Müssen wir wie Jesus sein?

Bildschirmfoto 2014-10-05 um 12.08.49

Das Kapitel über Jesu Priestertum ist mir mit der Zeit sehr lieb geworden und ans Herz gewachsen. Oder vielmehr sind es die Gedanken, die das Kapitel enthält und einem eröffnet. Die Worte des Professoren selbst, wie er schreibt und die Dinge ausdrückt, sind hier nicht weniger nüchtern und schlicht, wie überall. Der Stil des Thomas hat nunmal die Romantik einer Steuererklärung, da kann man nichts machen. Es sind also wie immer die Gedanken, und da gibt es etwas, was man nie ganz vergessen sollte: Nicht nur die Kapitel selbst, sondern auch die Orte, wo sie stehen.
Was unser Interesse hier angeht, schreibt Thomas in seiner Summe zweimal über das Priestertum. Er trennt aber fein säuberlich und platziert die beiden Male einigermaßen weit auseinander. Es zeigt nämlich, dass das Priestertum der katholischen Kirche keine Sache der Nachahmung ist, und das halte ich für sehr bedeutsam.

Als ich in Bochum lebte, hatte ich eine Bekanntschaft zu machen, die mir nie ganz geheuer wurde. Es handelte sich um einen freikirchlichen Prediger, der zugleich den Beruf des Heilpraktikers ausübte. Ich weiß jetzt nicht, ob ihm der Beruf beim Predigen helfen, oder ob das Predigen ihm seine Praxis füllen sollte. Jedenfalls verband er den Beruf des Heilers mit dem Evangelium, das er predigte. Der Prediger sah aus wie Jesus, und das nicht aus Versehen, was bei Umweltschützern schon mal der Fall ist. Manche Alternativen möchten aussehen wie John Lennon oder Rasputin und treffen zufällig derart, dass alle sagen, sie ähnelten dem Herrn Jesus in seinen Wanderlatschen. Nein, dieser Jünger sah aus wie Jesus, weil er wie Jesus aussehen wollte. Bei dem katholischen Priester, mit dem er befreundet war, sah das ganz anders aus. Der hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit seinem Herrn, sondern hätte dem Äußeren nach viel eher den Pontius Pilatus spielen können, vorausgesetzt man stellt sich diesen wie einen feisten Senatoren im Alten Rom mit einem gehörigen, dicken Bauch vor. Die Freundschaft hielt nicht lange, weil der Jesusähnliche Prediger vom Senatoren immer verlangte, er habe als Jünger Jesu gefälligst zu leben und zu sein wie er. Der Dicke sah das alles gar nicht ein, und so verflog die Liebe dann auch recht schnell, was am Ende wohl niemanden besonders traurig machte.
Im Nachhinein bin ich der Ansicht, dass der große Unterschied in der Tat darin bestand, dass der eine ein Freikirchler war, in dem Sinn, dass er frei war, zu glauben, was er wollte. Der Dicke dagegen war ein Katholik reinsten Wassers. Bitte nicht falsch verstehen, ich glaube natürlich nicht, dass alle katholischen Priester dick zu sein haben, ich glaube aber nicht, dass ihr Bauch sie zu weniger guten Priestern macht, und das begründe ich gern mit dem Aquinaten.

Thomas schreibt über das Priestertum Jesu dort, wo er über Jesus, und nicht über uns spricht. Er sagt dort zum Beispiel, Jesus sei zugleich der Priester und das Opferlamm. Wenn man jetzt dem heilenden Prediger folgen würde, dann müsse man sich als Jünger Jesu auch die Gesinnung eines Opferlammes geben. Das ist mit Verlaub gesagt, nicht die katholische Weise, jedenfalls nicht, wenn man die Schule des heiligen Thomas besucht. Thomas schreibt zu Jesu Priestertum, es habe nicht erst im Abendmahl begonnen. Christus sei vielmehr im ganzen Leben sozusagen ganz Gott geweiht gewesen. Wenn wir unser Priestertum als Nachahmung verstehen müssten, dann sollten wir als Jünger auch so ganz und gar dem Herrn ein Opfer sein. Das ist aber überhaupt nicht gemeint.
Thomas schreibt über Jesu Priestertum nur dort, wo er nur über Jesus schreibt. Im Kapitel über die Sakramente schreibt er wohl auch über die Priester. Dort beantwortet er aber Fragen, wie: Ob nur Priester die Messe zelebrieren dürfen, ob mehrere zugleich, ob die Kommunion eines schlechten Priesters weniger wert ist und solche Dinge. Das sind alles Gedanken, die lediglich sicherstellen, dass bei der Messe alles mit rechten Dingen zugeht.
Worauf ich gern hinaus wäre ist folgendes: Das Christentum thomanischer Prägung ist insgesamt keine Veranstaltung zur Nachahmung irgendwelcher Vollkommenheiten, die, nebenbei bemerkt, ohnehin niemand erreicht. Es ging schon immer schief, wenn die jungen Priester leben wollten, wie der heilige Pfarrer von Ars. Es wird immer komisch, wenn die Nonnen in den Klöstern unbedingt leben und aussehen wollen, wie die heilige Theresia, und mit einem Seitenblick nach draußen scheint mir eine ganze Religion immer dort in der Katastrophe zu enden, wo Muslime glauben, wie Mohammed leben zu müssen.

 

Anmerkungen und Quellen:
Die erste Abhandlung zum Priestertum steht in der Christologie und wird in gewisser Weise als eine Folge der hypotaktischen Union bezeichnet. Das Priestertum Jesu wird also dort beschrieben, wo behandelt wird, was und wer Christus überhaupt war und ist. Sth III,22,pr.
Die zweite Abhandlung steht in der Abhandlung der Sakramente, und da speziell im Kapitel über die Eucharistie. Sth III,82.

Mit „Freikirche“ sind im eigentlichen Sinn keine Gemeinschaften dogmatischer Willkürlichkeit gemeint. Freikirche meint eigentlich eine Kirche, die nicht an den Staat gebunden, also in diesem Sinn frei ist. Die Bemerkung „frei“ als frei zu glauben, was man will, trifft nicht die freien Kirchen und deren Mitglieder, sondern lediglich diese eine Person.

Sth III,22,2,co: „So war Christus, insofern er Mensch war, nicht nur Priester, sondern auch ein vollkommenes Opfer. Er war zugleich das Opfer für die Sünde, das Opfer, das Frieden stiftete und das Brand- und Ganzopfer.
„Et ideo ipse Christus, inquantum homo, non solum fuit sacerdos, sed etiam hostia perfecta, simul existens hostia pro peccato, et hostia pacificorum, et holocaustum.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s