Die Frage „Warum“

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Dass im letzten Kapitel der kleine Zöllner Zachäus aus Jericho vorkam, war eher Zufall. Er kletterte so spontan in meine Gedanken, wie er vermutlich auf den Baum gestiegen ist, um Jesus sehen zu können. Als er vor meinen geistigen Augen herab stieg, um seinen Gast zu empfangen, fiel mir ein, er könne doch eine gute Einleitung für mein letztes Kapitel zur Messe sein. Dort geht es um die Gnade und die Früchte des Sakramentes, oder anders gesagt, um das, was wir von ihm haben. Diese Frage ist eigentlich die nach dem Warum, das die Messe hat.
Beim heiligen Thomas von Aquin ist die Frage „Warum?“ von größter Bedeutung. Sie zielt nämlich auf den tiefsten Sinn einer Sache und sucht ihre eigentliche Erklärung, und an der hat er größtes Interesse. Insofern wir uns in den letzten Kapiteln angewöhnt haben, einen Seitenblick auf die modernen Wissenschaften zu tun, können wir sie hier sozusagen bei Seite lassen. Was dem heiligen Thomas nämlich besonders am Herzen liegt, ist den Wissenschaften schnurz.
Wenn ein Dachziegel auf dem Schädel eines Spaziergängers landet, dann kann man mit Hilfe der Wissenschaften die Vorgänge beschreiben. Auf die Frage „warum“ könnte man beispielsweise sagen, die Schwerkraft habe den Ziegel herunterfallen lassen. Vielleicht wird man beschreiben, dass ein Dachdecker ihn nicht richtig befestigt hat. Man kann die Festigkeit des Schädels mit der des Ziegels vergleichen und gegeneinander aufrechnen und so weiter. Das heißt, man kann den Vorgang ziemlich gut beschreiben und so die Gründe einigermaßen ans Licht fördern.
Es gibt da allerdings noch eine weitere, tiefere Frage nach dem Warum. Die interessiert die Wissenschaft nicht im Geringsten, für den Aquinaten aber ist sie von Wichtigkeit und eröffnet eine ganz neue Recherche. Man könnte nämlich fragen, was der Dachdecker für ein Motiv hatte, den Ziegel zu lockern oder nicht richtig zu befestigen. Es stellt sich heraus, er ist der Neffe eines steinreichen Mannes, der Spaziergänger ist dessen Sohn und Alleinerbe. Stirbt dieser, bekommt der Mann auf den Gerüst das ganze Vermögen. Die Frage „warum“ macht die Welt zum Krimi und eröffnet ein Auge, auf dem die Wissenschaft blind ist.
In der Zachäusgeschichte können die gleichen Rechnungen aufgemacht werden. Wir können versuchen, sie so weit wie möglich zu beschreiben. Jesus kommt nach Jericho. Das weckt das Interesse des Zöllners. Der ist aufgrund eines Wachstumsfehlers zu klein geraten, seine Nachbarn dagegen sind von normalen Wuchs. Daraus ergibt sich, dass der Zöllner auf einen Baum klettert. Das steigert die Wahrscheinlichkeit, von Jesus gesehen zu werden. Dieser erblickt ihn, zumal er zufällig in die richtige Richtung schaut, weil sein Blick der Mittagssonne ausweichen will, und so weiter.
Die zweite Frage „warum“ könnte auch zur Antwort haben, dass Jesus den Zöllner anspricht, weil er genau in dessen Haus will. Er will den Menschen ein Beispiel geben, dass er gerade beim stadtbekannten Sünder einkehren will und dass gerade er sein Herz öffnet, sobald der Herr ihm die Ehre erweist. Die Sache ist nun die: Die Frage „warum“ lässt sich häufig an den eigentlichen Vorgängen nicht ablesen. Man kann es dem Dachdecker nicht ansehen, dass er der Neffe des Betroffenen ist und man kann es der Geschichte mit Zachäus nicht ansehen, wie Jesus sich den Zöllner auserkoren hat. Der Krimi mit Zachäus geht schließlich weiter. Jesus leitete sie ein, weil er bei einem Sünder einkehren wollte. Er wollte bei einem Zöllner sein, damit die Menschen sich erzählen, dass der Herr die Sünder liebt. Er will, dass wir das lesen, damit wir wissen, er hat ebenso ein Herz für uns, zumal auch wir uns als Sünder wissen. Christus hat im Jahre dreiunddreißig die Eucharistie eingesetzt, weil sein himmlischer Vater die Sünder lieb hat und damit ein Bücherschreiber im einundzwanzigsten Jahrhundert zur Messe geht. Das sind alles völlig unwissenschaftliche Erklärungen, es sind aber welche.

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