Was können die Engel denn noch wollen?

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Ich habe des Längeren überlegt, aber ich glaube, wir sollten ein Fremdwort einführen und erklären. Es heißt „Potenz“ und ist von großer Bedeutung. Zudem ist es uns uns in doppelter Weise fremd.
Normalerweise sind Fremdwörter fremd, weil nicht alle Menschen auf der Straße sie geich verstehen. Das Wort „Gewindebohrer“ ist ein Fremdwort, weil für gewöhnlich nur diejenigen Leute wissen, was Gewindebohrer sind, die mit ihnen Gewinde bohren. Und die das tun, die wissen auch, dass Gewindebohrer eigentlich gar nicht bohren, sondern Gewinde in Löcher schneiden, die längst gebohrt worden sind. Die Schlosser und andere Leute aus diesem Gewerbe wissen darum. Dem Nervenarzt kann das egal sein, auch die Hausfrau muss keine Ahnung davon haben. Der Gärtner schneidet keine Gewinde in die Erde, und dem Versicherungskaufmann ist das alles vermutlich wurscht.
Fremdwörter sind, im Gegensatz zur landläufigen Meinung, allerdings keine schweren Wörter, vielmehr sind sie leicht, weil sie die Arbeit erleichtern. Wenn ein Schlosser seinem Lehrling sagt, er solle ihm den Gewindebohrer reichen, dann muss er nicht von dem eigenartigen, etwas spitzen Metallteil sprechen, das quer Zacken und längst Rillen besitzt.

Unser Wort „Potenz“ aber hat, wie angedeutet, eine doppelte Schwierigkeit. Es ist zum einen ein Fremdwort, weil viele Leute verschiedener Sparten ganz verschiedene Bedeutungen meinen. Wenn ein Mathematiker von Potenzen spricht, dann meint er etwas ganz anderes, als wenn ein Trainer im Sport seinem Zögling ein Potenzial nachsagt.
Auf der anderen Seite ist „Potenz“ vom fremden Wort her wiederum zum Allgemeinbegriff geworden. Jeder meint ungefähr das gleiche, wenn von einem potenten Mann die Rede ist; und als nicht potent gilt einer, der irgendwie das nicht kann, was alle potenten offenbar immer am liebsten machen und wovon die halbe Welt den lieben langen Tag redet.
Aber: Der landläufige Begriff von Potenz meint, etwas allgemeiner gesagt, immerhin eine gute Hälfte von dem, was ursprünglich gemeint war und was wir hier meinen werden: Nämlich, dass einer etwas kann.
Thomas nennt die eine Hälfte der Potenz „principium actionis“ was soviel wie eine Grundlage oder eine Ermöglichung für ein Tun meint. Es stimmt natürlich: Ein potenter Mann kann viele Kinder zeugen. Es stimmt wohl aber auch:  Ein Mann mit potenter Vernunft kann es auch mal lassen.
Ein potenter Jagdhund hat das Zeug zum Jagen und ein potenter Geldgeber hat was auf der hohen Kante. Pflanzen haben die Potenz zum Wachsen und Tiere in aller Regel die Potenz zum Weglaufen. Eine „aktive Potenz“ haben, und das ist die erste Seite der Bedeutung, meint allgemein, das Zeug besitzen, etwas zu tun und das Zeug haben, etwas zu sein lassen.
Die zweite Hälfte ist dem allgemeinen Bewusstsein doppelt fremd. Sie meint eine Fähigkeit zum Hinnehmen. Thomas nennt auch das Potenz, was eine Möglichkeit an sich hat, „das Tun eines Tuenden hin zu nehmen.“ Ein Trinkglas hat die Potenz, sich von der Flüssigkeit voll laufen zu lassen, die jemand über ihm auskippt. Ein Stein hat das in der Regel nicht. Steine haben wohl die passive Potenz, über die Straße getreten oder durch Fenster geworfen zu werden. Ansonsten haben sie an Potenz nicht viel zu bieten. Deshalb müssen sie in der alten Literatur immer als Beispiel für die ärmsten aller Geschöpfe herhalten.
Aktive Potenz haben heißt, etwas machen, passive Potenz meint, etwas werden können; voll werden, im Fall unseres Glases.

Gegen die Engel ins Licht gehalten, sind die Menschen die Geschöpfe mit unglaublich vielen Potenzen. Der Engel dagegen hat kaum welche. Menschen können schlau werden und sich schlau machen. Die Engel sind schlau genug, weil sie ja immer schon fertig sind. Engel haben weder aktive Potenzen, etwas zu lernen, noch passive belehrt zu werden. Jetzt stellt sich eine Frage: Was wollen die Engel eigentlich noch, wenn sie immer schon so fertig sind? Hier gebraucht Thomas das neue Wort: „Alle Engel wurden so geschaffen, dass sie, was immer zu ihrer natürlichen Vollendung gehört, alles sogleich von ihrer Erschaffung her besaßen. Dennoch hatten sie eine Potenz den übernatürlichen Gütern gegenüber, die sie durch die Gnade Gottes bekommen konnten. Deshalb bleibt über zu sagen, dass ihre Sünde nicht zur Ordnung der Natur, sondern zu der der Übernatur gehört.“
Das ist ein großes Wort, über das wir noch zwei mal nachdenken müssen. Alle haben die gleiche Potenz und alle sind gleich schlau. Also wollen sie alle das Gleiche! Sie sind gleich vollendet, gleich intelligent, und gleich gut geschaffen. Wenn man so möchte, nicht dumm genug, etwas anderes als die Herrlichkeit Gottes genießen zu wollen. Alle haben die gleiche Potenz, nämlich in Richtung Herrlichkeit! Der Unterschied zwischen Gut und Böse kann sozusagen nicht im Inneren ihrer Natur liegen, auch nicht in dem, was sie sich wünschen. Der Unterschied kann nur auf dem Weg liegen, auf dem sie es erreichen wollen.

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