Die Provokation der Verwandlung

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Ich habe ja schon angedeutet, dass ich die Bücher jener Leute, die ich zugegebenermaßen etwas verächtlich die „nervösen Atheisten“ nenne, nicht lese. Wenn mir eins unterkommt, schaue ich kurz hinein, in der Hoffnung, etwas von Wert zu finden. Bislang hielt ich das Weiterlesen aber immer für Zeitverschwendung. Nun vermute ich, dass die angesprochenen Gegner meine Bücher unter Angabe der gleichen Gründe auch nicht lesen. Sollte sich am Ende aber doch einer bis hierher verirrt haben, dann muss er jetzt sehr stark sein, wenn er weiter lesen will. Von den Leuten zur Zeit Jesu in der Bibel wurde das auch verlangt. Als der Heiland für viele Leute Brote gezaubert hatte, strömten die Massen zu ihm, um ein weiteres Wunder zu erleben. Christus kritisierte das als oberflächlich, wohl weil sie ein oberflächliches Geschehen suchten. Dann kündigt er ein Wunder an, das ganz anders, nämlich überhaupt nicht oberflächlich sein würde. Er sagte, er werde seinen Leib zur Speise und sein Blut zum Trank anbieten. Daraufhin gingen die Leute mit Entsetzen weg und fragten sich, wie das denn funktionieren solle.

Mit den Wundern und dem Glauben an sie ist es so eine Sache. Nicht alle, die an Wunder glauben, halten alle Wunder für möglich. Auch in den Reihen der Katholiken lassen sich jede Menge Leute finden, die die Auferstehung Christi von den Toten mit der gleichen Selbstverständlichkeit hinnehmen wie wenn ein Freund mit Bier aus dem Keller kommt. Sie glauben an Engel zu Weihnachten und an die Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana. Aber dass eine Jungfrau schwanger wird, das geht zu weit. Die Leute glauben daran, dass Jona von Gott berufen wurde, in Ninive zu predigen. Sie glauben, dass dem Armen ein Rizinusstrauch über den Kopf wuchs. Aber dass der Schöpfer einen Wal schaffen kann, in den der Jona passt, da kann was nicht stimmen.
Das Jesus Brot aus dem Nichts schaffte, konnten die Leute schlucken, dass er aber Brot nimmt, um aus ihm seinen Leib zu schaffen, das wurde eher zur Kröte, die nicht hinunter wollte.
Eine Erschaffung aus dem Nichts scheint dem Empfinden näher zu liegen, als eine Verwandlung von Etwas in etwas ganz Anderes. Man sagt wohl zu Recht, das Brot der Welt ist in keiner Weise darauf vorbereitet etwas anderes zu werden, als trocken oder schimmelig. Darauf könnte man antworten, das, was wir hier das Nichts nennen, ist eigentlich noch viel weniger vorbereitet, ein ganzes Universum zu werden. Aber diese Antwort ist für Philosophen und stillt nicht gerade den Diskussionsbedarf der Laufkundschaft Jesu. Verwandlung ist einfach schwerer zu denken, als die Schöpfung aus dem Nichts, auch wenn sie in keiner Weise schwerer ist. Thomas antwortet übrigens ziemlich lapidar, die Verwandlung der Eucharistie komme auch gar nicht aus dem, was aus Brot werden könne. Sie komme ganz einfach aus der Mächtigkeit Gottes, und der ist bekanntlich keine Grenze gesetzt.

Thomas sieht aber die Schwierigkeit, die das Wunder der Eucharistie darstellt. Er treibt sie sogar auf die Spitze des Zumutbaren, und er schreibt das schwierigste Kapitel in der Summe mit der Behauptung, Christus sei nicht auf bewegliche Weise in diesem Sakrament.
Vielleicht erst der natürliche Einwand: Aristoteles hatte gesagt, wenn wir uns bewegen, dann bewegen wir uns ganz und sozusagen alles, was an uns ist. Wenn Christus in diesem Sakrament ist, dann bewegen wir also auch ihn, wenn wir es bewegen. Dem wird wohl niemand widersprechen können. Wenn unsere Priester den Kranken das Sakrament bringen, dann tragen sie den Herrn in ihr Haus, und er kommt zu ihnen wie damals zum Zöllner Zachäus. Thomas tritt hier natürlich nicht an, zu leugnen, dass man Christus in die Häuser bringen kann. Darum geht es ja gerade. Er gibt aber in seinem Einwand zu bedenken, der Leib Christi residiere aber doch „im Himmel in Ruhe“, und am Ende seiner Antwort sagt er, streng genommen müsse man also sagen Christus sei auf unbewegliche Weise bei uns.

