Eins oder vieles am Ende

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Es war schon einigermaßen überraschend zu hören, dass irgendwelche Dinger die nur irgendwo herumstehen etwas tun, etwas machen. Ein Stuhl, dachte ich bis dahin, kann nichts. Er steht nur da und wartet, dass sich jemand drauf setzt. Er selbst kann nichts machen. Er bewertet nicht den, der auf ihm sitzt und hat nicht das Zeug, sich überhaupt für irgendwas zu interessieren. Stühle sind ja nur aus Holz und etwas Leim. Was soll da was können?
Wie gesagt, da war es schon überraschend, jetzt zur Kenntnis zu nehmen, dass Stühle doch etwas wirklich tun sollten. Sie können nämlich Stühle sein. Um die Behauptung in verbotenem Deutsch aufzusagen: Stühle tun etwas, sie tun Stühle sein.
Der Unterschied zwischen meiner alten Meinung und der, die man mir jetzt nahelegen wollte, war der: Der alten Ansicht nach war das reine Dasein eine Sache ohne jede innere Bewegung. Jetzt sollte Dasein ein Geschehen bedeuten, eine Tätigkeit.
Das ist bei der neuen heutigen Behauptung des heiligen Thomas als Nebenbemerkung nicht ganz uninteressant zu sehen. Der Meister legt dar, dass der Mensch nur ein einziges Ziel als sein letztes haben kann und dass es nicht mehrere zugleich sein können.
Am Anfang seiner Darlegung spricht er einen Grundsatz aus, der oft bei ihm zu finden ist: Ein jedes Ding ist auf seine eigene Vollendung aus. Es geht hier zwar eigentlich nur um den Menschen. Man sollte vielleicht aber einen Gedanken zum Grundsätzlichen anstellen. Die Welt zeigt sich als eine, in der viele Dinge auf etwas aus sind. Pantoffeltierchen schwimmen auf ihre Nahrung zu, Pflanzen wollen Richtung Sonne wachsen und Menschen möchten Geld verdienen. Alle Welt will etwas, dieses etwas sind bestimmte Dinge. Geld zum Beispiel ist etwas Bestimmtes, Eierkuchen sind etwas anderes. Weil viele Dinge verschieden sind, können die Geschöpfe auch auf viele Dinge aus sein. Das Schaf will im Sommer geschoren werden, es will zugleich einen Unterschlupf für die Nacht und tagsüber Auslauf haben.
Wenn wir jetzt den Gedanken des heiligen Thomas dazu nehmen, dann können wir sagen, alle Dinge, die gewollt werden, sind eigentlich immer nur Teildinge. Ein Läufer, der das Laufen übt, der tut das, um ein vollkommender Läufer zu sein. Für einen vollkommenen Menschen allerdings reicht das nicht. Zu einem solchen gehört nämlich zum Beispiel auch eine vollkommene Großzügigkeit, vollkommene Geduld, Klugheit und viele andere Dinge. All das kann man nicht erreichen, in dem man durch die Wälder rennt. Man sollte also meinen, es seien mehrere Vollkommenheiten, die wir gerne hätten, aber Thomas widerspricht dem. Er sieht nämlich sehr wohl, dass es mehrere Dinge sind, er sagt dazu aber, die alle fänden sich zusammen in einem einzigen Zustand. Wie er das begründet, das sollte man sich noch etwas näher ansehen. Heute reicht die Zeit dazu leider nicht.

Quelle: Sth I-II, 1,5.

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