Hierarchie

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Unter den Fremdwörtern gibt es solche und solche. Die einen sind fremd, ohne dass man sie versteht, die anderen sind fremd, ohne dass man es weiß. Dass Troglodyten in Höhlen wohnen, muss man wissen oder man weiß gar nichts, wenn jemand das Wort im Munde führt. Beim Wort Hierarchie, um das es hier gehen soll, ist das anders. Jeder wird auf die Frage, was Hierarchie bedeutet, freundlich nicken, aber kaum einer wird wissen, was damit dem Ursprung nach gemeint ist.
Ein Ottonormalverbraucher wird beim Klang des Wortes wissen, dass da irgendetwas von oben nach unten durchgereicht wird, meistens Befehle. Der Linke weiß, es sind nur Befehle, und Bosheiten natürlich. Der etwas rechter Gesinnte wird sich das anders zurechtgelegt haben und uns überzeugen, dass sie Welt nur mit einer ordentlichen Hierarchie regiert werden kann. Weil das alles nun so ist, erklären die Gelehrten in aller Regel vor Gebrauch des Wortes, dass Hierarchie nicht nur um ein senkrechtes Gefüge der Ordnung kreist, sondern auch „heilige Herkunft“ bedeute. Damit haben sie dann allerdings ein Fremdwort mit einem Fremdwort und somit gar nichts erklärt.
Das Wort Heilig ist uns ja nicht weniger fremd als das des Tryglodytentums. Die Höhlenbewohner sind uns fremd, weil keiner mehr in Höhlen wohnt und die Heiligen sind uns fremd, weil niemand mehr heilig sein will.
Ein Jugendlicher sprach es vor Kurzem für alle aus, nämlich dass er mit dem Heiligen nicht viel anfangen könne und auch irgendwie nicht wolle; das sei alles so weit weg. Das stimmt, meinte der Kaplan, die Kirche müsse unbedingt geerdet werden. Mit meinem Hinweis, Christus sei aber doch gekommen, um die Erde zu himmeln, war ich unzeitgemäß.
Mein Problem ist: Die Heiligkeit war mir schon immer eine liebe Sache und hat wohl etwas irgendwie Fernes, sie hat aber nichts Befremdendes. Das Problem ist keins von Nähe oder Ferne, sondern, ob das andere uns am Herzen liegt oder nicht.
Wenn Soldaten oder Arbeiter in der Fremde ihre Lieder von der Heimat singen, dann meinen sie damit etwas Liebes, das weit weg ist, nicht was ferne liegt und ihnen gestohlen bleiben kann. Wenn das Ferne ihnen nicht lieb ist, dann haben sie dort keine Heimat mehr, sondern nur noch ein Stück Land.

Ich habe hier gerade gefühlsbetonte Wörter eingeführt. Heimat und Nähe sind Wörter mit Gefühl, im Gegensatz zu etwa Zuhause und Distanz, die eher technisch daher kommen. Das ist nämlich der Bogen, der geschlagen werden muss: Um verstehen zu können, was für den Christen das Heilige ist, muss es als viel mehr etabliert werden, als etwas, das irgendwie schon ganz in Ordnung ist. Für das Zusammenleben reicht es nicht, wenn man sich nur nichts tut. Da muss schon etwas sein, was wir unbeholfen als Liebe bezeichnen. Thomas erwähnt das, wo er von der Freundschaft spricht. Wohlwollen reicht nicht zur Freundschaft. Es muss schon eine gegenseitige Liebe dabei sein.
Eine christlichen Predigt sollte das Heilige nicht nur als nicht schlecht, sondern als Heimat schildern. In der Erklärung der Hierarchie müsste das bereits geklärt sein. Hierarchie meint ihrem Grunde her also eigentlich nie eine kalte Befehlskette, sondern vielmehr eine tragfähige Struktur, die in einem Land ihren Grund hat, aus dem heraus wir mit viel Liebe und Wohlwollen angesehen werden; in Freundschaft, würde der heilige Thomas wohl sagen.

 

II-II 23,1,co.: Sed nec benevolentia sufficit ad rationem amicitiae, sed requiritur quaedam mutua amatio.

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