Zur Unvereinbarkeit von Religion und Wissenschaft

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In der Auseinandersetzung mit dem Atheismus hat meine Kirche offenbar einen geordneten Rückzug angetreten, es ist still geworden an der Front. Das ist die geeignete Zeit, sich in aller Stille auf dem Schlachtfeld nach Schlagworten umzusehen, die da noch herumliegen. Eines davon lautet: „Religion und Wissenschaft sind unvereinbar“. Beim zweiten Blick fällt auf, dass viel zur Religion und viel zur Wissenschaft gesagt wird. Aber man lässt es offenbar aus, den Leuten zu erklären, was mit der Unvereinbarkeit des Näheren gemeint sein könnte.
Es gibt Dinge, die man nicht versöhnen kann, obwohl man es will oder eigentlich müsste. Wenn in einer Familie oder in einer Arbeitsgemeinschaft unversöhnliche Streitpunkte auftauchen, wird man versuchen, sie beizulegen. Es gibt da ein handfestes Interesse.
Pazifismus und Waffenbesitz sind auch unvereinbar, es würde aber merkwürdig aussehen, wenn sich ein Pazifist nach einer Kanone umsieht. Pazifisten werden sich nicht für Waffen interessieren und keine haben wollen. Da besteht kein solches Interesse. Es gibt also zwei verschiedene Weisen der Unvereinbarkeit. Die eine stört und die andere ist egal. Die Unvereinbarkeit zwischen Wissenschaft und Religion scheint mir von der zweiten Sorte zu sein. Es gibt jede Menge gläubige Wissenschaftler, aber keine gläubige Wissenschaft. Wissenschaft und Glaube schließen sich in der Tat aus, das macht aber nichts.  Ich habe jedenfalls noch keinen Wissenschaftler getroffen, der sein Bedauern darüber ausgesprochen hat.
Kein Richter sperrt seinen Delinquenten ein, weil er an dessen Schuld nur glaubt, und kein Architekt wird eine Brücke in Auftrag geben, weil er glaubt, dass sie halten wird. Lise Meitner hat die Kernspaltung nicht entdeckt, weil sie Otto Hahn so lieb hatte, sondern weil der ihr zwingende Messergebnisse vorbrachte. Dass Meitner Jüdin war, spielte dabei nicht die geringste Rolle.
Natürlich sind Religion und Wissenschaft unvereinbar, sie sind verschiedene Welten. Das macht aber gar nichts. Ich verstehe deshalb nicht, warum man das unter den Thesen der Atheisten findet, die dastehen wie die Tafeln der Köche vor ihren Läden. Wenn auf denen „Dorade mit Kartoffeln steht“, weiß jeder, was er bestellen kann. Keinem ist damit gedient, wenn man ihm dort „Morgen ist Freitag“ zu lesen gibt.
Wenn über der Auskunft der Atheisten ein Bekenntnis wie „wir schenken nur dem unser Vertrauen, was uns die Wissenschaft sagt“ stünde, dann würde es Sinn machen. Dann könnten sie sagen, für sie mache das religiöse Glauben keinen Sinn, und die Gläubigen bräuchten ihnen gar nicht erst zu kommen.
Nur, wenn ich kurz darüber nachdenke, dann halte ich eine solche Meinung nicht für überlebensfähig im praktischen Dasein. Man kann einer Person, die einem ihre Liebe gesteht nicht gut sagen, das müsse über die Hirnströme erst bewiesen werden. Das persönliche Glauben scheint mir eine Art Wagnis zu beinhalten, von dem man in den Wissenschaften befreit ist. Fakten zur Kenntnis nehmen ist keine solche Leistung an Vertrauen. Genau die aber verlangt die Religion, jedenfalls, wie ich sie verstehe.
Der Name des Christentums leitet sich von Christus her, und der trat mit dem Anspruch auf, dass man ihm glaube. Als die Frauen vom leeren Grab kamen, erhoben auch sowohl sie, als auch die Botschaft von der Auferstehung den Anspruch, dass man ihnen Glauben schenke. Das ist, wie gesagt, in keiner Weise wissenschaftlich, das will es jedoch auch gar nicht sein.
Es gibt also Unvereinbarkeiten, die schlicht existieren und die sich weder einander ausschließen, noch bekämpfen, und ich habe diese zugegebenermaßen etwas längere Einleitung geschrieben, um auf eine ganz andere Unvereinbarkeit zu kommen, nämlich auf die zwischen dem Sakrament des Altares und der Welt.

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