Das Schlechte muss aus dem Guten stammen

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Das Böse als solches gibt es also nicht. Wer das in die Halle ruft, muss mit Widerständen rechnen, nämlich von denen, deren Weltbild davon lebt, dass es das Böse doch gibt. Das Fundament dieses Weltbildes lässt sich mit einem einzigen Satz umschreiben: Die Welt lebt aus ihren Gegensätzen, und man schließt gern vom einen zum anderen, und dann auf die ganze Welt. Um es gleich zu sagen: Mit dem heiligen Thomas an der Hand wird man sagen müssen: Den letzten Schritt darf man nicht machen. Aber eins nach dem anderen.
Wir sprechen hier von zwei ganz unterschiedlichen Vorstellungen, was den Grundaufbau der Welt angeht. Die eine sagt, alles beruht auf Gegensätzen, die andere behauptet, am Grunde aller Welt gibt es nicht zwei, sondern nur eine Sache, aus der alles kommt.
Die einen sagen, es gibt kein Schwarz ohne Weiß, es gibt kein Wohlbefinden ohne Leiderfahrung, es gibt kein Warm ohne Kalt. Weil das so ist, schließen sie, gibt es am Grunde auch nicht nur ein gutes Fundament, sondern ebenso ein schlechtes, und das eine braucht das andere.
Das andere Weltbild dagegen sagt, es stimmt wohl oft für das Leben: Um eine Farbe erkennen zu können, braucht es irgend eine andere zum Dagegenhalten. Sensibel für das Leben wird man erst, wenn man auch seine Täler kennt, ein Glas Wasser schmeckt erst dem Durstigen gut und was Warm bedeutet, spürt man am besten, wenn man zuvor im Kalten war. Aber weil das oft so ist, muss es nicht immer so sein und schon gar nicht am Grund der Dinge.
Das Weltbild der katholischen Erklärung erklärt sozusagen die absolute Souveränität ihrer Gottheit. Der Schöpfer ist der Schöpfer aller Dinge und alles, was nicht er selbst ist, ist seine Schöpfung. Dazu zählt auch alles, was in irgendeiner Weise als übel bezeichnet werden kann.
Man merkt wahrscheinlich schon, wer das sagt, der muss viel erklären. Zum Beispiel, woher denn dann das Übel kommt, wenn nur das Gute der Grund für alles ist. Das Erklären kann man angehen. Aber wenn man behauptet, die Welt habe einen doppelten Grund dann gibt es eine Sache, die man nicht mehr erklären kann, oder besser eine, die nicht logisch ist. Das ist die der Schöpfung als solche. Schöpfung bedeutet, Dingen, die es noch gar nicht gibt, ihr Dasein verleihen. Schöpfung heißt nicht, an den Dingen herumarbeiten, die es schon gibt, sondern etwas vor sich hinstellen, was bis dahin noch in keiner Weise da war.

Vielleicht ist ein kleiner Zwischengedanke zur Erklärung gestattet. Es tausend verschiedene Dinge und unzählige, von denen man aus der Hüfte geschossen sagen würde, sie haben nichts gemeinsam. Was verbindet schon einen Elefanten mit einer Schule und einem Unterseeboot? Wir können uns lange unterhalten, aber eines kann man gleich sagen: Es verbindet sie die Tatsache, dass es sie gibt. Die Dinge können so verschieden und gegensätzlich sein, wie sie wollen, alle Dinge, die es gibt, sind da. Das gilt auch für die beiden Dinge, die als Fundament angenommen werden. In dieser Annahme aber wächst ein Haken aus dem Ast: Wenn beide das Sein besitzen, dann muss irgendwie doch das eine dem anderen sein Sein gegeben haben. Das Problem ist: Das Sein ist eine Gabe. Man hat es, und wenn man ist, dann hat man es von irgendwo. Wenn das aber stimmt, dann muss es irgendwo einen Grund geben, der es nicht nötig hat, damit beschenkt zu werden. Thomas sagt, eigentlich muss es ein Sein geben, das sein sein nicht hat, sondern ist.
Gut und Böse sind nun zwei Gegensätze, wenn man so möchte. Auf jeden Fall will das Böse das Gute nicht. Deshalb ist es auch nicht gut möglich, dass das Böse die Macht hat, das Gute auszulöschen, dann würde es ja nichts Gutes geben. Also ist es schwierig im Fall von Gut und Böse von zwei gleich mächtigen Nachbarn zu sprechen.
Wir verstricken uns aber in Gegensätze. Wenn das Böse das Gute bekämpfen könnte, dann würde es das ja gern tun. Dann würde es am Ende gut finden, das Gute bekämpfen zu können. Weil das so ist, hat der heilige Thomas den Grundsatz ausgesprochen, nach dem alles, was etwas wollen kann, nur Gutes für sich wollen kann. Das Gute ist also immer irgendwie das erste. Weil das wiederum so ist, deshalb macht sich der Meister in seiner zweiten Frage daran zu erklären, wie es denn sein kann, dass Schlechtes aus dem Guten stammen kann.

De malo, 1,2: Utrum malum sit in bono.

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6 Kommentare zu “Das Schlechte muss aus dem Guten stammen

  1. Oh, werter Kollege, vielen Dank für den Link! Besonders auch für die ermunternden Worte. Dein Komentar ist eine große Bereicherung, weil er philosophischer zu Werke geht, was ich mir nicht gestatte, wegen meiner Vorgabe. Wir sollten auf einander hinweisen. Wenn ich etwas Zeit finde, richtie ich ein Link zu Dir in der Seitenleiste ein.

    • Schwieriger schreiben ist einfacher, deswegen habe ich es mir zur Aufgabe gemacht. 😉
      Dir noch eine gute Besserung und vielen Dank für die Worte! Es soll mir auch Ermunterung sein, den Thomas wieder öfter im Blog auftauchen zu lassen.

  2. Es ist wie mit den Löchern im Käse, oder? Wir sagen, der Käse „habe“ Löcher, die Löcher „seien“ im Käse, aber eigentlich „ist“ ein Loch nicht wirklich etwas, sondern einfach nur „kein Käse an dieser Stelle“. Der Käse ist dank der Löcher von der Masse her weniger, nicht mehr.

    Dass wir trotzdem sagen, dass die Löcher „da sind“, tun wir wohl, weil (linguistisch ausgedrückt) „Loch“ ein Substantiv ist – wenn auch eins mit negativer Semantik -, oder (nicht linguistisch ausgedrückt) weil wir ein Loch als Phänomen wahrnehmen (und z.B. mit dem Finger darauf zeigen) können. Genauso nehmen wir das Böse wahr. Wir können und müssen darauf zeigen, es benennen und darauf reagieren. Dass „es“ philosophisch betrachtet eher die Abwesenheit von etwas als ein wirkliches „Etwas“ ist, gerät dabei jedoch im Alltagsgeschehen aus dem Blick…

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