Das Bild, das die Kirche von sich macht

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Manchmal reicht es nicht, wenn man nur die äußeren Bilder einer Geschichte sieht und deutet. Als Kinder reizte uns das Märchen vom königlichen Prinzen, der in die Gewänder eines Bettelmanns schlüpfte und sich in die Welt der gewöhnlichen Menschen begab. Ein Betteljunge dagegen trug die teuren Kleider am Hof und erlebte dort seine Abenteuer. Reizvoll war die Verkleidung. Man sah den beiden nicht an, wer sie in Wirklichkeit waren. Wie alle bedeutenden Spiele für kleine Leute, gibt es auch diese auch für die großen. Teure Filme leben vom Spiel der Verwechslung und von der Unsichtbarkeit des Wesentlichen. Sogar der große Shakespear spielt mit solchen Bildern, wenn er den Diener Kent vor dem herabgekommenen König Lear sein „Herr, ihr habt etwas in eurem Wesen, das ich gern meinen Herrn nennen möchte“, sagen lässt.
Im Evangelium gibt es eine Szene, zu der Christus drei handverlesene Jünger mit auf einen Berg nimmt. Er verklärt plötzlich vor ihren Augen und schaut ganz fremd und anders aus. Er ist der selbe Jesus, er ist der selbe Mensch. Seine Gewänder aber leuchten in einem Weiß, das kein Walker wirken kann, und er spricht mit zwei großen, längst verstorbenen Gestalten aus dem Alten Bund.
Auch da zeigte sich, dass der mittellose Wanderprediger in Wirklichkeit viel mehr war, als seine äußere Gestalt offenbarte. Das Wesen der Dinge bleibt uns unbekannt, schreibt der heilige Thomas, und manchmal müssen wir informiert sein, um mehr „sehen“ zu können.
Besonders deutlich wird das auch im Geschehen des Opfers Jesu vor den Mauern Jerusalems. Christus hatte Pilatus die Wahrheit gesagt: Er ist ein König! Der da jetzt aber am Kreuz geschunden und zu Tode gebracht wird, dem sieht man sein Königtum wahrlich nicht an. Dennoch, die Bibelkenner belehren uns, dass der Evangelist Johannes bereits die Zeit des Opfers als die Stunde des königlichen Triumphes zu deuten wusste. Thomas schreibt einmal, sowohl das Königtum Christi, als auch sein Priesteramt hätten auf Golgotha ihre Vollendung gefunden.
Weil das alles so ist und alles zugleich dargestellt werden will, hat die Kirche sich in ihrer Bildersprache nie damit begnügt, irgendwelche historischen Szenen nachzuspielen. Die Kreuze über ihren Altären sind mehr als nur das Darstellen einer Todesart. Sie sind  eingebettet in die große Darstellung dessen, was die Kirche ist, was sie will und bedeutet.

Die alten, großen Kathedralen sind mittelalterliche Vorbilder für die Darstellung einer ganzen Weltdeutung. Ihre Grundrisse sind nach antiken Mustern des harmonisch geordneten Kosmos entworfen. Die hohen Säulen mit ihren schweren Enden auf dem Boden wirken, wie wenn die Quasten eines himmlischen Gewandes aus dem Licht des Himmels auf die Erde hernieder schweben. Die himmlische Stadt Jerusalem kommt vom Himmel auf die Welt herab. Die Pforten stehen allen offen. Die Weisen aus dem Morgenland, die Königin von Saba, die Macher der Welt und nicht weniger die Sünder von den Straßen sind eingeladen, hierher, zum großen Geschehen zu pilgern.
An den Pforten bieten sich Gelegenheiten, sich mit Weihwasser der Taufe zu besinnen, sich symbolisch zu reinigen, und im Beichtstuhl in Wirklichkeit. Man pilgert schließlich zur feierlichen Begegnung mit dem heiligen Geschehen. In der Mitte des Geschehens steht das Kreuz auf dem Altar. Es ist die heilige Schnittstelle zwischen dem ganzen Himmel und der ganzen Erde. Es pilgert nicht nur die Welt hierher, es kommt ihr zugleich die Gabe sakramentale Gabe Gottes aus der Wunde des am Kreuz entschlafenen Herrn herab. Das ist die Pforte.

Die Väter der kirchlichen Lehre haben die Seitenwunde Christi schon immer als den Durchgang gesehen, durch den hindurch „Blut und Wasser, die Sakramente der Kirche“ fließen. Aus ihnen wächst die heilige Gemeinschaft, und an ihnen laben sich die pilgernden Seelen. Das ganze ist eine lebendige Darstellung der Kirche, deren Bildersprache im Hochmittelalter ihre große Zeit hatte.
Thomas beginnt nun das Vorwort zum Kapitel um die Priestern mit der Bemerkung, „der Diener dieses Sakramentes“ sei jetzt zu bedenken. Dieser Diener lässt sich, wie wir sehen werden, durchaus aus dem angesprochenen Bild von der Kirche her deuten.

 

Quellen und Anmerkungen: (können übergangen werden)

William Shakespeare, König Lear, erster Aufzug, vierte Szene.

Die Verklärung Jesu, Lk 9,28–36; Mt 17,1–8; Mk 9,2–9.
Mk 9,2f: „Et transfiguratus est coram ipsis; et vestimenta eius facta sunt splendentia, candida nimis, qualia fullo super terram non potest tam candida facere.“

De veritate, q. 10 a. 1 co: „Quia vero rerum essentiae sunt nobis ignotae, virtutes autem earum innotescunt nobis per actus, utimur frequenter nominibus virtutum vel potentiarum ad essentias significandas.“

Sth III,35,7,ad1: „Sacerdotium autem Christi, et eius regnum, praecipue consummatum est in eius passione.“

Joh 18,37: Dixit itaque ei Pilatus: “ Ergo rex es tu? ”. Respondit Iesus: “ Tu dicis quia rex sum. Ego in hoc natus sum et ad hoc veni in mundum, ut testimonium perhibeam veritati; omnis, qui est ex veritate, audit meam vocem ”

Sent. lib. 4 d. 18 q. 1 a. 1 qc. 1 co: „Sed quia ex latere dormientis in cruce sacramenta fluxerunt, quibus Ecclesia fabricatur.“

 

 

 

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