Die Sache ist nun die: Christus ist im Sakrament weder so bei uns, wie er jetzt im Himmel ist, noch so, wie er damals bei Zachäus an die Tür klopfte. Die sakramentale Weise da zu sein ist eine ganz neue und ganz andere, als jede sonst. Man beachte die Behauptung: In der Wandlung auf dem Altar ändert sich die Substanz von Brot und Wein in die von Christi Leib und Blut. Alles äußere bleibt. Es riecht wie Brot, schmeckt wie Brot und ist so schwer wie Brot. Das Wunderliche ist, nach dem, was die Luft verdrängt, was der Schwerkraft unterworfen ist und was wir in Händen halten, ist es wirklich brotmäßig. Der Substanz, also der eigentlichen Wirklichkeit nach ist es aber Christus, und wer das glaubt, wird mit allem Nachdruck sagen, es handelt sich genau so tief um den Herrn, wie bei ihm selbst um einen ganz normalen Menschen. Den örtlichen Bedingungen nach aber eben nicht,und genau darin liegt das Besondere dieser einzigartigen Weise, da zu sein. Wenn man nicht lange drüber nachdenkt, klingt es eigentümlich, aber der Sache nach kann man sagen, der Priester trägt Christus zu den Bedürftigen, dennoch wird er, den örtlichen und äußeren Bedingungen nach nicht bewegt.

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13 Kommentare zu “Die Provokation der Verwandlung

  1. Hi, ich lese die philosophischen Bücher von Kurt Flasch oder Franz von Kutschera mit großem Gewinn. Und wundere mich über all das, was uns in den diversen Vorlesungen so vorenthalten wurden. Und noch mehr über mich und uns, dass wir den Knick in der Logik bei vielem, was wir so gehört und in Prüfungen wiedergegeben haben, nicht bemerkt haben.

  2. Oh, Flasch habe ich auch schon gelesen, vor allem aber gehört. Der las an der Bochumer Fakultät der Philosophen, als ich dort studierte. Es lief damals sogar genau die Vorlesung mit dem Thema „warum ich kein Christ bin“. Seine Vorlesungen waren so gut besucht, dass sie abends um viertel nach acht angesetzt waren mussten. Leider aber waren sie polemisch und weit weniger sachlich als seine Bücher. Nachdem ich mich einmal vor der Öffentlichkeit seiner Hörer in einer seiner Vorlesungen mit ihm angelegt hatte, bin ich besser nicht mehr hin gegangen. Die Argumente gegen den Gottesglauben waren ja dann doch keine anderen, als die, die immer kommen. Wie auch?! Sie waren nur akademischer ausgedrückt, und das ist ja schließlich das, worauf die Leute abfahren: Sophismus eben.

  3. Der Sophismus oder der argumentative Fehlschluss ist allerdings auch kirchlich weit verbreitet. Die Anfragen von Franz von Kutschera zur Offenbarung scheinen mir deutlich stärker als die Gegenargumente.

  4. Lieber Jo,
    ich könnte dir – um die Debatte aus der Öffentlichkeit zu nehmen – eine email mit den Argumenten schicken. Aber ich bezweifele ie Sinnhaftigkeit des Unternehmens. Du glaubst den ganzen Kram noch, ich (vieles) nicht (mehr). Da wird es egal sein, wer die Argumente liefert. Flasch liegt schon ganz richtig, z.B. mit dem, was er über das Priestertum oder die religiöse „Erfahrung“ sagt, oder auch über die Sühne des Todes am Kreuz für den Sündenfall, von dem der Herr an keiner Stelle selbst spricht. Merkwürdig. Offenbarung ist dann Offenbarung, wenn sie sich mit der bisherigen Offenbarung in Einklang befindet – ein logischer Zirkelschluss. Glaube und Vernunft sind eben nicht so einfach in Einklang zu bringen, wie JoPa das in seinen Schreiben behauptet hat. Usw. usw.

