Das Übel und der Nächste

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Es ist leicht, sich bei Wohltätigkeitsveranstalten zu engagieren, an denen man zwanzig Taler verdient, um zwei zu spenden. Es ist bequem, sich in sozialen Angelegenheiten zu engagieren, wenn sie einen nicht betreffen. Es rührt das Gemüt, über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zu predigen, solange man auf dem Heimweg niemanden trifft, der Hilfe braucht. Die Armen beunruhigen uns nicht, so lange sie uns in Ruhe lassen. Man engagiert sich für die armen Schuhputzer in Brasilien, für die Rechte der Frauen in Zentralafrika und für die Angelegenheiten der Polarbären am Nordpol. Der Geruch aber, den der Obdachlose von Nebenan in unserer Wohnung hinterlassen würde, der wäre dann doch zu viel verlangt. Die berühmte, biblische Frage: „Wer ist mein Nächster?“, könnte man mit dem schlichten und erschreckenden Gedanken beantworten: „Der Nächste ist der, der dir wirklich wird.“ Die Armen in der Tagesschau bleiben in der Tagesschau, sie betreten unser Leben nicht. Wir können uns beruhigen, indem wir ihnen nach irgendwo hin etwas überweisen. Der Nächste aber, von dem Christus spricht, das ist der, der plötzlich in unserem Zimmer steht und der nicht wieder geht, bis wir etwas wirklich getan haben.

Wann immer ich beim heiligen Thomas dem Teufel nachspüre, habe ich das Gefühl, er spricht von jemandem, der nicht der Nächste, sondern der Übernächste ist. Es macht den Eindruck, als sprechen wir von jemandem, der uns nicht wirklich werden braucht, der uns nicht betreffen muss. Dort, wo er in seinem reifsten Werkt, der theologischen Summe von ihm spricht, da kommt der Mensch überhaupt nicht vor. Er behandelt dort auch nicht eigens den Teufel als solchen, sonder er befindet sich an der Stelle, wo die Schöpfung in ihrer Vielfalt betrachtet wird. Zu ihr gehören auch die Engel, und zu den Engeln gehören nicht nur die guten, sondern auch diejenigen, die sich auf die Gegenseite begeben haben. Es schließt sich ein kurzes, weiteres Kapitel an, in dem von den Folgen der negativen Wahl gesprochen wird. Das war es auch schon.

Im Buch über das Übel handelt nur das letzte Kapitel von den bösen Geistern. Hier sind es zwölf einzelne Fragen, die allerdings nicht besprechen, was wir mit ihnen zu tun haben, sondern wie es kommt, dass sie sind, was sie sind und was sie können und wo sie landen.
Interessant ist aber, wie Thomas sein Werk überhaupt anfängt. Nämlich mit einer eigentümlichen Frage, die noch eigentümlicher beantwortet wird: Sie lautet: Ob das Böse etwas ist, und die Antwort lautet Nein. Mit anderen Worten: Das Böse gibt es überhaupt nicht.
Im sechsten Einwand schreibt der Heilige etwas, was mich an den Chemieunterricht erinnert. Unser Lehrer brachte uns bei, es gebe wohl Wärme, aber keine Kälte. Kälte sei nichts anderes als wenig Wärme. Thomas zitiert Aristoteles und sagt, die Finsternis sei dem Licht entgegengesetzt, ähnlich stehe das Böse dem Guten entgegen. Also gebe es beides. Hier sagt Thomas in der Antwort, die Finsternis sei nichts, was es für sich gebe. Auch sie bedeute nur wenig Licht.

Auf all das gibt es jede Menge Einwände. Vermutlich wird jeder mit wachen Augen sagen, die Existenz des Bösen sei doch so klar wie die Existenz von Bäumen und Bergen. Dem ist natürlich nicht zu widersprechen. Natürlich ist das Böse da, es ist aber nicht für sich da. Vielmehr ist es immer an etwas. Es gibt stumpfe Scheren. Es gibt aber keine Stumpfheit, die ohne Scheren daherkommen könnte. Stumpfheit ist ein Mangel an Schärfe, nichts anderes. So bedeutet Übelkeit auch nur, dass es an Güte fehlt. Das alles ist nicht unwichtig zu sagen, weil es Maßstäbe markiert. Wer eine Schere hat, der wünscht sich, dass sie schneidet, und es ist nicht so, dass da nichts gewollt wäre. Schärfe, Stumpfheit, Gut und Übel sind keine neutrale Begriffe.
Wer sich in der Welt des heiligen Thomas bewegt, der sollte wissen, es ist eine Welt, die gewollt ist und von Dingen belebt sind, die etwas sollen. Apfelbäume sollen wachsten und Kinder sollen es einmal besser haben. Gut ist, wenn die Dinge werden, was sie werden können, und schlecht ist, wenn sie aus irgendwelchen Gründen gehindert werden.
Das Übel gibt es also nicht, wohl aber üble Leute und üble Sachen. Und um auf das zuerst gesagte zurück zu kommen: Es ist gut, sich üble Leute nicht zu seinen Nächsten zu machen.

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8 Kommentare zu “Das Übel und der Nächste

  1. Es gibt also nicht das Übel, allerdings üble Leute und Sachen. Dann gibt es auch im Umkehrschluss nicht das Gute sondern nur gute Leute und Sachen? Wie kann dann der Apostel, von einem Kampf schreiben, den die Menschen zu kämpfen haben? Ganz dramatisch gegen die Mächte der Unterwelt usw.

    • Wenn ich einen korrekturwürdigen Antwortversuch machen darf: Kampf von Mächten der Unterwelt, das sind ja wieder Akteure. Es ist nicht das an sich Böse, das abstrakt Böse, was dort beschrieben wird, sondern Mächte, Gewalten, „Subjekte“, die böse argieren. Mit dem Guten verhält es sich ähnlich: wenn wir Glauben, dass in Jesus (u.a.) das an sich Gute Mensch wurde, so läuft da ja auch nicht das an sich Gute durch die Straßen, sondern in Person Jesu Christi.

    • Ok. Wir sind also Akteure. Akteure die, versteh ich das richtig, nur kämpfen gegen das Übel und dabei feststellen, dass es das Übel nicht gibt oder man das Übel nicht bezeichnen kann? Also mal ganz so wie ich es gelernt habe: Wir sind auf Erden um Gott zu dienen ihm seine Gebote zu erkennen und zu halten und dann, nach erfolgreichem Kampf, das Himmelreich zu erben. Um das Ziel zu erreichen, muss ich den Teufel erkennen und bekämpfen. Der Teufel ist der Böse. Wenn ich mich an Jesus halte, wird er nur sehr schwer Macht über mich erlangen können.

  2. Wenn man das Übel einer Krankheit bekämpft, dann bekämpft man, genauer genommen, doch die Krankheit. Die ist übel, aber sie hat das Übel nicht an sich, wie wenn sie es von sich abstreifen könnte, so dass sie eine Krankheit ohne Übel würde.

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