Der dicke, reiche Mann und die Frage nach der Natur

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Einen Millionär zu treffen, das war schon etwas ganz Besonderes damals. Millionäre, hatte man mir gesagt, sind Leute, die ihr ganzes Leben lang machen können, was sie wollen. Als ich dann meinen ersten traf, fiel mir auf, dass er nach meinem Dafürhalten viel zu dick war. Noch deutlicher stach jedoch hervor, dass er sein Äußeres nicht zu pflegen schien. Der reiche, dicke Mann war mir nicht sympatisch, weil er sich gehen ließ. Mir ging durch den Kopf: Wenn man mit seinem Geld machen kann, was man will, dann bedeutet das doch nicht, dass man auch lassen kann, was man möchte. Das Äußere gehörte doch irgendwie immer noch dazu, auch wenn man auf großen Füßen durchs Leben ging. Mir fiel der Spruch meiner Großmutter ein, die gesagt hatte, sauber und ordentlich sein könne man auch ohne Geld.

Ich erzähle dieses kleine Erleben, weil ich meine, einem weit verbreiteten Irrtum widersprechen zu müssen, um in der Sache weiter zu kommen. Der Irrtum auf den Punkt gebracht, lautet, Freiheit bedeute keine Grenzen haben. Wenn ich recht nachdenke, sehnen sich die Leute aus zwei Gründen nach viel Geld. Sie glauben, einen guten Teil ihrer Sorgen los zu sein und mit ihrem Leben endlich machen zu können, was sie wollen. An beidem wird eine Menge dran sein, es gibt aber Einschränkungen. Man kann so viel Geld auf der hohen Kante haben, wie möglich, aller Reichtum dieser Welt gestattet einem aber nicht, ein Schurke zu werden. Wenn man überlaufende Konten in der Schweiz hat, dann erlaubt einem das noch lange nicht, böse zu seinen Kindern und gemein zu seiner Frau zu sein. Reiche Leute kaufen gern die Grundstücke ihrer Nachbarn, um sie los zu werden. Aber wenn sie welche haben, dann sollten sie genau so nett zu ihnen sein, wie ein Bettelmann.

Reiche Leute bewegen sich in den gleichen, allgemeinen Grenzen, wie arme, auch die Aufgaben sind die gleichen. Es gibt da eine Gefahr, mit der die Armen in aller Regel nicht rechnen, wenn sie reich werden möchten. Für einen reichen Mann ist es leichter, ein Schuft zu werden, aber genau so schwer, ein guter Mensch zu sein. Die Heiligen haben das durchschaut. Deshalb sind sie die einzigen, die bei den Armen leben, ohne ihre Armut loswerden zu wollen.
Es soll hier um die Freiheit gehen, und in diesem Sinn dürfte klar sein, Reichtum macht zwar in gewissen Maßen frei. Er entbindet einen aber nicht von der Verpflichtung, sich in gewissen Dingen am Riemen zu reißen.
Wenn ich richtig sehe, liegt hier der Keim eines Irrtums, der aufgespürt gehört. Als ich zu studieren hatte, gab man uns die Bücher eines Franzosen namens Sartre zur Lektüre. Nebenbei bemerkt: Philosophie studieren bedeutete sich auf einen Meister stürzen und den richtig lernen. Von den restlichen kennt man am Ende nur ein bis zwei Gedanken und die Zeit, in der sie gelebt haben. Sartre ist in den letzten Achtzigern gestorben und der Satz, den ich von ihm behalten habe, lautet: Es gibt keine menschliche Natur. Seine Freundin hat, nicht ganz unpassend dazu gesagt, Frau sei man nicht von Natur aus, man werde zur Frau gemacht.  Auch auf das Risiko hin, mir alle Freunde Sartres zu Feinden zu machen, muss ich sagen, dass ich diesem Philosophen nie über den Weg getraut habe, und bis heute glaube ich: Behaupten, dass der Mensch keine Natur hat, kann man nur, wenn man entweder nicht lange genug drüber nachdenken kann oder möchte. Das aber überlasse ich an dieser Stelle jedem, der nachdenken möchte. Für hier reicht es, einmal zu sehen, was die katholische Weltanschauung dazu sagt und der heilige Thomas, der ihr seine Worte lieh.
Man könnte jetzt lange bedenken, was mit Natur des Näheren gemeint ist. Manchmal verkürzt es die Sache aber, wenn man einfach das meint, was der gesunde Menschenverstand auf der Straße dazu sagt. Und da meint Natur zum Beispiel, dass der Mensch gewisse Vorgaben hat, von der Art, wie sie oben schon angesprochen sind. Kein Geld der Welt entbindet uns von der Verpflichtung, nette Menschen sein zu wollen. Wollen wir nett sein, dann folgen wir in gewissem Sinn den natürlichen Vorgaben, die wir haben. Thomas würde sagen, wir folgen immer auch der Vernunft, und der Vernunft nicht folgen, bedeutet für ihn, gegen sie und überhaupt sündigen. Nebenbei bemerkt und weil es hier gerade passt: Wenn man zehn Gläubige fragt, was Sünde sei, dann wird man zehn verschiedene Antworten bekommen. Fragt man Thomas, dann bekommt man fast immer zur Antwort, sündigen heißt unvernünftig sein, und in gewissem Maß bedeutet das immer auch, sich gegen das auflehnen, was wir eigentlich sein sollten und was uns am besten täte, wenn wir es wären. Gegen genau diese Vorgabe herrscht ein regelrechter Aufstand im Volke, weil man am liebsten denken möchte, dass es keine Vorgaben gibt und dass Reichtum vor allem bedeute, alle Maßstäbe fahren lassen zu können. Die große Rechnung aber wird am Ende nicht aufgehen, und glücklicher wird man so auf jeden Fall nicht.

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