Die Wurzel des guten Benehmens

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Ich habe schon zu vielen Anlässen gesagt und geschrieben, dass ich nicht weiß, wie es ist, ein Atheist zu sein. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt und ich weiß nicht, was in meinem Fall alles anders wäre. Das Religiöse nämlich, wie ich es verstehe, ist nicht nur etwas, was man hat, wie ein Auto oder ein Stück Garten. Es trägt und prägt das Dasein, und hier weiß ich nicht, was mich prägen würde, wenn ich ein Atheist wäre.
Keiner kann sich in ein anderes Wesen hinein denken und seine Empfindungen haben. Thomas Nagel hat in diesem Sinn sicher Recht: Keiner weiß, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.
Wenn wir müde sind, haben wir das Bedürfnis zu schlafen. Hängt sich eine Fledermaus in ihrer Höhle neben ihre Kameraden, dann denken wir vermutlich, sie hat das gleiche, wie das, was wir haben, wenn wir müde sind. Wir können aber nicht empfinden, was sie empfindet. Wir wissen, wie es ist, zu Bett zu gehen, aber keiner von uns weiß, wie es sich anfühlt, die Nacht lang kopfüber in einer Höhle zu baumeln und Fledermausaugen zu schließen.

Ich will auf etwas hinaus. Nämlich auf die Behauptung, dass man für die Frage nach dem guten Leben die Religion erst einmal nicht braucht. Sokrates hat ohne nennenswerten, religiösen Glauben die Frage gestellt, für die er berühmt wurde und die ihn zum Vater der Philosophen machte: „Was ist das Gute und wie wird man ein guter Kerl?“ Das heißt, man braucht den Glauben offenbar nicht, um auf die Frage zu kommen. Man braucht den Glauben auch nicht, um den Wunsch zu haben, irgendwie anders gut zu werden, als wie ein Schachspieler ein guter Schachspieler oder ein Bankräuber ein guter Bankräuber wird.
Wenn man am Grab über den Verstorbenen sagt, er war ein guter Mensch, dann meint man mehr als nur eine Sache. Man meint irgendwie alles an ihm. Selbst wenn er ein schlechter Geschäftsmann und kein besonders guter Fußballer war, kann er doch ein einfach nur guter Mensch gewesen sein. Um dieses Gutsein, das ein gewisses Gutsein schlechthin bedeutet, hat Sokrates sich als erster in der Philosophie Gedanken gemacht, und das aus dem Naturwuchs heraus, als Heide eben.
Ein paar Jahrhunderte später kam der Glaube in die Welt und wieder ein paar Jahrhunderte darauf war er allen bekannt, allerdings oft nur äußerlich. Das Christentum war wohl bekannt, aber nicht alle waren Christen. Ich will jetzt nicht das tiefe Fass mit der Frage aufmachen, in wie weit alle Welt christlich sein sollte. Die Diskussion darum gleitet heutzutage zu schnell ins Blöde ab. Die Dummköpfe aus den Reihen der Atheisten sagen, die Welt würde besser, wenn man die Religionen abschaffte. Das macht ihre Gegner mit ihrer nicht weniger törichten Ansicht nervös, einzig die Religion sei heilsam für die Belange der Welt. Dummheit und Nervosität aber machen Gespräche nicht gerade besser.

Der heilige Thomas, und lange vor ihm die aufgeklärten unter den Glaubensvätern diskutieren die Frage des Gut- oder weniger Gutseins nicht über ihre Religion und schon gar nicht über deren Abschaffung. Um hier weiter zu kommen begaben sie sich vielmehr in die Schule von Athen, um den Philosophen zu lauschen. Hier fanden sie dann auch die Antworten, nach denen sie suchten. Sie setzten sich sogar dem Verdacht der Fundamentalisten aus, hier eigentlich gar nicht mehr christlich zu sein. Hatte Christus dem jungen Manne doch gesagt, er solle die Gebote halten. Bleibt man dabei und nur dabei, dann kommt man aus der Schleife nicht heraus: Wer überhaupt gut sein will, der muss zuerst die Religion annehmen.
Die Alten machten es umgekehrt: Eigentlich muss man irgendwie erst ein guter Kerl im Sinn des Sokrates sein, um sich die Religion irgendwie überhaupt erst wünschen zu können. Auf den Punkt gebracht: Die Lehre vom Menschen und was sein Gutsein angeht, ist beim heiligen Thomas keine Lehre von Geboten und deren Einhaltung, sondern eine Tugendlehre, die der alte Cicero zur Zeit Cäsars bereits formuliert hatte. Das hat für jemanden, der sich in den Atheismus nicht hinein denken kann einen entscheidenden Vorteil: Er muss es gar nicht können, um mit Leuten, die weniger verbohrt sind als die neuen Atheisten und ihre gegnerischen Raufbolde ein Gespräch über das Gute führen zu können.

