Die freie Kunst und die alte Schule

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Die Feststellung, das Böse gebe es nicht, hat eine Schwester in der Physik. Dort hat man irgendwann festgestellt, die Sonne gehe in Wirklichkeit nicht auf. Die Erde dreht sich in einer Weise um die Sonne, dass es jeden Morgen nach Sonnenaufgang aussieht. Aufgehen tut da nichts. Was wir sehen, täuscht uns. Wir haben deshalb aber keinen Anlass, im Namen der Richtigmacher durch die Welt zu laufen und alle zu korrigieren, die noch von der aufgehenden Sonne reden. Wir finden es ganz in Ordnung, wenn weiter so gesprochen wird. Wir müssen die Sprache nicht den Erkenntnissen der Physik anpassen, um irgendwie richtiger zu sein. Überhaupt: Es stimmt etwas nicht am Gedanken, eine korrektere Welt wäre besser oder gar schöner.
Im gleichen Sinn macht es unser tägliches Leben kein Stück reicher, wenn wir aufhören von „dem Bösen“ zu reden, weil uns die Philosophie belehrt, „das Böse“ gebe es nicht. Wir dürfen uns hier also gestatten, weiter „das Böse“ zu sagen, weil wir nicht wissenschaftlich sein brauchen. Der Sonnenaufgang bleibt wer er ist und das Böse bleibt das Böse, auch wenn wir wissen, dass es beides so wenig gibt, wie den Weihnachtsmann.

Es gibt da eine weitere, ähnliche Unterscheidung, die wir uns anschauen sollten. Wir sprechen im Täglichen vom Übel, vom Bösen, vom Sündigen und vom Negativen. Dabei spielen wir mit den Wörtern und gebrauchen sie ziemlich ungenau. Es wäre zu bedenken, dass nur Personen böse sein können. Es ist eine böse Sache, wenn einem ein Ziegel auf den Schädel saust. Wirklich böse wird es allerdings erst, wenn eine Person ihn hat fallenlassen. Feuer kann nicht böse sein, wohl aber der, der es legt.
Böse sein können nur Personen, weil nur Personen mit Freiheit begabt sind, die ihnen erlaubt, ungebundene Entscheidungen zu fällen. Ein Löwe ist nicht böse, wenn er für seine Familie Gazellen reißt. Die finden das freilich nicht gut, es kann aber nicht zur Anklage kommen, weil keine freie Entscheidung gefällt wurde. Instinktverhalten kann man nicht einklagen, Körperverletzung sehr wohl. Das Reißen der Gazelle ist kein Mord. Zum Mord gehören die klassischen Voraussetzungen, so auch das Wissen, etwas zu tun, was nicht in Ordnung ist. Böse sein können also nur Personen, übel zugehen kann es auch in einer Welt ohne Vernunft. Die ist unschuldig, weil Schuld gibt es nur dort, wo man sie sich in einer freien Entscheidung auf die Schultern laden kann. Auch in dieser Sache sollten wir die Unterscheidung im Kopf haben, auch wenn man sie unserer Sprache nicht unbedingt anhört.

Das ist ein bisschen wie mit dem Musikmachen und dem Malen. Wenn einer ein Musikinstrument, sozusagen von der Pike an lernt, dann betritt er eine strenge Schule. Er muss sich die Grundlagen aufpacken und die Regeln des Musizierens genau lernen und genau einhalten. Ist er später ein guter Musiker, dann hat er die Regeln in ihrer ganzen Strenge gelernt, um jetzt auf sie pfeifen zu können. Picasso hat sich in seinem reifen Werk um keine Regeln mehr geschert. Das Brechen von Regeln ist ein Sport der reifen Kunst. Aber wer seine früheren Bilder sieht, der erkennt, dass er das Malen durchaus in der alten Schule gelernt und die Regeln meisterlich beherrscht hat.
Manchmal hört man in Ausstellungen reifer Künstler Schlauberger vor den abstrakten Bildern sagen, das könne doch jeder, es seien ja nur ein paar Striche, wie Kinder sie fabrizieren. Ich glaube das nicht. Wenn die Bilder gut und von guten Künstlern sind, dann würde ich meinen, ihre einfache, regellose, freie Kunst hat eine fast undurchschaubare Grundierung, und das ist die von vieler Mühe der alten Schule. Der freie Strich wäre nie genau so geworden, wenn ihn nicht eine Hand gemalt hätte, die in der alten Schule gereift ist. Ein Picasso ist eben ein Picasso und kein Müller, der meint, das ohne Üben auch zu können. Picasso hat sein Leben lang wie ein Besessener gemalt. So etwas brauchte es, um am Ende eine Eule aus zwei Strichen zu zaubern. Das muss nicht jeder verstehen und schon gar nicht jeder können. Aber wer Kunst verstehen möchte, der muss lernen, sie verstehen zu können. Zu Franz Marc hat jemand vor seinen bunten Pferden gesagt, Pferde seien doch nicht bunt! Der Künstler entgegnete, er male ja auch keine Pferde, sondern Bilder. Solche Antworten kommen aus dem Wald, in den man hinein ruft.
Wenn wir den heiligen Thomas hier einordnen, dann ist er sozusagen ein Oberlehrer der alten Schule. Er unterscheidet so fein man unterscheiden kann und liefert die Grundierung. Die Sprache des Volksmundes aber ist eine hohe Kunst, gereift in den Fässern der guten, alten Schule der Kultur. Und wir sollten sie am besten nicht ganz ohne Ehrfurcht sprechen.

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2 Kommentare zu “Die freie Kunst und die alte Schule

  1. Wenn der Ausdruck „das Böse“ abgelehnt wird, weil wissenschaftlich nicht nachweisbar, ist das ein Zeichen dafür, daß auch „der Böse“ abgelehnt wird (der ebenfalls wissenschaftlich nicht nachweisbar ist) – und zwar nicht im Sinne von „Widersagen“, sondern von „Behaupten, daß wir schon alles richtig machen“.
    Ob das Folgende eine Anekdote ist oder wahr, weiß ich nicht – es wurde mir als wahr berichtet. Schüler eines Gymnasiums hatten im Kunstunterricht behauptet, so wie Picasso könne doch jeder malen. Der Lehrer forderte sie auf, das zu tun. Sie sollten im Stil von Picasso aus wenigen Strichen Bilder malen. Und sie stellten fest, daß ihre Arbeiten hölzern und ungeschickt wirkten neben denen des Meisters.

  2. Oh, klasse Lehrer, Claudia.
    Mein ganzes Unterfangen, mal was über das Böse zu schreiben soll dem Zwecke dienen, den Bösen als Existenten glaubhaft zu machen. Geht nur nicht so schnell, weil ich versuchen möchte, einigermaßen gründlich vorzugehen.

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