Die Freiheit der Engel, Teil 1

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Wer über den Teufel sprechen will, der muss über die Engel reden. Wer sich die Engel vornimmt, der muss irgendwann auf deren Freiheit zu sprechen kommen, und da sind wir gleich schon bei einem Punkt angelangt, wo sich das Unternehmen im Unendlichen verlieren kann. Freiheit ist eines von diesen großen Wörtern, bei denen man immer richtig liegt, wenn man sie fordert, jeder will schließlich Freiheit. Aber einfach das Wort in die Menge rufen ist ebenso nichts sagend, wie wenn einer „Grün!“ oder „Donnerstag!“ hinaus ruft.
Westernhagen hat im passenden Augenblick ein Lied mit dem Titel „Freiheit“ geschrieben, mit dem er vermutlich genau so viel verdient, wie er wenig gesagt hat. Aber Künstler seiner Art müssen ja nichts vorweisen. Es reicht, wenn sie Gefühle treffen, um dabei groß im Sinne ihrer Käufer zu werden. Und das ist schließlich auch eine Kunst, wenn auch keine besonders redliche.
Der Meister von Aquin hat auch über die Freiheit nachgedacht, allerdings auf seine Art, nicht also, um Gefühle anzufiedeln, sondern das Gehirn. Erst wenn man den Verstand anspricht, wird zur Herausforderung, was man tut.
Das Reden von der Freiheit verliert sich ins Unendliche, wenn man etwas lässt, was Thomas immer tut: Er fordert sich heraus. Er fragt nach und wird dabei genau. Westernhagen ist nicht präzise. Er singt einfach nur von Freiheit und sagt dabei nicht, ob er von der Freiheit spricht, überall hin fahren zu können oder von der Freiheit, die jemand hat, wenn er seine Schulden endlich los ist. Er sagt nicht, ob er die Freiheit meint, in der man in der Zeitung schreiben kann, was man will oder die Freiheit von Pickeln, nach der sich die Tochter des Nachbarn so sehr sehnt. So von Freiheit sprechen kann jeder, solange er sicher sein kann, dass ihn niemand mit einer Frage herausfordert. Aber wie gesagt, die Kleinkunst verlangt das alles gar nicht. Sie muss nur zum lachen oder weinen bringen, und mehr fordert ja keiner.
Beim Aquinaten sind wir an einen Denker geraten, der sich die schwersten Fragen gleich immer selber stellt. Thomas macht es sich so schwer wie möglich, um so tief es geht zu dem Kern der Dinge vorstoßen zu können, und vor allem: Um seinen Leuten etwas beizubringen. Er hat diese wohltuende Redlichkeit eines Lehrers, der sich nichts auf eigene Konten spielt und dem es überhaupt nicht um sich selbst geht. Er will einfach, was er hat und kann, seinen Schülern übermitteln und zur Diskussion bieten. Er ist also präzise. Das bedeutet, er spricht eigentlich nie einfach so von Freiheit. Er sagt immer gleich dazu, welche er genauer meint.
Für den interessierten Leser des Aquinaten ist der Umstand allerdings ein bisschen schwierig, dass Thomas kein eigenes Buch über die Freiheit geschrieben hat. Man muss also stöbern und sich seine Sachen im ganzen Werk zusammensuchen. Ein Klassiker ist da natürlich das dreiundachtzigste Kapitel im ersten Teil der philosophischen Summe, wo es schlicht um die grundsätzliche Freiheit des menschlichen Willens geht.
Wenn man so möchte, haut der Heilige hier einmal mit seiner Riesenfaust auf den Tisch und ruft: Der Mensch ist frei und basta! Man liest das zwar nicht, wenn man sich an die Lektüre begibt. Aber wenn man weiß, dass Thomas die menschliche Willensfreiheit vor acht Jahrhunderten genau so zu verteidigen hatte, wie heute, dann dämmert es einem. Heute gibt es, wie damals auch, Gelehrte und Stimmungen, die die grundsätzliche, menschliche Freiheit in Frage stellen. Früher glaubte man, die Sterne würden uns bestimmen und leiten, heute sind es die Gene oder gewisse Seitenarme des Materialismus. Zu allen Zeiten wird von jeweils höchst moderner Weise bestritten, dass der Mensch wirklich Verantwortung hat. Was früher die mittelalterlichen Himmelskörper waren, ist heute der Vollmond oder die persönliche Veranlagung. Früher war es die Philosophie, nach der alle Menschen sich einen einzigen Verstand teilen müssen, heute ist es die schwere Kindheit. Zu allen Zeiten zieht der Mensch sich den Kopf aus der Schlinge und sagt, er könne nichts dafür, wie Adam, der sagte, die Frau habe ihn verführt, bis sie behauptet, dass es die Schlange war. Der Gentleman Thomas lässt das alles natürlich gelten. Er sagt allerdings zu alledem stets, dem Menschen sei zu allen Umständen aber immer noch die grundsätzliche Fähigkeit gegeben, vernünftige Entscheidungen zu fällen. Wenn es nun um die Freiheit der Engel gehen soll, dann reicht es, wenn wir hier eine Parallele behaupten: Menschen und Engel sind beides Wesen, die das Geschenk der Freiheit haben. Das heißt, sie können wirklich wählen. Damit ist gesagt, beide sind wirklich ihres Glückes oder Unglückes Schmied.

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2 Kommentare zu “Die Freiheit der Engel, Teil 1

  1. Des natürlichen Glückes vielleicht. Da dies aber in der tatsächlichen Welt jedenfalls weit übertroffen wird vom übernatürlichen (auch den Engeln ist die selige Gottesschau übernatürlich), sagen wir wohl besser: jeder kann seines Unglückes Schmied sein – beim Schmieden des Glücks aber kann man nur den Handlanger machen (Mitwirkung und so).

  2. Davon wird zu sprechen sein, ich meine von der Verdienstlichkeit menschlicher Handlungen und Entscheidungen. Aber ich würde doch meinen, dass man sich – wie die Engel auch – immer noch für oder gegen das im weitesten Sinn Gute entscheiden kann.

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