Thomas und die zwei Seiten der Medaille

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Ich würde gern ein Fremdwort einführen, das eigentlich kaum jemandem besonders fremd sein dürfte. Es heißt Intuition, und wenn ich nachdenke, was als Beispiel herhalten könnte, fällt mir als erstes die Sonne ein, und die Frage würde lauten, ob sie des morgens aufgeht oder nicht.
Seit wir Kinder unsere Sprache verstehen konnten hieß es immer, die gute Sonne gehe morgens auf, dann durchwandere sie ihre Himmelsbahn, und zum Abend gehe sie wieder unter. Die Intuition spricht so, aber wer heute drüber nachdenkt, der wird uns belehren, dass das alles, wissenschaftlich gesehen, ganz anders aussieht. Es ist die Erde, die sich bewegt, und die Sonne bleibt, wo sie ist.
Das zweite Beispiel, das mir einfällt, hat mit der Gerechtigkeit zu tun. Wenn wer weiß wer einen Vater auf offener Straße sähe, der sein Kind ohne ersichtlichen Grund eine schallende Ohrfeige verpasste, er würde ohne nachzudenken erschrecken und „das darf doch nicht wahr sein!“ ausrufen. Ein Kind ohne Grund zu prügeln ist auf eine viel grausigere Weise ungerecht, als die Prügel mit Grund sie schon ist. Sie ist ungerecht, weil Schläge Kindern nicht gerecht werden.
Ich erwähne das, um zu zeigen, dass wir Sachverhalte ohne jedes Nachdenken einschätzen können, und zwar schneller, als ein Kanonenschuss zu donnern vermag. Es gibt Dinge, die zu Herzen gehen, ohne den Weg über den Verstand zu nehmen. Die Intuition ist eine Erkenntnis, die so einfach da ist, wie die Situation, die sie erkennt, und sie ist neben der vernünftigen Überlegung die zweite Weise des Erkennens, die dem Menschen gegeben ist.
Aber, wie gesagt, Intuitionen können auch falsch sein, jedenfalls, wenn man den beschränkten Maßstab der Wissenschaftlichkeit an sie legt. Wissenschaftlich gesehen geht die Sonne nicht auf, weil Sterne nicht laufen können. Wissenschaftlich gesehen sind die Schläge nicht ungerecht, weil die Wissenschaft die Frage nach der Gerechtigkeit gar nicht kennt, jedenfalls nicht die, die ich meine.
Das Pony im Reitstall unseres Städtchens ist für seine junge Besitzerin ein liebliches Ganzes, dem sie einen hübschen Namen gegeben hat, wie ihr kleiner Bruder einen trägt. Ein Wissenschaftler gibt ihm höchstens eine Nummer, so wie meine Tante im Krankenhaus für den Arzt schon mal „die Niere von Zimmer vierzehn“ ist.
Denken wir uns ein Experiment aus: Stellen wir uns vor, man würde die Menschen bitten, sich mit ihrer Sympathie auf eine der beiden Seiten zu schlagen, auf die der Wissenschaft oder auf die der Intuition. Ich würde meinen, in beiden Lagern werden sich am Ende eine Menge Leute finden. Mein atheistischer Arbeitskollege würde sich ganz entschieden hinter die Wissenschaft stellen, und ich höre ihn im Geiste schon sagen, die Seite der Intuition röche ihm zu sehr nach Märchen und Religion. Damit mag er Recht haben. Man kann das Paradies der Muslime ebenso wie die jüdische Heimat der allmächtigen Gottheit und den Himmel der Christen mit guten Gründen als Märchenland bezeichnen, und den Engeln und Dämonen Titel von Elfen und bösen Zauberern geben. Der Himmel ist ein Zauberland und wo immer sich das Evangelium von der zauberhaften Erlösung breit macht, erobert es Land für einen großen Märchenkönig.
Von dieser Warte aus gehört etwas klargestellt. Wenn Intuitionen nicht wahr sein sollen, weil die Wissenschaft sie nicht zu sehen vermag, dann ist das eine Meinung, die gegenüber der anderen vielleicht in hohem Maße beschränkt sein könnte. Ich würde sie sogar in gleichem Maße töricht nennen, wie jemanden, der darauf besteht, dass eine Münze nur eine Seite hat.
Das Stoffwechselpaket mit Fell und vier Beinen ist wirklich ein Pony, der Schlag in der Einkaufsstraße ist wirklich ungerecht, und ich würde mit allen Kindern dieser Welt verteidigen wollen, dass die Sonne wirklich morgens auf- und abends untergeht.
Wenn man nun versucht, den heiligen Thomas in unserem Schema unterzukriegen, wird man sagen, dass er nicht gerade intuitiv zu Werke geht. Er beginnt sein Sprechen vom Menschen, wie wenn ein Biologe einen Käfer auf den Seziertisch legt, um ihn auseinander zu nehmen und Teilchen für Teilchen zu betrachten. Und wenn die Intuition die Weise des Erkennens ist, die nicht über die sachliche Überlegung läuft, dann scheint unser Meister auch nicht gerade intuitiv zu arbeiten.
Wenn gewöhnliche Leute aus dem Kino kommen, setzen sie sich zusammen, trinken ein Glas und lachen über den Film. Thomas wäre imstande, sich an den Schreibtisch seiner einsamen Klosterzelle zu setzen und seitenlang drüber nachzudenken, wie genau der Abend auf sein Erinnerungsvermögen eingewirkt hat. Unser Professor scheint nicht gerade ein Meister der Intuition zu sein, doch sollten wir da nicht zu schnell unser Urteil fällen. Eins stimmt natürlich, er schreibt nicht gerade intuitiv, sondern vom Seziertisch aus und mit den Mitteln eines Anatomen. Aber gerade mit diesen Mitteln verteidigt er das Märchenland des Himmels, die Engel in der Welt und den Aufgang von Sonne und Mond. Der Leser des heiligen Thomas braucht Geduld, weil er immer diese kleinen Teilchen vorgesetzt bekommt. Der gleiche Leser kann aber sicher sein, dass am Ende beide Seiten der einen Münze „Wirklichkeit“ beschrieben wurden, besonders hier, wo Thomas beginnt, den Menschen zu sezieren.

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2 Kommentare zu “Thomas und die zwei Seiten der Medaille

  1. Können Intuitionen falsch sein? Also z.B., wenn zwei Menschen in einer Sache sich intuitiv entgegengesetzt verhalten, ist dann eine Intution falsch? Oder meinst du – und ein bisschen so lese ich deinen Text – dass die Menschen in bestimmten Fragen ihrer Natur nach die gleichen Intuitionen haben?

  2. Man müsste vermutlich erst mal die Frage nach dem Moment einer Irrtumslosigkeit und Evidenz der intuitiven Erkenntnis stellen. In Sachen diskursive Erkenntnis und Irrtumslosigkeit haben wir hier schon eine ziemliche Diskussion gehabt.
    Aber vielleicht könnte man sich mal Gedanken machen, in wie weit es denn nun stimmt, wenn wir sagen, die Sonne geht auf. In wie weit stimmt die Newtonssche Physik noch wirklich, angesichts der Theorie der Relativität?
    Wenn ein Kind fragt, wann es gezeugt wurde, in wie weit war das Gezeugte denn schon „es“, das Kind? Da tun sich große Fragefelder auf.

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