Ein Schritt weiter

 

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Thomas hat also ein Werk über den Menschen vorgelegt, das wir mit guten Gründen einen dicken Wälzer nennen können. Das heißt aber lange nicht, er würde lang und breit reden. Im Gegenteil, alles ist so kurz und knapp geschrieben, wie möglich. Wenn ich in der Summe zu einem Thema stöbern gehe, schaue ich meistens auch kurz in den anderen Büchern, wo das selbe Thema bereits abgehandelt wurde, weil da alles ausführlicher geschildert und breiter angelegt ist.
In der Summe findet man meistens drei bis vier Gegenargumente, bevor die eigentliche Antwort kommt. Im Buch über die Wahrheit oder die Macht Gottes können es gerne schon mal dreißig sein.
Thomas macht eben wahr, was er im Vorwort zur Summe angekündigt hatte: Er wolle sich in der Summe nicht in Wiederholungen oder Aufzählungen ergehen, das führe schnell zum Überdruss. Vielmehr sollte es kurz zur Sache gehen, was dann auch der Fall ist. Die Summe ist also dick und dennoch flüchtig, und dick ist sie, weil es eben viel zu sagen gibt.
In der zweiten Frage des ersten Kapitels über den Menschen handelt er kurz ab, ob auch alle anderen Wesen um irgendwelcher Ziele willen handeln, oder ob das nur solche tun, die im Besitz einer Vernunft sind.
Im ersten Einwand heißt es dann, der Mensch würde nicht um irgendwelcher Ziele handeln, die er nicht kennt. Wenn wir zur Arbeit gehen, dann wissen wir schon, dass wir arbeiten müssen. Wir gehen zu Bett, weil wir wissen, dass wir schlafen wollen oder müssen. Tiere gehen nicht zur Arbeit, sie legen sich aber schlafen. Auch sie ruhen, weil sie schlafen müssen, wohl aber weniger weil sie wollen. Tiere handeln aus Instinkt, wie es heißt. Das bedeutet, wir nehmen einen Drang in ihnen an, den die Natur angelegt hat und dem sie folgen, ohne sich in gleicher Weise bewusst zu sein, wie wir. Das Argument sagt nun, Wesen, die nicht um ihre Ziele wissen, die haben irgendwie auch keine.
Die Antwort ist des Meisters schlicht: Auch wenn sie nicht wissen, was sie tun, haben sie dennoch das Ziel zu ruhen, um im Beispiel zu bleiben. Sie setzen sich ihre Ziele nicht selbst, sondern haben sie von woanders, sozusagen, im Fall der Natur eben von ihrem Instinktapparat. Das Ausruhen aber bleibt ein Ziel.
Die Behauptung, die hier aufgestellt wird, lautet: Handeln heißt Ziele haben, und das immer. Ein Löwe jagt, weil er satt werden will, die Gazelle läuft davon, weil sie überleben möchte.
Hier wird mancher sagen, das leuchte einigermaßen ein. Dazu ist zu sagen, man muss sich auf das mittelalterliche Denken eingelassen haben. Das Denken der Moderne hat dagegen schon lange die Fahnen des Widerspruchs gehisst.
Aber vielleicht erst mal einen Schritt weiter, dann wird klar, warum. Wenn die Behauptung stimmt, alle Handlungen hätten Ziele, was ist dann mit denen, die in der unbelebten Natur passieren? Tiere „wollen“ satt werden und Pflanzen „möchten“ in der Sonne wachsen. Auch wenn das Wollen und Mögen in Anführungsstrichen steht, man kann den Lebewesen so etwas wie Wünsche andichten. Wer aber will etwas, wenn ein Blitz Feuer macht oder Gebirgsmassen sich zu Bergen auftürmen? Der moderne Verstand sagt, niemand, weil da niemand ist. Und ohne jemanden bleibt nichts anderes übrig, als dass die Natur das vorlegt, ohne dass sich da jemand etwas ausgedacht hat. Die Antwort des Thomas dagegen sagt, der Schöpfer will da was, hinter allem, was geschieht, steht im weitesten Sinn das Wollen und Bestimmen eines Bewusstseins, das derart groß ist, dass aus ihm alles zugleich kommen kann.

 

Quelle: Sth, I-II, 1, 2.

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