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4 Kommentare zu “Die Wurzel des guten Benehmens

  1. Auf die Gefahr hin, dass du mit so einem verbohrten Dummkopf wie mir gar nicht drüber reden willst: Wo ist denn das Problem, sich in einen Atheisten zu versetzen? Also, zumindest ein bisschen.
    Du glaubst doch auch an ganz viele Götter nicht, da müsstest du doch wissen, wie das ist. Stell dir einfach vor, es wär noch einer mehr.

  2. Aber Muriel, Du gehörst doch nicht zu solchen, die sagen, eine Abschaffung der Religionen würde die Welt verbessern, oder? Bitte sag jetzt nicht „doch“….

    Also zumindest ein bisschen

    Ein bisschen natürlich. Ich glaube auch, den Argumenten einigermaßen folgen zu können. Um solche zu hören rede ich auch gern mit Leuten anderen, oder vielleicht auch fehlenden Glaubens. Aber im Fall dessen, den ich habe, handelt es sich weit mehr als um den eine in der Theorie verbleibende Kenntnisnahme. Um in Deinen Bildern zu bleiben. Mein Glaube an den Schöpfer ist eine ganz andere Geschichte, als mein früherer Glaube an den Nikolaus, den ich sozusagen schadlos aufgeben konnte. Der, möchte sagen, lebendige Glaube ist eine andere Geschicht, weil er eine Geschichte hat. Es ist ehen nicht, wie Du annimmst, eine Art Osterhase plus. Aber auch da wirst Du mich so wenig verstehen können, wie wir beide die Fledermaus.

    • Aber Muriel, Du gehörst doch nicht zu solchen, die sagen, eine Abschaffung der Religionen würde die Welt verbessern, oder? Bitte sag jetzt nicht “doch”….

      Es kommt drauf an, was wir unter „Abschaffung“ verstehen. Ein Verbot würde ich natürlich nicht befürworten, aber das tut meines Wissens auch keiner der prominenten Atheisten. Wenn wir über eine freiwillige Abschaffung reden, dann aber ganz eindeutig doch. So wie das Ende eines jeden Irrtums die Welt ein kleines bisschen besser macht, nicht ohne Ausnahmen, aber tendenziell.

      Mein Glaube an den Schöpfer ist eine ganz andere Geschichte, als mein früherer Glaube an den Nikolaus, den ich sozusagen schadlos aufgeben konnte. Der, möchte sagen, lebendige Glaube ist eine andere Geschicht, weil er eine Geschichte hat. Es ist ehen nicht, wie Du annimmst, eine Art Osterhase plus. Aber auch da wirst Du mich so wenig verstehen können, wie wir beide die Fledermaus.

      Ich sehe nicht, wie du zu diesem Schluss kommst, sehe aber auch keinen Ansatzpunkt, dir zu widersprechen. Lassen wirs so stehen, wenn dus nicht vertiefen möchtest.

  3. Wenn wir über eine freiwillige Abschaffung reden, dann aber ganz eindeutig doch. So wie das Ende eines jeden Irrtums die Welt ein kleines bisschen besser macht, nicht ohne Ausnahmen, aber tendenziell.

    Da bin ich eigentlich der gleichen Meinung wie Du. Ich wäre auch für die freiwillige Abschaffung vieler, wie sagen, Institutionen, die ich für irrtümlich halte. Das wäre sehr begrüßenswert. Nur glaube ich jetzt weniger, dass wir beiden die gleichen Institute vorschlagen würden.

    Ich sehe nicht, wie du zu diesem Schluss kommst,

    Das könnte ein Vertiefen in der Tat etwas schwierig machen. Das nicht sehen können lässt sich nicht vermeiden, niemand kann das. Wenn Du Dich verliebst, kann ich auch nicht sehen, wie Du – innerlich – dazu kommst; etwa wie es gerade diese Frau oder dieser Mann sein sollte.
    Ich kenne das Argument mit den vielen Göttern, an die die Gläubigen nicht glauben von den gerade schreibenden Atheisten, gegen die ich meine Kanonen – zugebenermaßen manchmal etwas brüsk – in Stellung bringe. Es ist aber eben so, dass der römische Glaube an Jupiter nicht mit dem Glauben der Gläubigen an den Schöpfer verglichen werden kann.

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