Der Mythos und das Opfer

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Ich bin nicht ganz sicher, ob man in einem Buch ohne Fremdwörter von Mythen reden kann, ohne zuerst den Begriff zu klären. Was Märchen sind, weiß jeder, was Sagen sind, sicher auch. Mythen haben mit beidem zu tun. Wie Märchen und Sagen erzählen auch die Mythen von alten Bildern, Vorstellungen, Fragen und Sehnsüchten, die im Menschen sind. Es gibt alte Bilder vom Durchgang durch den Tod zu neuem Leben. Es gibt alte Motive, die vom Verlorengehen und Wiedergewinnen der Liebe handeln. Es gibt solche, die vom Vertreiben aus dem Paradies erzählen und viele andere Bilder, die immer wieder ihre Geschichten finden. Solche Mythen finden sich immer schon bei den Menschen und ihren Erzählungen.

Als ich mit dem Studieren anfing, ging gerade eine Zeit zu Ende, in der sich bedeutende Gelehrte heftig gegen alles Mythische gewehrt hatten. Man hatte die mythischen Bilder aus dem Glauben entfernen wollen. Die Mythen standen vermutlich im Ruf, etwas an sich zu haben, was man nicht sicher genug ergreifen konnte. Der Glauben sollte wohl wieder mal in einer Art Aufklärungsbad gereinigt und nüchtern gemacht werden.
Mein Erinnern ist gerade nicht sonderlich präzise, aber ich glaube damals schon irgendwie gewusst zu haben, dass die Leute etwas Unmögliches versuchten. Man kann wohl die Mythen aus der Bibel schneiden oder unbeachtet lassen. Damit hat man sie aber nicht aus den Menschen genommen. Oberflächliche Leute denken schon mal, die Menschen würden an die Mythen glauben, weil sie in der Bibel stehen. Ich würde eher meinen, sie stehen in der Bibel, weil die Menschen schon immer an sie geglaubt haben. Mythen gehören zum Menschen und sind älter als die Geschichten, die sie erzählen. Wenn die Alten den Jungen erzählen, dann geben sie urmenschlichen Bildern Ausdruck.
Man kann einem Pferd das Zaumzeug vom Kopf nehmen. Dadurch wird es irgendwie ein freieres Pferd ohne die Last, die es vorher trug. Man kann ihm aber nicht den Kopf abschrauben, ohne dass es aufhört ein Pferd zu sein. Man könnte die Menschen nur dann von ihren Mythen befreien, wenn diese nicht zum Menschen gehören würden, wie ihre Natur und das lachen Können zum Beispiel. Die Menschen lachen nicht nur, weil sie Witze hören. Sie lachen auch, weil sie lachen möchten, und das aus ihrer tieferen Natur heraus. Man mag dem Menschen das Lustige und die Witze nehmen. Seinen Humor aber wird er behalten. So werden die Leute immer die selben Mythen haben, ganz gleich, ob man sie pflegt oder verachtet.

Wir stehen mit unseren Gedanken beim religiösen Opfern, und ich leite hier so lange ein, weil dem Opfergedanken etwas tief Mythisches anhaftet, das zum Menschen gehört.
Vermutlich gibt es grundsätzlich zwei Weisen des Opferns. Das eine geschieht, um ein Gegenüber gnädig zu stimmen, um ein Verhältnis mit ihm in Ordnung zu bringen, oder weil um eine Gabe gebeten werden soll. Der berühmte Sündenbock, der geopfert wurde, sollte die Gottheit zur Verzeihung veranlassen. Man brachte schon immer Opfer, um irgendwelchen Göttern zu schmeicheln oder um gute Ernten zu erbitten. Es ist an dieser Stelle nicht relevant, in wie weit es die Götter genauer gibt oder gab, oder auch nicht. Hier geht es um den mythischen Antrieb des Menschen.
Die zweite Weise der Opfer kommt aus einem ganz anderen Motiv. Sie geschieht aus Freude oder einer Art Dankbarkeit. Verliebte haben eine herrliche Lust, einander Geschenke zu machen, die irgendwie was kosten. Für einen frischen Bräutigam kann der Blumenstrauß nicht groß genug sein, den er seiner Angebeteten bringt. Als der heilige Thomas von einer Krankheit genesen war, lud er zum Dank an die heilige Agnes seine Studenten zum Essen ein. Auch das kann als eine Art Dankopfer angesehen werden.

Im Mythos vom heilen Paradies nun konnte es die erste Weise des Opferns nicht gegeben haben. Alles war noch in Ordnung, die Menschen wussten, die Zuneigung der Gottheit war ihnen sicher. Sie brauchten nichts herbei opfern. Keine Sünde trübte das Verhältnis zum Schöpfer, so war auch kein Sündenbock vonnöten. Alles war reine Gabe im Überfluss, es brauchte keine Opfer für gute Gaben und reiche Ernten. Einzig der reine Dank und der Baum der Erkenntnis waren Möglichkeiten, dem Herrn seine Zuneigung zu zeigen. Mit dem Baum der Erkenntnis war eine Art Gebot ausgesprochen: Es durfte nicht von ihm gegessen werden. Es war eine Ehrensache und eine Möglichkeit, hier zu tun und zu lassen, was der schöpferische, liebe Vater angeordnet hatte. Wie es auch eine Lust für kleine Kinder ist, zu tun, was die Eltern gesagt haben, nur weil sie es gesagt haben.
Später, nach der Sünde und der mythischen Vertreibung aus dem Paradies, eröffnete sich erst die andere Weise, Opfer darbringen zu können. Mit ihr ergab sich zugleich dieses Wechselspiel von „weiß nicht recht“ und „es muss sein“. Hier eröffnete sich mit dem Opfer die bange Ahnung, dass Gott solcherlei Opfer doch gar nicht nötig hatte, und dass man aber doch ein Bedürfnis danach verspürte. Mit dem Opferkult entstand also auch seine Krise und Kritik an ihm.
An dieser Stelle beendete das Opfer Christi ein für alle mal alles bittende Opfern. Mit seiner Tat eröffnete er wieder die Grundlagen des alten Paradieses. In diesem neuen Zustand gibt es keinen Grund mehr, sich die Gottheit gnädig zu stimmen, denn „nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes“, wie Paulus schreibt. Die Verzeihung ist ein für alle Mal erledigt und das Himmelreich ist ebenfalls eröffnet. Es bleibt, wie im Paradies damals, einzig das Opfer des Lobes und des Dankes. So heißt denn auch das Opfer des Altares nurmehr „Eucharistia“, Danksagung.

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