  5. Lieber Uwe,
    wahrscheinlich hast Du doppelt Recht: Ich gaube den ganzen Kram noch, und habe gute Gründe dafür. Ich bezweifle die Sinnhaftigkeit, die Du ansprichst auch, wohl aber nur, weil mir die Zeit fehlt. Ich möchte gern einigermaßen stringent an meinem Projekt mit den Sakramenten arbeiten. Bei von Kutschera würden mich allerdings seine Argumente gegen den Reduktionalismus interessieren und wie er seinen, wenn ich richtig sehe, struturellen Dualismus verteidigt, zu dem ich auch neige. Aber für die analytische Philosophie reicht meine Bildung nicht, ehrlich gesagt. Da hätte ich zu viel Nachholbedarf.
    Ich bitte, mir nicht gram zu sein, aber vor Flasch habe ich leider jeden Respekt verloren. Dem würde ich eher den Kaplan von Gran Torino empfehlen als ein Buch, um es mal so zu sagen.
    Im Übrigen glaube ich, man muss Glaube und Vernunft nicht in Einklang bringen. Sie sind es. Aber auch das Fass müssen wir hier nicht öffnen.

  6. Lieber Jo, war es nicht Thomas von Aquin, der gesagt hat, man solle weniger darauf achten, wer etwas gesagt hat als vielmehr auf den Inhalt der Aussage?? Soviel zu Flasch.
    Und wenn Vernunft und Glaube so einfach in Einklang zu bringen wären, hätten die Päpste vermutlich nicht soviel darauf verwendet, dazu Enzykliken zu schreiben.
    Mag jeder glauben, wie und was er will. Aber man sollte nicht meinen, dass das anderen direkt einsichtig und vernünftig ist.

  7. Lieber Uwe,
    es sind die Argumente, nicht die Person. Es ist nicht Flasch, weil er Flasch ist, sondern, es ist Flasch, der schlecht argumentiert. Ich beziehe mich allerdings nur auf seine Abschiedsvorlesung und das daraus resultierende Buch.

    Aber man sollte nicht meinen, dass das anderen direkt einsichtig und vernünftig ist.

    Deshalb wohl die Enzykliken.
    Das alte, aber gültig bleibende Argument lautet: Glaube und Vernunft, beide sind von Gott. Deshalb sind beide strukturell einander nicht im Widerspruch.

  8. Hätte eine Nachfrage @Uwe Wierny:
    Wieso ist es ist merkwürdig, dass Jesus selbst nicht von der Sühne sprach, sein Tod aber so gedeutet wurde?

  9. Lieber Jo,
    zunächst und bei allem: Caritas est amicitia. Die wird auch kontroverse Gespräche aushalten. Dann würde ich unser Nikodemusgespräch doch in die E-Mail verschieben, da hören nicht so viele zu. In katholischen Blogs weiß man nie, ob man nicht plötzlich wild und unter der Gürtellinie beschimpft wird. Habe da ja so meine Erfahrungen gemacht.
    Aber nun noch für alle die entsprechenden Zitate von Flasch, die zumindest nicht dumm und leicht von der Hand zu weisen sind:
    „Die vor der Unbill des Lebens am meisten geschützte soziale Schicht fast aller Jahrhunderte der Zeit von 313-1800 – Kleriker zahlten keine Steuern, wurden nicht Soldaten, waren von Hungersnöten kaum betroffen – verschaffte sich mit der Opferideologie das Bewusstsein, sie vollziehe an sich selbst das Leiden des Heilands am Kreuz. Sie übertrieben, noch voll an der Macht, in ihrer Opferrhetorik Bosheit und Stärke ihrer Feinde. Sie vergaßen alle Privilegien, verklärten ihren Sonderstatus und verteidigten ihn damit, sie brächten für andere ihr Leben als Opfer da.“ (Flasch, Christ, S. 205). Kann man mal drüber nachdenken. Ist heute auch noch so. In Deutschland zumindest, und da gab es wohl nur die Ausnahmen Drittes Reich und DDR. Manch dicker Prälat meint heute noch selbstzufrieden, er wäre dem lieben Gott wohlgefällig…. Ich weiß, wovon ich rede.

