Perfekt und doch daneben

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Achtung, heute zwei Kapitel. Wer gern der Reihenfolge nachgeht, sollte erst unten den mit dem Himmeltor lesen.

Die Engel haben also keine Zeit. Der Erzengel Gabriel konnte sich wohl, so lange er mochte, beim Besuch der jungen Maria aufhalten und sich alle Zeit der Welt nehmen. Schließlich gab es viel zu verhandeln. Die Aussicht, die Mutter des Messias zu werden, ist keine Sache, die man in einer Minute klärt. Gabriel erschien also in der Zeit, er war aber nicht an sie gefesselt, Maria schon. Maria war ein irdisches Geschöpf, wenn auch das allerschönste, wie ich mit großem Nachdruck zu betonen wünsche! (Hier verneigt sich der Autor kurz und wie es sich gehört.) Aber: Maria war war ein ganz und gar irdisches Geschöpf. Das bedeutet, sie war in allem an die irdischen Vorgaben gebunden, wie jedes Tierchen auch. Ihre Seele war untrennbar mit dem Leib verbunden, und der wurde und verging, wie alles auf Erden wird und vergeht. Damit war Maria als ganze dem Werden und Vergehen in der Zeit unterworfen. Der Engel Gabriel dagegen konnte wieder abfliegen, wie wenn ein Schiff nicht an die Kaimauer gebunden ist und hinaus ins Weite segeln kann.

Die Engel haben keine Zeit, und das heißt vor allem, sie sind ungebunden. Ihr Dasein hat nicht den Stempel des Werdens und Vergehens. Das bedeutet in der Linie der Logik: Die Engel sind einmal und als ganz Fertige geschaffen worden. Sie brauchen nicht wachsen, sie müssen nichts lernen und sie stehen nicht unter den Anspruch, reifen zu müssen. Die Engel sind also vom ersten Augenblick alles, was sie sein können und hören nie auf, zu sein, was sie sind. Das bedeutet außerhalb der Zeit, also irgendwie über ihr zu stehen. Wenn man so möchte, sind die Engel also Zwischenwesen, zwischen der Zeit und der Ewigkeit, in der alles nicht nur ohne Ende, sondern auch ohne Anfang ist. Das ist nicht ganz unwichtig zu verstehen: Außerhalb der Zeit zu stehen bedeutet, auch in sich selbst nicht vom Werden und Vergehen gezeichnet zu sein. Wenn die Engel wachsen müssten, dann wäre in ihnen Anfangen und Verändern. Das gehört aber in die Zeit, und die haben diese Wesen nicht.

Jetzt erhebt sich freilich der Einspruch der Leute, die sich auskennen: Wie kann es sein, dass die Engel in sich unveränderlich sind und zugleich böse oder gut „werden“ konnten? Genau diese Frage zu klären, ist der heilige Thomas hier angetreten, und das bisher gesagte, erklärt er angesichts dieser Frage zur Nebensache. Thomas ist eben ein Genie, das nichts übersieht und dem nichts entgeht. Er sagt dem Sinne nach, auch in sich perfekte Wesen können sich gegenüber dem verhalten, das ihnen äußerlich ist.
Wenn einer ein absolut perfektes Auto baut, das in allen Belangen unübertroffen und in sich völlig ausgereift ist, dann fährt auch dieses Auto am Ende durch die Landschaft. Ob es fährt oder parkt, berührt die Frage nicht, wie vollkommen es nach innen gesehen ist.
Die Perfektion des Fahrzeugs antwortet auf die Frage der inneren Natur des Autos. Zur Natur von Autos gehört es, Räder zu haben und Brennstoff zu verbrennen. Es gehört aber nicht die Frage zur Natur des Autos, wer sich hinein setzt. in weit weniger primitivem Sinne stellt Thomas fest: Zur Natur des Engels gehört es, sich einmal entscheiden zu können. Die Frage aber wozu und wofür, das liegt nicht in der Natur des Engels, sondern kommt aus dem übernatürlichen Angebot des ewigen Gottes.
Auch die gefallenen Engel sind, was ihre innere Natur angeht, genau so vollkommen und wirkmächtig, wie die leuchtenden Kollegen. Sie haben sich, wenn man so will, in ihrer Entscheidung nur woanders hin begeben und entbehren völlig der – übernatürlichen – Gnade, die sie bräuchten, um selig zu sein und sich wohl zu fühlen.

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