Jedem Tierchen sein Pläsierchen

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Wer ein Buch über Niki Lauda veröffentlicht, ohne die Formel Eins zu erwähnen, der hat kein Buch über Niki Lauda geschrieben. Wer eins über Steve McQueen schreibt, ohne vom Film zu sprechen, der schreibt kein Buch über Steve McQueen. Wer seinen Lesern das Denken des heiligen Thomas von Aquin nahelegen möchte, ohne von „Ziel und Perfektion“ zu sprechen, der legt seinen Lesern das Denken des heiligen Thomas nicht nahe. Beides, sowohl „Perfektion“, als auch „Ziel“ kommen in den ersten Erklärungen des Buches über das Übel vor. Aber wir sollten vielleicht erst einmal Grundsätzliches dazu bedenken.

Die Welt des heiligen Thomas ist voll von Zielen, sogar die Welt als solche hat das ihre. Ein Esel hat das Ziel, ein richtiger Esel zu sein und mit einem Korkenzieher soll man gut Korken ziehen können. Ziel meint jetzt nicht unbedingt eine Gerade, über die man am Ende eines Rennens läuft. Ziel meint eher grundsätzlich, werden, was man werden kann. Ein Eisbär braucht kein Walross sein und ein Ackergaul kein Rennpferd. Jedes Ding hat sein Ziel für sich, und was wichtig ist, im Kopf zu haben: Es ist hier kein Abhetzen angedeutet und kein prüdes Bravsein. Vielmehr ist gemeint, dass es ein Vergnügen ist zu werden, was man werden kann, wie es ein herrlicher Spaß für Hunde ist, über die Äcker zu rennen und für Kinder ein Vergnügen, zu zeigen, was sie schon können.

Ich finde es sehr schade, dass wir uns in unserer Religion in den letzten Jahrzehnten einreden, nicht mehr um Gottes Willen da sein zu müssen. Wir haben gelernt, dass Christus um unseretwillen ans Kreuz gegangen ist. Wir haben verstanden, dass es Gott um uns geht. Daraus ziehen wir den falschen Schluss, dass es auch uns nur um uns gehen muss. Richtiger wäre: Gott geht es um uns, deshalb sollte es uns um ihn gehen. Wenn die Oma nur an unser Wohl denkt, dann ist es nicht richtig, wenn es uns nicht um die Oma geht. Es ist eben nicht an jeden gedacht, wenn jeder nur an sich denkt. Unsere Religion wird schwach und kraftlos, wenn die Gottesdienste nur noch so heißen, und wenn es uns in ihnen nur um die menschlichen Belange geht. Wir verstehen dann das Ziel der Welt nicht, das am Ende darin besteht, in heller Freude gemeinsam den Herrn der Herren zu genießen, wie er selbst sich genießt.

Was aber unser Thema angeht, verhalten sich die Dinge in der Tat so, dass zunächst jedes Ding um seinetwillen auf der Welt ist. Thomas sagt das oft, und die modernen Menschenrechte ruhen auf diesem Fundament: Jedes Ding lebt um seinetwillen, deshalb ist es Unrecht, frei geborene Menschen zu Zwecken zu missbrauchen.
Das Ziel eines jeden Tierchens ist es, zur eigenen Perfektion zu gelangen. Ein Auto, das zweihundert Sachen fährt, muss auch mal zweihundert Sachen fahren. Ein Hund, der jagen kann, muss jagen können und ein Mensch, der denken kann, wird seine Freude haben, kreativ zu sein. So hat jedes Ding seine eigene Vorgabe und jedes Ding kann sich im Rahmen der Möglichkeiten seiner Vernunft seine Vorgaben machen.

Nebenbei bemerkt steht die gesamte Lehre vom Tun und Lassen, vom Müssen und Sollen beim heiligen Thomas auf diesem Fundament: Ein guter Mensch ist einer, der was aus sich gemacht hat, und zwar das, was er werden kann und eigentlich am liebsten ist. Die thomasische Lehre vom Menschen ist eine sogenannte Tugendlehre. Das ist keine Lehre vom braven Anstand und kühler Pflichterfüllung, wie die Neuzeit sie erfunden hat. Das ist eine Lehre von der glockenhellen Verwirklichung seiner Talente, und das moderne Wort von der Selbstverwirklichung passt hier genau herein. Das Gebot der Liebe kommentiert ein Gedanke des Aquinaten mit: „Das Lieben nämlich ist das, was der Mensch am besten kann und am liebsten tut.“
Wenn nun von dem etwas mühseligen Thema des Übels, der Sünde und Verfehlung die Rede ist, dann meint es das Verhindern der Erreichung dessen, was der Mensch werden kann, werden soll und eigentlich werden möchte.
Ein Messer stumpf machen ist ein Übel, weil Messer schneiden sollen. Augen blind machen ist ein übel, weil Augen sehen möchten. Einem Kind seine Talente unterdrücken ist ein Übel, weil Kinder natürliche Rechte haben. In diesem Sinne ist das Übel immer ein Fehlen und irgendwie gar nichts. Es fehlt ja nur was. Deshalb kann man das Übel nicht zu den Dingen zählen, die es wirklich und als solches gibt.

 

de malo, 1, 2, co.: Bonum autem quod est compositum ex subiecto et perfectione, diminuitur per malum, in quantum tollitur perfectio et remanet subiectum; sicut caecitas privat visum, et diminuit oculum videntem, et est in substantia oculi, vel etiam in ipso animali, sicut in subiecto.

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2 Kommentare zu “Jedem Tierchen sein Pläsierchen

  1. Nur klingt halt „etwas aus sich gemacht haben, und zwar das, was man kann“ etc. für uns heute unverkennbar nach kühler Pflichterfüllung (von sehr vielen sehr harten Pflichten) oder, schlimmer noch, nach moderner Selbstoptimierung (bei der durchs Raster fällt, wer zurücksteht, zumindest fühlt es sich so an).

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