    „Augustin … machte aus dem Apfelbiss, den der Jesus der Evangelien nie erwähnt hatte, den Sündenfall der gesamten Menschheit und den Beginn der Teufelsherrschaft auf Erden.“
    Immerhin bemerkenswert. Wurde in Theologie-Vorlesungen nie drauf eingegangen. Jedenfalls nicht bei denen ich war.

    Dann noch nebenbei: Ob Konstantin eine Himmelserscheinung hatte oder nicht, ob das PX nicht nur das etwas erweiterte Zeichen des Sonnengottes war…
    Dass die historische Existenz des Benedikt von Nursia fraglich ist, kann man bei Johannes Fried nachlesen. Wenn man will. Und nicht mit historischen Scheuklappen durch die Welt läuft.

    Und für Kutschera und Offenbarung – das kann man auch bei books.google nachlesen.
    Also, nichts für ungut..
    Herzlichst

  10. Auch wenn ich nicht angesprochen bin, möchte ich dennoch meinen bescheidenen Senf abgeben (auch wenn ich als alter Protestant irgendwo eh schon bei der Diskussion „außen vor“ bin):
    Ich verstehe nicht, warum man nicht vom Sühnetod Christi reden darf, nur weil der Herr Jesus selbst nicht davon gesprochen hat. Ich verstehe auch nicht, warum man den Apfel nicht als Erbsünde deuten darf (wobei die Frage ist, was das heißt; als historischen Vorgang würden wir das ja heute eh nicht deuten), nur weil der Herr Jesus es nicht getan hat. Übrigens war es nicht Augustin, der diese Deutung begonnen hat, sondern Paulus. Und dass der Apfel für Augustin Beginn der Teufelsherrschaft war, hab ich so auch noch nicht gelesen.
    Ich finde, man muss unbedingt mit historischem Schaverstand und mit historischen Methoden Bibel und Kirchengeschichte betrachten. Die Frage ist, was das heißt. Ich lese die Bibel wie die gesamte Christentumsgeschichte daraufhin, inwieweit sie mir mein Leben wie die Existenz Gottes wie auch das Leben Jesu (eigentlich in umgekehrter Reihenfolge) nachvollziehbar deutet. Für die Deutung Jesu heißt das u.a.: Ist der Sühnetod eine Vorstellung, die nur sekundär ist oder hat sie einen wie auch immer gearteten Anhalt an diesem Geschehen vor 2000 Jahren? Ist es nur Dichtung und war Paulus, waren die Evangelisten in ihren Deutungen von einem Geschehen ergriffen, was sie versuchten mit und durch die religiösen Sichten ihrer Zeit zu deuten? Was heißt das für heute und was heißt das für die heutige Deutung dieses Ereignisses? Ich finde, man kann die Sühnevorstellung plausibel und vernünftig darlegen ohne historische Scheuklappen oder andere zu tragen.
    Dass Kleriker nun wiederum dazu neigten, ihr Amt zu missbrauchen, bzw. solcher Missbrauch historisch immer wieder sichtbar war und auch immer wieder theologische Legitimation erfuhr ist m.E. unberstritten. Aber auch hier die Frage: Was heißt das für eine Theologie der Sühne und für eine Theologie des Priestertums? Beides aufzugeben?

  11. Danke, Benni, von wegen außen vor.
    Wegen akuter Müdigkeit versuche ich mich morgen an meiner Antwort und möchte sie als sportliche Herausforderung in der Aufgabe von einer zweiten Seite her angehen.

    @Uwe: Klar, kontroverse Meinungen sind starke Anlässe was zu lernen. Also mehr Anlass zum Dank denn zur Feindschaft. Und nebenbei, Benni und ich hätten uns längst gegenseitig in die Luft gesprengt, wenn unsere Kontroversen uns hätten entzweien können. Das Gegenteil ist der Fall. Alles eine Frage des Stils. Was die amicitia angeht, beantrage ich Lebenslänglich.

  12. Lieber Jo,
    Wie sollte es möglich sein, dass der Marquis von Carabas nicht existiert, wo doch auch der Gestiefelte Kater beteuert, in seinen Diensten zu stehen? (Umberto Eco, Das Foucaultsche Pendel)
    Logischer Fehlschluss.
    Ich habe dir diesbezüglich auch eine mail geschrieben.
    Herzlichst UW

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