihn lange befragen, um dem Problem so gut es geht auf die Schliche zu kommen. Tausend Gründe würden sich überlagern und am Ende könnte sich niemand herausnehmen, die Wurzel wirklich ganz zu kennen, wie wenn man den Wurm sieht, der zum Ende der Leine am Haken hängt.
Der Mensch ist eben das komplizierteste Wesen der Schöpfung, und der Engel ist das einfachste. Der hat keine Kindheit, keine Psyche, die Probleme machen könnte und keine Geschichte, in der man suchen muss. Der Engel verändert sich seit seiner Schöpfung nicht und ist einfach da, wie er ist. Deshalb kann der heilige Thomas dort, wo er beginnt, über dessen Sünde nachzudenken auch sagen, im Engel könnten eigentlich gar keine anderen aufstehen als Hochmut und Neid. Für andere Sünden hat er gar nicht das innere Rüstzeug. Wer kein Geld braucht, kann nicht auf Geld aus sein. Wer keinen Körper hat, bei dem fallen sämtliche Möglichkeiten weg, die wir über den Leib ausleben. Wer keinen Magen hat, der hat keinen Hunger und wer, wie der Engel schon ganz erfüllt ist mit allem, der kann auch in seinem geistigen Magen kein Loch aufweisen.
Eins aber sieht der Meister deutlich: Auch der Engel sucht etwas, bzw. möchte etwas haben, denn jede Kreatur, die von ihrer Natur aus wollen kann, die will auch, so lange sie nicht dort ist, wo alles Wollen zur Ruhe kommt.
Hier ist die Stelle, wo es beim Engel so viel einfacher bleibt, als es immer mit dem Menschen ist: Wollen heißt Gutes Wollen, weil Wollen immer etwas haben mögen meint, das der Wille als etwas Gutes ansieht. Beim Menschen könnte man Millionen Dinge aufzählen, beim Engel nur eine, die heißt: Das Gute an sich, und das ist Gott höchstpersönlich. Beim Menschen müsste man lange erklären, warum das Kleinkind, das nie ein Wort vom Lieben Gott gehört hat, sich doch eigentlich nach ihm sehnt, wenn es Cornflakes mag. Beim Engel fallen die Dinge weg. Er steht weit genug oben auf der Leiter, dass er direkt, ohne Umwege und ganz direkt auf den Schöpfer aus sein kann, in dem die Fülle allen Glücks zusammen läuft. Der Mensch also, wie der Engel auch, ist auf Gott aus! Nur kann man beim Engel viel schneller drauf zu sprechen kommen.
Ein Zweites kann man sagen, und was schon angedeutet wurde: Der Engel will nicht Gott werden, denn das würde bedeuten er würde aufhören wollen ein Engel zu sein. Niemand will so etwas. Nein, auch der Engel möchte selig werden bei Gott, als der, der er ist. Nur, da er der Schwäche des Hochmutes fähig ist, kann es sein, dass er das Ziel erreichen will, ohne sich den Bedingungen unterwerfen zu wollen. Das ist sein mögliches Problem, das in das noch viel größere führen kann: In den Neid, und da beginnen die Schwierigkeiten erst wirklich.

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