Über den Menschen, der Beginn der Überlegung

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Sth I-II,1,proem.

Thomas schreibt also das wohl dickste und wahrscheinlich auch das am tiefsten gehende Buch zum Thema Mensch. Dennoch kann man nirgends in einen Buchladen gehen und unter dem Autorenstichwort „Thomas von Aquin“ ein Buch mit Namen „über den Menschen“ finden. Auch unter der lateinischen Entsprechung „de homine“ findet man wohl ein Werk seines Lehrers Albertus, das diesen Namen trägt, aber keins aus der Feder des Thomas. Das Werk des Aquinaten über den Menschen ist nämlich kein eigenständiges Buch, sondern der Mittelteil Teil seiner großen Summe, das er in drei Bücher gegliedert hat. Das erste handelt von Gott und der Schöpfung. Das zweite vom Menschen, und der dritte von der Menschwerdung Gottes in Christus und von den Sakramenten der Kirche. Das Buch des Thomas über den Menschen ist also der zweite Teil seiner Summa, und hier sollte man suchen.
Wenn wir uns ans Werk machen und den Gedanken des Aquinaten folgen, die er sich zum Menschen macht, dann wäre gut, von Beginn an zu bedenken, wer denn hier schreibt. Hätte Charles Darwin ein Buch „über den Menschen“ verfasst, dann hätte man wahrscheinlich zu Recht eine Abhandlung zur Frage vermutet, wie sich der Mensch in die Kette der Weltentwicklung einreiht.
Das Buch eines Chemikers „über den Menschen“ dürfte eine Abhandlung sein, in der zu lesen steht, wie der Mensch zusammengesetzt ist, wie seine Materie funktioniert und wie er sie aus der Welt bekommt. Psychologen würden ein Buch „über den Menschen“ unter psychologischer Hinsicht schreiben.
Nun weiß jeder, Thomas schreibt sein Buch über den Menschen als Professor für Theologie, und er schreibt es ausdrücklich für seine Studenten. Das dürfte jetzt vermuten lassen, er legt gleich los und beschreibt den Menschen in seinem Verhältnis zum Schöpfer. Man könnte sich vielleicht also denken, dass Thomas der Bibel folgt und mit den Anfängen des Menschen beginnt. Man könnte meinen, er beginnt mit Adam und Eva, mit dem Paradies, dem Rauswurf von dort und seinem Weg zurück über die Gründung des jüdischen Volkes. Das wäre gut biblisch und böte genügend Stoff.
Thomas macht es aber umgekehrt. Er beginnt nicht mit dem Anfang des Menschen, sondern mit dessen Ende. Er fängt nicht mit dem Paradies an, aus dem der Mensch vertrieben wurde, sondern mit dem Himmel, in den er hinein soll.
Der Meister beschreibt den Plan und sagt: Zunächst müsse über das Ziel des Menschen nachgedacht werden, dann über die Bedingungen und Mittel, mit denen er dort hin gelangen oder auch daneben laufen kann. Was nämlich auf ein Ziel hin ausgerichtet sei, das müsse auch vom Ziel her beurteilt werden.
Bis ich auf diese Stelle stieß, habe ich noch nie darüber nachgedacht, was hier gemeint ist. Aber seit ich sie kenne, wird sie mir lieber und lieber. Man muss den Whiskey studieren, wenn man einen Whiskeyliebhaber kennenlernen will. Man sollte sich Amerika ansehen, um einen Reisenden zu verstehen, der immer dort hin will. Wer einen Bankräuber wirklich kennen möchte, der sollte sich vor allem mit dem Reiz des Geldes befassen, für das er sein Leben aufs Spiel setzt. Das bedeutet, will man den Menschen vom Grunde her betrachten, dann muss man zuerst einen Blick in den Himmel riskieren, und genau das macht der heilige Thomas in seinen ersten Kapiteln über den Menschen.

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Ein Kommentar zu “Über den Menschen, der Beginn der Überlegung

  1. Man muß Gott studieren, um einen Gott liebenden Menschen zu verstehen (und nicht umgekehrt den Menschen). In dem Punkt würde ich dem Thomas von Aquin zustimmen. 🙂

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