Der Wunsch des großen Josef

Bildschirmfoto 2014-12-12 um 09.26.20

Meine konservative Herkunft kennt ein ungeschriebenes Gesetz für die Jungen: „Höre gut zu, wenn die Alten reden.“ Das soll jetzt kein lapidarer Ausdruck für den verkorksten Satz sein, nach dem die Kinder grundsätzlich den Mund zu halten haben, wenn Erwachsene sich unterhalten wollen. Erwachsene reden nicht weniger Unsinn als Kinder, wenn sie ihre Welt beschreiben. Dennoch gibt es das vermutlich in allen Kulturen, die etwas Gesundes an sich haben: Die Lebensweisheit derer, die von einem ganzen Leben erzählen können, birgt Schätze, die man nirgendwo anders heben kann, als wenn sie erzählen. Es ist sicher eine Menge an dem Kalenderspruch, nach dem eine Bibliothek verbrennt, wenn ein alter Mensch die Welt verlässt.
Es gibt also diese Situationen, in denen man besser lauscht, als gleich wieder mal aus sich heraus zu reden, und in einer solchen Situation hatte ich einmal ein interessantes Erlebnis. Da saß ein alter, lebenskluger Mann, der die Wirren der Nazizeit und deren Folgen noch sehr bewusst erlebt hatte. Der sagte mir ins Ohr, er und seine Freunde hätten damals zwei Leute gehabt, die sie über die Zeit gerettet hätten: Romano Guardini und Josef Pieper. Das war für mich doppelt interessant, weil sich gerade die Bücher genau dieser beiden Autoren auf meinem Nachttisch gestapelt hatten, mit denen einiger anderer natürlich.
Damals beneidete ich den alten Mann ein bisschen, denn er hatte bei Guardini noch im Rittersaal auf dem Boden gesessen und gelauscht, und Pieper kannte er noch aus den Hörsaal in Münster. Bei Pieper hatte ich zu meinem Trost auch noch das Vergnügen. Man konnte ihm in seinen letzten Jahren noch zu seinen Vorträgen reisen, was ich dann auch getan habe.
Aber wenn ich heute eine Weisheit aus dem Spruch des betagten Erzählers destillieren sollte, dann die: Man sucht oder braucht in Zeiten der Verwirrung offenbar einen Halt, der einem hilft, sich gewisse, bleibende Eckdaten zu erhalten. Und wo wir schon dabei sind, Lebensweisheiten zu produzieren, könnte sich eine weitere anschließen: Ich hatte damals weder die Bedrängnis der Nazis, noch die Ideologie der Stasi, die für Verwirrung von außen sorgte. Es herrschte kein Kampf auf der Straße und es gab keine nächtlichen Verhaftungen. Was es aber gab und immer gibt: Genügend Grund zur allgemeinen Verwirrung, wenn es darum geht, das Eigene in der Welt zu finden oder so etwas wie eine Identität zu gründen.

Später ging es an die erste Universität und gleich zu den Philosophen. Es fiel auf, dass die Hörer zu meiner Linken und Rechten im Sommersemester glühende Jünger des einen Denkers waren, um im Winter den Büchern eines Philosophen zu verfallen, der das genaue Gegenteil lehrte. Die Boote der angehenden Philosophen schienen irgendwie keine Anker zu haben, sondern eher so etwas wie Schleppnetze, die sich nirgends verfingen. Im Stockwerk über den Philosophen saßen die Theologen, zu denen ich dann ja auch zum Lauschen musste. Hier schien es schon etwas anders zu sein. Die Herrschaften verband ein gemeinsamer Glaube, der nun wirklich als eine Art Anker herhalten konnte. Auf den Booten selbst herrschte jedoch selten Frieden, vielmehr löste eine Meuterei die andere ab, und genau hier hatte ich meinen Pieper, der mir schon den heiligen Thomas erklärte, bevor ich ihn richtig lesen konnte.
Nun ist der „große Josef“, wie Professor Pieper schon mal liebevoll genannt wurde, leider längst zu den Vätern heim gegangen, aber einen Vortrag von ihm hatte ich noch irgendwo auf Band, als ich vor Tagen zu meinem größten Vergnügen einen anderen zu hören bekam. Beim Hören fiel mir auf, dass er seinen Schülern eine Aufgabe ins Stammbuch geschrieben hatte. Es ging um eines seiner Lieblingsthemen, die Tugenden und in der Einleitung sagte er: „Liebe“ und „Tugend“ seien große Worte. Man solle sie nicht zu oft benutzen, damit sie nicht zu billig würden. Zudem sollte man aber den Sinn, also das, was sie wirklich meinen, von Zeit zu Zeit für die interessierten Leute darlegen. Ein Buch „Über die Tugenden“ wäre also passend. In einer Welt aber, in der überhaupt nicht klar ist, was das „Wesen Mensch“ denn überhaupt ist, das tugendhaft und lieb sein kann, bietet sich an, einmal dem Gedankengang eines Gelehrten zu folgen, der in seinen letzten Jahren das wohl dickste und reifste Werk über den Menschen vorgelegt hat, das je geschrieben wurde: Das zweite Buch der Summe des Aquinaten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s