Der Koran, die Bibel und die Lenkung der Welt

Bildschirmfoto 2014-12-22 um 10.34.38

Romano Guardini hat einmal einen Satz gesagt, der sich an vielen Orten und zu vielen Gelegenheiten zitieren lässt: „Wenn ich eines Tages bei Gott bin und er mir seine Fragen stellt, dann habe ich auch welche.“ Ich glaube, er meinte das im Zusammenhang mit dem Jüngsten Gericht, also wenn man sozusagen als Angeklagter aufgerufen wird. Dann muss sich Gott gefälligst auch ein paar Fragen gefallen lassen. Es gibt da aber noch eine ganz andere Sorte Fragen, die mit Anklagen nichts zu tun hat, die auch unbeantwortet sind und deren Lösung ich gern wüsste. Robert Spaemann zitierte in seinen Vorträgen oft den Schluss des kleinen Gedichtes von Gottfried Benn, „Menschen getroffen“:

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muss nun gehen.

Das klingt wie der Abgesang eines etwas traurigen Atheismus. Ich muss sagen, als religiöser Mensch war mir eigentlich immer schon ganz anders zumute. Wenn einen am Ende des Lebens der Schöpfer erwartet, auf dessen Schoß man hüpfen kann und der sich eine Ewigkeit Zeit nimmt, alles zu erklären und, vor allem, alles zu zeigen, dann wartet auf uns eine herrliche Auflösung aller Fragen.
Der Aquinate beschreibt den Himmel als ein Angekommensein, bei dem es keine Sehnsucht mehr gibt, die nicht zur Ruhe kommen kann.
Aber bis dahin stellen sich Fragen. Eine von denen, auf deren Auflösung ich hoffe ist die:
Wie rechnet sich die wirkliche Freiheit der Menschen in die Vorsehung Gottes ein? Ich kann zwar beides immer irgendwie ganz gut zusammen denken und mit der Hilfe der Gelehrten auch einigermaßen harmonisieren. Es bleibt am Ende aber immer ein Rest, und den würde ich gern sehen und erkennen, wo hinein er sich auflöst. Eine andere Frage, die dieser ähnelt ist die nach der Weltregierung. Eine kurze Begebenheit zur Erklärung.

Als ich letzte Woche beim Italiener war, führte mich ein schiitischer Freund auf das Glatteis seiner Argumente. Er fragte verschmitzt, wie viele Leute an der Bibel geschrieben hätten. Er wusste natürlich, dass ich nicht wusste, wie viele es genau waren. Er wusste auch, dass ich wusste, es war mehr als einer, und darauf wollte er hinaus.
Zur Information muss man wissen, die Muslime sind stolz auf ihren Koran und verstehen ihn als eine Art Richtigstellung der Bibel. Die Bibel, sagen sie, enthalte viele Wahrheiten, die seien aber so verstellt und verdreht durch die vielen Überlieferungen und Schichten, dass sie nicht mehr reichten, die ganze Wahrheit über Gott und die Welt heraus zu lesen. Deshalb habe Gott den Menschen über den Propheten Mohammed den Koran diktieren lassen, damit die wahre Religion überhaupt wieder entstehen könne. „Eine Quelle, eine Aussage, ein Buch und ein einheitlicher Text“, das ist hier wichtig, wenn man es so sieht.

Ich hatte keine große Lust auf die Auseinandersetzung, weil ich mich viel lieber auf meine Nudeln konzentrieren wollte. So sagte ich nur kurz, ganz gleich, wer die Bibel geschrieben habe, wichtig sei doch, dass am Ende Gottes Wort dabei heraus komme. Wenn man aufrichtigen Herzens darin ließt, findet man schon, was man braucht. Dafür könne der Schöpfer sehr wohl sorgen. Das Risiko des Irrtums sei beim Koran nicht geringer. Man sieht übrigens ja, wie schrecklich alle Bücher missverstanden werden können.
Auf das Risiko hin, dass mir das Essen doch kalt würde, konnte ich es nicht lassen, kurz den Johannes von Damaskus zu zitieren. Als dem ersten, großen Kritiker des Islam war ihm aufgefallen: Dass der Koran von Gott stammt, steht nur im Koran. Wenn ich richtig sehe, wird es nirgends sonst bezeugt, nicht durch Wunder, wie Jesus sie getan hat und die Heiligen sie tun, noch durch andere Zeugen und Propheten. Mir ist viel wohler, wenn ich mich auf die Zeugnisse vieler Jahrhunderte und auf das Empfinden und Erleben eines ganzen Volkes berufen kann (was ja in der Bibel steht), als auf das Diktieren eines einzigen Mannes, der letztlich, wie alle Muslime sagen, auch nur ein Mensch war.
In Sure 4:3 steht zu lesen, jeder Muslim dürfe sich vier Frauen nehmen. In 33:50 gestattet der selbe Koran einzig dem Propheten mehr, so dass die Zahl seiner Frauen schwankt zwischen neun und zwölf.
Der Koran kam über Mohammed allein auf die Welt, und nur er diktierte, Gott habe allein ihm das dreifache Recht an Frauen gegeben als allen anderen. Man kann das so glauben und alle Muslime der Welt tun das ja. Mir wäre das ein bisschen wenig, wenn es nicht zusätzlich noch ein anderer Prophet irgendwo bezeugt hätte. Man sollte denen, die nicht glauben, dass Mohammed der Prophet war, nicht böse sein, wenn sie ihn verdächtigen, er habe sich den Koran nach seinem Gusto zurecht geschrieben. Der Verdacht liegt einfach nahe, wenn man, wie gesagt, nicht auf der Glaubensseite steht. Ich gestehe, es war der Streithahn erwacht und irgendetwas in mir dachte: „Wenn du schon aufs Eis geführt wirst, dann wage auch ein Tänzchen“. Aber uns beiden wurden die Nudeln kalt, und so kamen wir, Gott sei Dank, wieder über die allgemeine Politik zum Alltäglichen.

Ich schreibe das, weil ich die Frage: „Wie regiert Gott eigentlich die Welt?“ früher immer mit der Frage: „Wie wird die heilige Schrift für mich zum Wort Gottes?“ verglichen habe. Thomas schreibt in Sth I-II, 1, 2: Die Wesen mit Vernunft und Freiheit führten sich selbst zu ihren Zielen, indem sie sich für sie entscheiden. Die Wesen ohne Vernunft, aber mit Instinkt, würden durch ihre inneren, natürlichen Antriebe geführt. Diejenigen Wesen aber, die weder das eine, noch das andere hätten, die seien auf die Führung Gottes angewiesen. Thomas nennt dann immer den Bogenschützen, dessen Pfeil, einmal abgefeuert, sicher sein Ziel erreiche. Im Denken des Aquinaten läuft die ganze Welt, einschließlich aller Wesen und Kreaturen, am Ende in souveränster Sicherheit in genau den Hafen ein, den Gott seit Ewigkeiten für sie vorbereitet hat.
Das mit der Bibel und uns ist nun ein viel kleinerer Maßstab. Aber auch da muss Gott auf vielfältigste und geheimnisvolle Weise dafür sorgen können, dass ich genau das verstehe, was mir als sein Wort am Ende ins Herz geflüstert werden soll. Der heilige Bernhard sagte: Wenn du betest, sprichst du mit Gott, liest du in der Bibel, dann spricht er mit dir. Als kleinen, letzten Gedanken in Richtung meines Gesprächspartners beim Essen: Auch in seiner Welt würde man sich wahrscheinlich leichter tun, wenn man sich mehr auf Gott, als auf die Einzelheiten der Überlieferung beruft.

Quellen:

Sth I-II, 1, 2.

Koran, Sure 4:3: „Und wenn ihr fürchtet, in Sachen der Waisen nicht recht zu tun, dann heiratet, was euch an Frauen gut ansteht, (ein jeder) zwei, drei oder vierUnd wenn ihr fürchtet, nicht gerecht zu behandeln, dann (nur) eine, oder was ihr  besitzt! So könnt ihr am ehesten vermeiden, unrecht zu tun.“

Koran, Sure 33,50: ”O Prophet, Wir erlaubten dir deine Gattinnen, denen du ihre Brautgabe gegeben hast, und jene, die du von Rechts wegen aus (der Zahl) derer besitzt, die Gott dir als Kriegsbeute gegeben hat (…), dies gilt nur für dich und nicht für die (anderen) Gläubigen. Wir haben bereits bekanntgegeben (in 4:3), was Wir ihnen bezüglich ihrer Frauen und jener, die sie von Rechts wegen besitzen, verordnet haben, so daß sich daraus keine Verlegenheit für dich ergibt. Und Gott ist Allverzeihend, Barmherzig.”
Zitate und Hervorhebungen von hier.  

Zur Vorstellung des Himmels bei Thomas:
Symb. Apost. 12.: Est autem (…) considerandum (…), quae vita sit vita aeterna. Circa quod sciendum quod in vita aeterna primum est quod homo coniungitur Deo. Nam ipse Deus est praemium et finis omnium laborum nostrorum.(…) Consistit autem haec coniunctio in perfecta visione: i cor. xiii, 12: videmus nunc per speculum in aenigmate: Tunc autem facie ad faciem. (…)Item in perfecta satietate desiderii: Nam ibi habebit quilibet beatus ultra desiderata et sperata.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s